"Das Politische anders denken"

Frühling der Bürgerlichkeit?

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Written by edomblog

28. August 2010 at 02:18

Lena Dunhams „Girls“: Zärtliche Intimität als kulturelles Tabu

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Lena Dunham muss man sich als eine glückliche Frau vorstellen. Die Schöpferin von „Girls“ ist mittlerweile mit dem Musiker Jack Antonoff zusammen, von dem sie schwärmt, u.a. weil er Songs für Superstar Taylor Swift schreibe. So schrieb er für Swift den Song „Out of the woods“. Während Dunham nun mit ihrem Freund in einer gemeinsam gekauften Wohnung in Brooklyn samt Hund lebt, sind die Lebensumstände der vier junge Frauen in „Girls“ äußerst bescheiden. Dunham selbst spielt darin eine Frau in New York, die zuerst als Dauerpraktikantin ohne Entlohnung beschäftigt ist und deren Eltern ihr das Geld streichen. Der Mikrokosmos in der die 2012 gestartete Serie lässt nur den Schluss, dass Dunham von Liebe damals noch nichts verstand. In Bezug auf die Liebe ist Dunham umnachtet und verwirrt. Bei Dunham sind die jungen Frauen in einer Art „quarter life crisis“. Die Serie ist seit „Generation X“ und dem Sound von Grunge der größte popkulturelle Einbruch der amerikanischen Selbstgewissheit über die Zukunft. Von der alten Überflussgesellschaft ist nichts mehr übrig. Dunham legt ihre eigene Generation in ein grelles, unvorteilhaftes und ungnädiges Licht ohne einen Hauch von Versöhnlichkeit mit dem Leben. Die Serie verweigert vor allem Frauen Lösungsmöglichkeiten und es fehlt jegliches Vertrauen in die natürliche Entwicklung. Statt Schmerzen im Hirn oder im Unterleib auszulösen, gilt Dunham als Verbündete. Gilt der Realismus der Serie als Befreiung, so bleibt die liebenswürdige Hilflosigkeit und Niedlichkeit ihrer Lebensuntüchtigkeit ohne Orientierungsgewinn. Äußerlich stehen die junge Frauen zwar selbständiger dar, innerlich scheint die Lebensangst und Untüchtigkeit an die 50er Jahre zu erinnern. Durch die Geschwätzigkeit über das Intimleben der Serie inszeniert Dunham eine Mädchenfreundschaft zwischen Figur und Zuschauerin. Lena Dunham wählt eine universale Sprache, um sich verständlich zu machen, die von Nacktheit und Sex. Die Frage bleibt, was der Preis dafür ist.

Aus dem Thema Jugend, junge Frauen und Sex ließ sich schon immer Kapital schlagen. Dunham kreuzt Woody Allen mit Schulmädchenreport und New Yorker Sitcom. Dunham stellt sich in eine große Tradition amerikanisch-jüdischer Filmmacher über die Themen Liebe, Sex und Erwachsenwerden. Mit Judd Apatow als Regisseur wählte sie einen Experten für das Genre diesbezüglichen Klamauks.

Einen Teil des Preisgeldes, das Dunham entrichtet dafür, sich selbst zu spielen, ist ein unglamouröses Umfeld für ihre Dicklichkeit zu erschaffen. Dunhams Figur ist so verloren wie Ally McBeal neurotisch war. Das Leiden erfährt jedoch eine Zunahme. In dichter Abfolge stürzen die Dinge über die vier Protagonistinnen herein. Sie lässt einen weniger teilhaben am Aufstieg in die Welt der Schönen und Reichen, sondern am Abstieg. Doch während das Dasein als jüdischer Kreativschaffender als Autor oder Filmmacher in New York selbst schon ein Stereotyp der Filmgeschichte ist, ist die Prekarität bei Dunhams „Hannah“ durch die soziale Stellung und das Geschlecht gesteigert. Dunham taugt mehr als körperlich kräftige jüdische Matrone denn als abgehungerte „Carrie“. Dunham unternimmt gar nicht den Versuch, puritanische Knöchernheit zu spielen. Sie zeigt Körpereinsatz und versteckt ihre Tattoos nicht.
Dunham führt Themen ein, die altersmäßig schon bei High-School Filmen abgehakt sein könnten, angefangen bei Kondomen, Gleitgel und Geschlechtskrankheiten. Anstelle dröger amerikanischer Provinz kann sie aber ein New York für Mittzwanziger nach dem liberal arts College bieten.
Den entscheidenden Unterschied machen aber die ernsten Dinge der „things of life“: Sexuelle Belästigung, bittere Scherze über Vergewaltigungsstatistiken am College, dazu Schwangerschaft. Hätte früher einmal jedes der Themen für einen Spielfilm in voller Länge gereicht, werden hier die Dinge in portionierten Einheiten und der Serienlänge von 25 Minuten abgehandelt. Alkohol, Drogen und Sex zur Selbstbetäubung werden nur angedeutet.

Den Körpereinsatz hat Dunham mit Pornos gemein, zeigt aber das, was in Pornos nicht sichtbar ist, nämlich die Hilfsmittel. Trotzdem ist die Umstandslosigkeit, in der Haut und Sex gezeigt wird, erheblich. Die Namen aller Figuren bestehen aus Alliterationen, wie bei Pornostars (Hannah Helene Hoverath, Marnie Marie Michaels, Jessa Johansson und Shoshanna Shapiro). Auch visuell ist die Schnittmenge mit Softerotik eher gering. Was sich im Alltag als Tragik und sexuelles Elend abspielt, erfährt hie durch komödiantische Mittel Entlastung. Die Serie dokumentiert die Selbstunsicherheit und Labilität von jungen Frauen der Mittelschicht, die sie im Wege der Unterhaltung unangenehm normalisiert. Die Figuren müssen bestimmte Themen abhaken und dürfen dabei oft nur versatzartig sprechen.

Dunhams Figur Hannah hat eine Fickbeziehung mit Adam, einem Hipster-Verschnitt mit notorisch nacktem Oberkörper, in dessen Bude drei Fahrräder unterschiedlicher Art sind. Adam hat einen größeren Penis; über (mögliche) Schmerzen beim Sex wird aber nicht gesprochen. Der seelische Schmerz wird nur in Ansätzen sichtbar. Während Hannah nun auf den Muskel-Juden abfährt, stellt sich heraus, dass ihr zweijähriger Geschlechtspartner auf dem College – Elijah -, mittlerweile homosexuell ist, und als Klischeeschwuler präsentiert wird.

Hannah wohnt zusammen mit der brünetten Schönheit Marnie und der jüdischen Jungfer Soshanna, in deren Namen ebenfalls die Buchstaben „Hanna“ vorkommen. Dazu tritt die Weltenbummlerin Jessa, die auch „Hannah“ halb im Namen trägt (sie heißt Jessa Johannson).

Jessa spielt die Naturschönheit, die immer innerlich etwas der Welt abgewandt dargestellt wird. Ähnlich wie die überwältigende Jugendlichkeit von Blake Lively in „Gossip Girl“ kann sie einfach durch das Leben purzeln. Weil das Leben sie nicht so sehr fordert, ist sie zwar reiseerprobt, aber trotzdem überfordert mit dem, was ihr das Leben reichlich liefert. Sie strahlt ein wenig von der Entrücktheit aus, die Übernatürlichkeit mit sich bringt.

Demgegenüber ist Hannahs Mitbewohnerin Marnie die einzige, die einen regulären Job hat und eine Beziehung. Marnie steht für mehr Planung und Überlegtheit. Sie reicht aber nicht im geringsten an die Form der Überlegenheit und Gefasstheit einer der Damen aus der Charaktergeneration von „Sex and the City“ heran. Mit „Charlotte“ eint sie nur die Haarfarbe und der Job in einer Galerie, bei dem sie aber nur als Telefonistin in Erscheinung tritt. Ihre klassische Schönheit gerät ihr insofern zum Nachteil. Marnie bezahlt die Miete als Hannah kein Geld hat, was sie ihren Eltern gegenüber lieber verschweigt. Ihre College-Liebe schrumpft zur Konventionsbeziehung und Gewohnheit. Charlie stellt sich als lieber Junge dar, der nicht mehr viel taugt. Es ist der Typ Beziehung, der eine attraktive junge Frau davor schützt, die ganze Macht von Sexus und Eros zu spüren zu bekommen.

Dunhams Hannah steht für die rückhaltlose biopolitische Mobilisierung für den eigenen Profit und kulturelles Abrutschen. Das Verschwinden von Scham drängt die Frage auf, was noch gewiss ist als Grenze. Der Zwang zur Offenbarung und das Duelllieren mit Sprüchen löst die Subjektivität der Figuren in ein niedriges Niveau auf, deren Gehalt keinen Zuschauer mehr ängstigen muss.

Insoweit sich Hannah von Adam hart und schmerzhaft durchficken lassen muss, erscheint sie nur als reaktionärer masochistischer Frauenfigur einer anderen Epoche, die ein beschädigtes, unfreies Lustempfinden hat und deren Recht auf Orgasmus nicht existiert.

Auch Spaß am Sex ist nicht mehr als Recht der Frau existent. Es kommt nur in der Rhetorik in der Sprache der Elterngeneration bei Hannahs Mutter vor: having fun. Diese werden als stereotype alte amerikanische Akademiker vom Land mit altem Volvo präsentiert. Eine feine Nuancierung ist nicht gewollt.

Das geschlechtliche Gegenüber ist im wesentlichen unbekannt und als Mensch und Person wenig greifbar. Alle Figuren leben mit einer niedrigen erotischen Subjektivität und Beziehungen, in denen der andere nur ein Anhang ist. Wie im Welterfolg „Harry und Sally“ ihres Vorbilds Nora Ephron stehen Dunhams Figuren vor Liebe und Erotik so unbewandert als hätten sie noch nie am Leben teilgenommen. Überhaupt der Sex: Er wird immer so gezeigt, das eine Seite das Sagen hat. Eine gemeinsame Lust erscheint nicht. Sex schrumpft zur konformistischen Verrichtung. Eine zärtliche Intimität wird zum kulturellen Tabu gemacht. Sex besteht darin, auf gewünschte Gefälligkeit der anderen Seite einzugehen.

Weil der Sex so schlecht ist, muss er mehr und schmutzig gemacht werden ohne je eine verlässliche Lustressource werden zu können. Der Sex bleibt ein Fremdkörper. In keiner einzigen Situation hat die Frau die Macht und die Möglichkeit zu sagen, was sie braucht. Die Serie lebt vom Schwund jeglicher Selbstsicherheit. Sex bleibt auf dem Teenager Level des Ausprobierens und kanonischen Abarbeitens.

Die Kraft des Beckens einer Frau, ihre Anziehungskraft, ihre Wärme, ihr Zutrauen in ihre Weiblichkeit, bleiben verschlossenes Land. Eine wohlige, behagliche subversive Erotik wird nicht einmal sichtbar. Stattdessen gewinnt jedes Mal der Sex gegen den und die, die Sex haben. Sex wird zur Verurteilung und Bürde. Dunham gelingt daher keine Ausstrahlungskraft durch produktive Auseinandersetzung. Eine verklemmte Keuschheit regiert die Boheme. Glück dank Ekstasen wird im gemalten Bildportrait der Großstädterinnen nicht sichtbar. 50 Jahre nach der sexuellen Befreiung sind die Gelüste ein Problem für die Menschen. Von befreiter Liebe durch bestens verfügbare Verhütungsmittel wie Kondome, Pille und Abtreibung ist nichts zu spüren. Unklar bleibt auch, welche Instanzen als Verbündete der jungen Frauen in Frage kommen. Dieser Punkt stimmt am traurigsten. Quellen des Zuspruchs und der Hoffnung sind nicht auszumachen. Aus der ganzen Aufmachung spricht ein Kummer, der nicht als solcher sichtbar gemacht werden darf.

Ende 2014 schließlich offenbarte Dunham im Interview gegenüber ICON: „Allerdings ist mir persönlich erst klar geworden, wie schlecht mich Männer zuvor behandelten, seit ich das erste Mal mit jemand Nettem zusammen bin.“ Unterstellen wir einmal, diese Aussage sei kein Irrtum. Sollte es für Dunham erst dadurch geschehen sein, dass ihr ein Promistatus die angemessene Behandlung durch einen Mann gebracht habe, wie traurig ist doch ihre Welt. Dieser Lösungsweg steht nicht vielen Menschen offen. Umso wichtiger ist es, dass die Kunst als Ressource mit ihrer Lampe den Weg beleuchtet. Nur wie soll jemand Kunst über das Leben machen, dessen Einsicht in das Leben vollkommen unterlegen und gering ist? Dunham räumt mit ihrem Statement ein, dass erst die Liebe sehend macht. Welche Berechtigung hat eine Kunst, die nicht mehr an die Kraft der Liebe glaubt? Hierin spricht sich ein großer Verlust der Zuversicht Amerikas und ein Wandel der Sendung der amerikanischen Filmkunst und Populärkultur aus.

Die größere künstlerische Leistung wäre gewesen, ein Serien Epos zu schaffen, welches der Perspektive von Frauen und Männern gemeinsam gerecht werden würde und welches Lösungsmöglichkeiten aufgezeigt hätte.

Written by edomblog

13. April 2015 at 13:46

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In Verteidigung des Netzfeminismus

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Der Netzfeminismus ist aktuell wieder mal ins Gerede gekommen. Er hat es erreicht, insgesamt als Folie für den Feminismus aufgefasst zu werden. Die liegt an seiner Sichtbarkeit und ständigen Erreichbarkeit für die Medien und Abrufbarkeit im Netz. Netzfeminismus funktioniert vor allem reaktiv als auch als spontane und dann eingespielte Reaktion auf empfundene Mißstände. In der jüngeren Generation ist der Netzfeminismus in ein Repräsentationsamt ohne Zutun hineingekommen, wenn auch nicht ohne eigene Anteile.
Was kann und was will Netzfeminismus? Was sind seine Möglichkeiten und Grenzen? Daran entzündet sich die aktuelle Debatte. Er ist in die Reizlage publizistischer Diskussion geraten. Unversehens ist Netzfeminismus in eine Position gerutscht, das Erbe von Alice Schwarzer vor die Hände oder Tastaturen zu bekommen, ohne wie Alice Schwarzer zu sein.

Es wird die Attraktivität des Feminismus verhandelt. Ist die spielerische Kategorie des Flirts angemessen? Soll Feminismus verführerisch sein? Oder geht es dabei um Ernsteres und Größeres? Es deutet sich an, dass Unverbindlichkeit gewünscht wird bei einer Sache, die Verbindlichkeit erfordert. Zunächst ist Netzfeminismus sicherlich lediglich ein Angebot, aber auch eines für Aktivismus. Es geht um Abgrenzung und zu sagen, was einem nicht gefällt, sich nicht mehr alles gefallen zu lassen, und Einfluss darauf zu nehmen, wo im Gespräch der Gesellschaft miteinander Grenzlinien zu Gunsten von Frauen gesetzt werden.

Deutlich ist auch, der Netzfeminismus ist überwiegend in einer Nachwuchsposition, was die Verankerung im bürgerlichen Leben betrifft. Es gibt beispielsweise keine Habilitandin in seinem Umfeld. Wer aktiv ist, steht unter Druck, sich eher etablieren zu müssen als aus einer gefestigten Prestigeposition des Establishments sprechen zu können. Im Unterschied zur Gran Dame Alice Schwarzer wird auch deutlich, dass der Buchmarkt im Unterschied zu den 70er und 80er Jahren keinesfalls mehr das Potential birgt, eine soziale Sekurität wie Schwarzer zu erreichen. In diesem Sinn ist der Netzfeminismus dem Status nach mehr eine Laienbewegung als vollzeitberufliche Profis, auch wenn Aktivismus sich im Spannungsfeld zum Vollzeitaktivismus befindet. Auch ist der Netzfeminismus nicht in den Regierungsparteien wie CDU oder FDP vertreten, sondern nur im Milieu von SPD und Piratenpartei. Trotzdem ist man von Merkel und ihrem Netzwerk beeindruckt. Der politische Katholizismus taugt wenig als Kontrahent in der Ära Merkel. Einzig Jens Spahn ragt hier in der CDU hervor. Und seine Sichtbarkeit macht ihn zur Zielscheibe. Genau das ist die Haupterfahrung des Netzfeminismus: Durch Engagement im Internet sichtbar und so zur Zielscheibe zu werden. Frustrierte Männer mit gescheiterten Ehen und entzogenen Kindern, wofür politisch die CDU und ihr katholischer Sexismus verantwortlich ist, arbeiten sich statt an Merkel oder der Kirche an jungen Frauen ab. Ein anderes Problemfeld sind junge Männer, die Probleme im Kontakt und erfolgreichen Kennenlernen von Frauen haben. Sie lesen sich aus Scham im Internet Bedienungsanleitungen für Frauen an und tauschen sich in Foren in einer verachtenswerten Sprache aus, die auch im Hühnerzüchterverein zur Kategorisierung rassiger Zuchtobjekte geeignet wäre. Hiergegen wehrt sich Netzfeminismus, dient als Anlaufstelle. Er badet hier aus, was Männer und vor allem Frauen als Väter und Mütter sowie die Generation von Alice Schwarzer als auch die Kirchen als Teil des Zeitgeistes oder aus Tradition bei jungen Männern angerichtet haben, ob ungewollt oder in Kauf nehmend. Der Netzfeminismus kriegt den Ärger dafür ab, wenn angehende Männer unzureichend in der Lage sind, Männlichkeit zu leben. Denn Netzfeminismus ist sichtbar geworden. Gerade die Weiblichkeit und mädchenhafte Züge, die eiskalt als Schwäche und Chance, ohne Strafe zuschlagen zu können, bewertet werden, führen dazu, dass Männer sich Dinge herausnehmen gegenüber Frauen, die sie sich niemals weder auf dem Schulhof getraut noch gegenüber eigenen Partnerinnen oder am Arbeitsplatz erlaubt hätten. Der Fortschritt führt dazu, den greifbaren Netzfeminismus als Sündenbock und Ventil zu nehmen. Quasi erhalten ausgereifte Pornodarstellerinnen von diesen Typen mehr Respekt als junge Frauen im Netz, welche erkennbar sexuell unverfügbar und unerreichbar sind.

Ferner war der Netzfeminismus sofern er im Umfeld oder in der Piratenpartei aktiv war, ständig damit beschäftigt, gewießermaßen männlichen Nerds das Leben und ihre Sicht auf die Spielregeln zu erklären. Teil davon war der Kampf, die Kuriosität und Wortschöpfung „Postgender“ niederzuringen im Meinungskampf darum, was die Piratenpartei sich für ein avantgardistisches Selbstverständnis auszubuchstabieren versuchte oder mehr in Richtung der Überwindung des Feminismus zu gehen, ohne ihn in einer Synthese aufzuheben oder die vorgelegten Fragen zu lösen. Hier war Netzfeminismus in der Defensive, zu verhindern, dass seine Fragen und Themen von der Tagesordnung in Richtung unter ferner liefen verglimmen. Ein Problembewusstsein vieler Männer, die beruflich und privat wenig mit autonomen und selbstbewussten jungen Frauen zu tun hatten, war nicht gegeben. Die quantitative Unterlegenheit des Netzfeminismus führte zu Auszehrung, Radikalisierung und Wandel Richtung Szene und Underground bei trotzdem unvermindert gegebener Sichtbarkeit.

Außerdem war Netzfeminismus Selbstverteidigung und Sammlung gegen Übergriffe der Boulevardpresse, die Frauen der Piratenpartei unter dem Aspekt körperlicher Vorzüge zum Gegenstand der Berichterstattung machte.

Hierbei war das Ziel, die moralische Definitionshoheit gegen die Piratenpartei und gegen junge Frauen zurück zu erobern, die sehr viel attraktiver und trotz Unkonventionalität bürgerlicher auftraten als der Feminismus der 80er Jahre im Kreis der Ökologiebewegung oder führender Frauen der SPD in den 90er Jahren. Gerade ihre Harmlosigkeit, Unschuld und Naivität, ein Merkmal, welches Angela Merkel in der Form zugeschrieben wird, treuherzige Treuhänderin zu sein, keine typische Politikererscheinung zu sein, wurde den Piraten und ihrem weiblichen Führungspersonal zur Falle, weil es für den Mainstream hochattraktiv war, und so bestehende Interessenkoalitionen von einer Außenseiterposition her möglicherweise hätte erschüttern können. Die Piratenpartei als Bürgerschreck und den Netzfeminismus als Männerschreck auszuweisen, war in jedem Fall eine Wende, deren Folgen bis in die Gegenwart wirken. Nachdem bereits Angela Merkel sich ständig verselbstständigte und eigene Wege ging, schränkte dies den gewährten Spielraum jüngerer Frauen ein. Zudem war die Wahlpräferenz der Frauen für Merkel stets maßgeblich wahlentscheidend. Hieran zeichnet sich das Machtpotential einer von Frauen mitgestalteten Politik ab, welches sich in Merkel manifestiert. Mit dem Schwinden der Umfrageerfolge der Piratenpartei erodierte ein parteipolitischer Anker.

Klar ist auch, dass am Netzfeminismus bemängelt wird, was ins Auge springt. Netzfeminismus reagiert auf Politik, Technik-Szene und Medien; auf Hater; und ist gezwungen, gewissermaßen parallel stets im therapeutischen Diskurs als Erklärerinnen auftreten zu müssen. Diese Rolle ermüdet und lässt ermatten. Andererseits riskiert Feminismus grundsätzlich, selbst in einen therapeutischen Diskurs hineingezogen zu werden und auf die Couch gelegt zu werden.

Der Buchsektor drückt Bücher junger Frauen in den Markt, die dann die aufgetretenen Probleme selber schultern müssen. Mehr als legitim ist die von Hannah Lühmann eingeklagte Intellektualität. Aber wie soll das geleistet werden? Das Problem des Feminismus besteht bereits darin, die Form patriarchaler Wissenschaftsorganisation angenommen zu haben. Intellektuell reden können vor allem, diejenigen, welche schlicht intellektuell sind, alle anderen, müssen diese Rolle versuchen zu spielen. Möglicherweise liegt das Problem darin, intellektuell auf Fragen antworten zu wollen, die sich lebenspraktisch entzünden, und nicht klassisch intellektuell aufgelöst werden können. Das Dringen auf intellektuellen Rang unterstellt eine Diskurskonstellation, welche noch den Rahmenbedingungen der alten Bundesrepublik entspricht. Hingegen ist Netzfeminismus von Diffusion und Dissemination aus den USA geprägt sowie punktuellen Spitzen in traditionellen Medien bei Skandalen oder von Shitstorms auf Twitter.

Teil des Intellektualitätsdefizits ist, dass keine gemeinsame Rezeption beispielsweise des Werks von Eva Illouz stattfindet. Illouz ist ein Beispiel dafür, in der auf Basis eines Werks als Autorität Aussagen zur Lebenspraxis gewonnen werden, für die das Werk zwar Anlass bietet, aber keine sachliche Deckung, sondern Ratschläge auf dem Niveau von Improvisation und Faustformeln bietet, die aber zugleich elementare Lebensentscheidungen wie Partnerfindung und Kindsgeburt betrifft. Die Lockerheit, die im Internet generell im „Diskurs“ stattfindet und anzutreffen ist, wird in eine Praxis der Diskussion und Aktionsrat übernommen, ohne ausgearbeitet und gereift zu sein. Die Medien bringen selbst gestandene Wissenschaftlerinnen in die Situation, zu lebenspraktischen und heiße Themen, in denen es ans Eingemachte geht, Stellung zu beziehen. Hier stellt sich die Grundfrage, ob dies nicht unter das Feld praktischer Klugheit fällt und was theoriegestützte Kulturwissenschaften beitragen können zu dem, was in den Kategorien von Habermas deutlich auch in die Kategorien praktischer und therapeutischer Diskurs fällt.

Ebenso fatal wie die bisher nicht eingelöste Intellektualität, stellt sich die die Distanz zur Rezeption von Tiefenpsychologie gar. In der Schweiz hat Feminismus mit Julia Onken eine ganz andere Form und Inhalte angenommen. Auch das Werk von Margarete Mitscherlich erfährt wenig Aufmerksamkeit. In Deutschland hatte Jungfeministen und Alice Schwarzer sich zusammen auf’s Foto gestellt unter dem Motto „Kein Bock auf Spaltung“. Was wurde bisher daraus?

Wo ist die akademische Unterstützung für den Netzfeminismus? Freiwillig unterwirft man sich dem Ansatz, Diskriminierung durch Rassismus als verwandten Ansatz aufzufassen, obwohl ein Theorieimport aus den USA ohne große Gruppen wie Schwarze, Asiaten und Hispanics weniger Sinn ergibt. Eine Kampfansage an das Patriarchat ersetzt keine zivilgesellschaftliche Bündnisbildung. Es ist ein Zeichen für die geschwächte Lage der Frauen, die Vertretung eigener Interessen mit einem Vorgehen gegen jegliche Ungleichbehandlung und Diskriminierung kombinieren zu müssen. Wer dies in seiner Praxis nicht berücksichtigt, ist quasi sofort einer Kritik ausgesetzt, die internen Streit und auf Disqualifizierung der moralischen Würde der eigenen Politik bewirkt. Eine partikularistische Interessenvertretung ist nicht erlaubt, sondern als Frau für Frauen einzutreten wird damit belastet, insgesamt für eine bessere Welt stehen zu müssen. Dies führt zu einer Situation, in der das eigene Dasein mit einer Schuld belastet wird, in der partikulares Menschsein als Privileg gescholten wird und mit einer Daseinsschuld versehen wird. Zugehörigkeit zur Mittelschicht und akademische Bildung vermitteln nicht mehr Stolz, sondern werden zur Verunreinigung. Askriptive Merkmale werden dominant. Einfach nur zu sein, wer man ist, wird zu einer moralisch fragwürdigen Angelegenheit, die unter dem Optimum maximaler Diskriminierung bleiben muss. Auch für die eigene Sexualität und Zuneigung zu Männer muss sich die junge Aktivistin potentiell entschuldigen. Das Liebesleben und das Frausein und die damit verbundene Lebenslust sind nicht erwünscht, sondern werden zum Ansatzpunkt für Kritik.

Ein weiteres Problem ist, dass bestimmte Lebenssachverhalte sich der eigentlichen Sachlichkeit entziehen, da ihre Gesichtspunkte den Menschen selbst direkt betreffen. Lebenserheblich ist alles, was Frauen betrifft. Aber lebenserheblich ist auch alles, was Männer und Frauen gemeinsam betrifft. Obwohl Sexualität Menschen verbindet, führt das Thema im Feld der Frauenbewegung und des Feminismus eher zu Distanz voneinander und befeuert Konflikte.

Gelöst ist nicht einmal die einfache Frage, wie Frauen Frauen unterstützen können. Wie das Werk von Frauen, die in der Form der Verehrung als fangirl bewundert werden, nachhaltige Impulse liefert, erschließt sich oftmals nicht. Das Patriarchat funktioniert vor allem so, dass Frauen dessen Bewertungen internalisieren. So ist das Missy Magazin nicht zu ersetzen, auch wenn die routinemäßige Preisung als „tolle Frau“ für kulturelle Produkte von Frauen journalistisch wenig professionell ausschauen mag. Der entscheidende Schritt liegt durchaus darin, gerade unkritisch und nicht erkenntniskritisch auf das zuzugehen, was Frauen machen, jedenfalls nicht die rituelle abgeklärte Distanz zu reproduzieren, welche eine reife journalistische Haltung simuliert.

Leider verführt das Missy Magazin dazu, unter dem Vorwand der Queer-Theorie lesbische Frauen zu Männlichkeit und Dominanz zu führen, ohne formal gesehen Weiblichkeit aufgeben zu müssen. Wünsche nach erotischen Kontakten von Frau zu Frau werden durch den umfassenden Ausbau zur Subkultur nicht einfacher, sondern eher dramatisiert zur Weltanschauung und innerem Zuordnungs- und Bekenntniszwang. Derweil kann das Patriarchat unbezwungen seine Normen durchsetzen und gemeinsam mit der Distanz zu verfeinerter Lebenskultur und ästhetischen Geschmack im Kulturprotestantismus Frauen in akademischen Kontexten an Universitäten zu kurzen Haaren anhalten. Die unschwer als Sondersektoren ausgeflaggten Bereich der Geschlechterstudien stellt sich als universitätsinterne Szene da, die keine Orientierung bieten kann. Sie vermittelt häufig genau das Gegenteil davon, was Liebe und Verführung ausmachen können, nämlich statt Leichtigkeit und Getragenwerden wie von selbst eine fast das Leben befeindende Problemorientierung und vom Leben abgewendete Geisteskultur. Schönheit und Eleganz gelten als Affront. Der Fokus ist auf den Konfliktfall statt auf den Konsensfall zu richten. Statt common sense gilt hier Alternativheit in Jargon und Weltsicht zu kultivieren, um in den vestalischen Priesterstatus zu geraten.

So zeigt sich, dass Netzfeminismus diejenigen Bereiche erfolgreich medial bespielt, über die einfach gesprochen werden kann. Sich einmischen in Streitfragen gelingt. Bei Themen, die auf Kommunikation persönlicher und privater Erfahrungen setzen müssten, gelingt es weniger, Verbindung zu stiften. Schwäche ist der nicht gelingende Sprung zu klassischer Intellektualität, die von Medien durchaus erwartet wird. Schwäche ist die Distanz zu Erkenntnissen der Psychologie. Gegen Anforderungen von außen gilt es das Recht auf ein Eigenmaß zu verteidigen. Schwäche bleibt die Angewiesenheit von Import von Gedankengut und Formeln aus dem Ausland.

Written by edomblog

13. April 2015 at 13:13

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Als Armin Mohler die Sexwelle kritisierte

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“Die Playboys und Playgirls wirken allesamt wie blasierte und etwas verkaterte Trophäensammler, die bei diesem Geschäft nie zum Anderen gefunden haben und Liebe (verwenden wir dieses Wort doch einmal) vielleicht grad noch für sich selbst aufbringen.”

Armin Mohler in “Sex und Politik”, 1972, S. 76

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18. Februar 2015 at 10:01

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Freiheit und Unfreiheit

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Die islamischen Länder sind insoweit nach westlicher Tradition wertlos, als die Zensur der Kultur verhindert, dass es Philosophen, Intellektuelle und Künstler und Dichter gibt, die frei sind. Es gibt dort keine Intellektularkultur, welche den wilden religiösen Voluntarismus ausbalanciert. Das, was am wertvollsten am Menschen ist, ist in den Ländern untersagt, verboten oder unerwünscht. Möglicherweise sind die einfachen Menschen in ihrem Moralempfinden und Menschlichkeit uns überlegen. Aber es ist ein Empfinden, welches nicht der Freiheit ausgesetzt ist. Die Haltung der Linken im Westen zum Islam belegt ihre Ablehnung der “offenen Gesellschaft”.

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2. Februar 2015 at 14:37

Berlin

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Berlin braucht keine Gründer und Kreativität. Das sind nur Chiffren für Geld. Berlin braucht Geist. Und das ist etwas anders als Kunstwerke, die teuer gehandelt werden können. Deutschland braucht auch keine Leute, die etwas riskieren, um an Geld zu kommen. Deutschland braucht Leute, die schon Geld haben, und mit dem Geld bereit sind, etwas zu riskieren. Es braucht die Bereitschaft, Geld zu verlieren, um Geld zu gewinnen.

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2. Februar 2015 at 14:34

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Der Erfolg von Einwanderung hängt von der Aufnahmegesellschaft ab

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Die Chancen, die Einwanderung bietet, hängen nicht von den Einwandern (allein) ab, sondern von Deutschland als Aufnahmegesellschaft ab. Das ist die kausale Richtung. Dieser Punkt kann nicht gelöst werden, indem man die Güteklasse des Einwandernden durch einen Anforderungskatalog optimiert. Die moralische Güte der Deutschen ins Endlose wachsen zu lassen, funktioniert nicht.

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31. Januar 2015 at 21:47

Kohl, von Weizsäcker und der Parteienstaat

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Helmut Kohl hätte die Kritik am Parteienstaat durch Weizsäcker gern auf das Maß dessen moralischer Berechtigung der Person Richard von Weizsäcker zurückgeführt und darauf, wie sehr Weizsäcker in seinem Weg von anderen abhängig war. Das Maß der Berechtigung der Parteienstaatskritik rührt aber von ihrer sachlichen Berechtigung her, die stets gegeben war. Mit dem Wohlstand und der Ausbreitung des öffentlichen Dienstes ereignete sich in den 80er und 90er Jahren eine Kultur der Versorgung nach Parteibuch und Selbstzersetzung des Staates und seiner Staatskraft, die bis heute anhält. Hierzu zählen nicht nur Parteispendenskandale auf Bundesebene, sondern auch Zustände auf kommunaler Ebene oder in Schulen.

Zuletzt speist sich die Berechtigung der Kritik an den Parteien aus dem Totalitätsanspruch der Parteien, ihre jeweiligen Milieus und Teile des Staats komplett zu durchdringen, unnötig zu politisieren, dadurch zu spalten, und leitete sich sogar von der Kritik an NSDAP, KPD und SED her und deren Totalitarismus. Das Amt des Bundespräsidenten war extra so gedacht, sich von den Interessen, die bei Wahl des Amtsinhabers vorherrschend waren, loszureißen.

Es ist eventuell eher ein Zeichen des Niedergangs, wenn Staatsorgane wie das Amt des Bundespräsidenten, des Bundestagspräsidenten und des Bundesverfassungsgerichts immer mehr auf ihre Eignung oder Eigenschaft als moralische Instanz reduziert werden. Wie Adorno es einmal auf den Punkt brachte, so misst sich der Erfolg der Gewaltenkontrolle daran, wie sich die Staatsorgane gegenseitig einschränken und Machtmißbrauch unterbleibt, unterbunden wird. Daran schließt sich an, ob Machtmißbrauch aufgeklärt und bestraft wird. Jedes Staatsorgan ist eine Kontrollinstanz.

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