Artikel getaggt mit ‘Leo Strauss’
Wie gefährlich ist der revisionistische Zionismus in Israel heute noch?
Der Vater von Netanjahu war Sekretär von Zeev Jabotinsky. Das sagt alles. Netanjahu ist kein Konservativer, kein konservativer im Sinne von Edmund Burke. Es sind mehr so rechte Revolutionäre und Ultranationalisten. Den Faschismus in Italien haben sie damals bewundert. Freilich gilt das auch für Churchill, der sich in den 20er ebenfalls so äußerte. Doch Leo Strauss meinte in den 30ern im Exil auch, wegen des Nationalsozialismus und den Deutschen würden rechte Prinzipien nicht widerlegt. Nun mag das eine rein intellektuelle Betrachtung sein, die fern der Realität steht. Ich kann fachlich nicht beurteilen, inwiefern der revisionistische Zionismus heute noch eine Rolle spielt. Nach 1967 änderte sich vieles. Das neue Israel eckte bei den linken Studenten an.
Warum hält der israelische Rechte Netanjahu nur den Westallierten vor, nicht Auschwitz bombardiert zu haben, nicht aber Stalin und der Sowjetunion?
Die israelische Rechte hält den Westen für dekadent. Sie sieht Israel als ein “Sparta”, als eine vom Militär geprägte Nation. Sind die Palästinenser dann Heloten?
In Honor of Seth Benardete
“The problem inherent in the surface of things and only in the surface of things is the heart of things.”
“Essays on Greek Poetry and Philosophy
Leo Strauss über Alternativen
“Many of our contemporaries are of the opinion that there are no permanent problems and hence no permanent alternatives.” (Leo Strauss)
Probiert Sarah Palin protofaschistisch eine “nationale Wiedergeburt” in den USA?
Sarah Palin und Beck widmen nationale Symbolik um. Also nationale Wiedergeburt wäre vom Gedankengut schon relativ nah an den Ursprüngen des Faschismus. Palin plädiert für Ehre und Militär. Die Frau ist ein wie eine Art aufgedunsenes einstiges “Sport Illustrated Swimsuit Issue” Girl.
Das Ordinäre macht an
Ihre attraktive Anziehungskraft kommt daher, dass jeder marginalisierte Kerl glaubt, sie haben zu können. Denn das Ordinäre ist verfügbar und erreichbar. Die Bilder auf ihrem Buchcover und weitere Fotos arbeiten mit Motiven, die mit der analytischen Tiefenpsychologie von Carl Gustav Jung optimal analysierbar sind.
Frivolität übertüncht Obszönität
Sie überspielt mit Frivolität die politische Obszönität ihrer Stoßrichtung. Ihre banale Sprache verharmlost die gesellschaftlichen Folgen der Agenda. Sie verwirklich die Programmatik der Neocons.
Ein neues Sparta? Rural Amerika? “It takes a village”!
Selbst Daniel Bell zitierte im Klassiker “Cultural Contradictions of Capitalism” in den 70ern Leo Strauss zum amerikanischen Dorfleben. Aber die Probleme gehen tiefer. Der Mythos des intakten Ursprung und der Mythos der Familie zeigt sich auch programmatisch bei Hillary Clinton in ihrem Werk “It takes a village.”
Reaktionärer Rückschlag: Gemeinschaft statt offene Community?
Hier wird aus dem progressiven protestantischen Paradigma “Community” dann wieder die rurale Gemeinschaft, die nah an Blut und Boden ist. Zumindest geht es um eine Dualunion mit der Mutterde in einem ziemlich wortwörtlichen Sinne.
Jonah Goldberg titel ein Kapitel in seinem lesenwerten Überlick “liberal facism” mit “brave new village”.
Verstehen “Heidegger’s Hippies” in Kalifornien eigentlich was sie reden?
“The human addiction to myth is dangerously incompatible with its technological sophistication – as usual.”
Die formative Phase der 60er steht unter dem Einfluss der Rezeption von Heidegger an der Westküste der USA. Aus dem maßgeblichen Einfluss von Heidegger auf Sartre und Simone de Beauvoir und den französischen Existenzialismus, aber auch wichtige jüdische Exilianten, erwuchs die für die USA nicht zu ignorierende Bedeutung von Heidegger, die einen besonderen Einfluss in der “Counterculture” entfaltete.
Link Text “Heideggers’s Hippies” (1999), ein Konferenzbeitrag von einem australischen Dozenten, zur “Information Society” und Heidegger. Der sozialistische oder linke Autor kritisiert die Denke und Singsang vom “Third Way”.
Ein Zitat zum Punkt Interessen:
“Some will tell you they were in Paris or Berkeley or Chicago in ’68, just to show you how credible and revolutionary they really are, and to show you, via their sophisticated subtext, how pointless revolution is, how all interests can be reconciled by ‘conciliatory processes’ or ‘healthy dialogue’.”
Für die deutsche Soziale Marktwirtschaft von Alfred Müller-Armack war das Prinzip des Ausgleichs konstitutiv. Philosophisch profiliert hattes es Max Scheler. Eine “materielle Wertethik” leitete die Gedankenführung. Den “Dritten Weg”, den man in Frankreich und Deutschland in der Zwischenkriegszeit und nach dem Krieg suchte, hat nichts mit dem Mythos von “Third Way” gemeinsam, den Giddens für Tony Blair proklamierte.
Zitat Leo Strauss 1930
„Wir müssen wirklich ganz von vorne anfangen. Wir können ganz von vorne anfangen: uns fehlen alle polemischen Affekte gegen die Tradition (haben wir doch nichts, von wo aus wir polemisch ein könnte); und zugleich ist uns die Tradition völlig entfremdet, völlig fragwürdig.“ [Hervorhebungen im Orginal]
„Wir sind noch viel tiefer unten als die Höhlenbewohner Platons.“
Ernst Cassirer lesen für eine aufgeklärte Republik: “Vom Mythus des Staates”
Das Vermächnis eines großen Mannes und eine geistige Abrechnung und Bilanz mit der ersten Hälfte des 20. Jahrhundertes. Cassirer ist die deutsch-jüdische liberale Vorzeigefigur der Weimarer Republik, Professor in Hamburg (Rektor) und in Berlin, Gegenspieler von Heidegger 1927 in Davos beim legendären “Showdown”.
Und nicht zuletzt der Doktorvater vom Lehrmeister der amerikanischen Neokonservativen, Leo Strauss. Der Bruch zwischen Cassirer und Strauss belegt unanfechtbar, dass die “Neocons” auf keinen Fall irgendwie liberal oder besonders für die Moderne sind.
Tobias Bevece eine eine Promotion mit dem Titel “Kulturgenese als Dialektik von Mythos und Vernunft. Ernst Cassirer und die Kritische Theorie” publiziert. Vielleicht gewichtiger als angenommen ist, dass die wichtige Figur des deutschen “Neokonservatismus”, Joachim Ritter (Münster), eine kommunistische Phase hatte, und eben ein Schüler von Cassirer war.
Und trotz unglücklicher Verstrickungen im Nationalsozialismus bleibt für die Gegenspieler von Habermas & Co in den 70ern die Aussöhnung mit der Moderne Leitthema. Habermas hatte Anfang der 80er Jahre – wohl als Reaktion auf die “Tendenzwende” und den Machtwechsel zur Ära Kohl – durchaus unspezifisch und nicht überaus differenziert eine ganze Riege deutscher mitte-rechts Intellektuelle kurzerhand als weniger modern als amerikanische Neokonservative gebrandmarkt. Freilich blieb dabei der eigene Briefwechsel von Habermas mit Leo Strauss, der aus dem publizierten Briefwechsel von Karl Löwith in der Gesamtausgabe von Strauss zu Tage tritt, unberücksichtigt.
Lässt sich mit dem “Prinzip des Hoffens” auch „Staat machen“ oder ist das „Wunschdenken“ der „Wunschkoalition“, die sich „Schritt für Schritt“ profanisiert, während sie der Lage zusehens mit Banalitäten begegnet?
Feine Ironie hilft nicht. Focus stritt schon für Wulff und streitet weiter für die Union, der es an Einheit mangelt ewgen wachsender Zwietracht. Es ist doch nur eine kleine abgesonderte getreue Medienmannschaft. Ob das irgendwie ausreicht, um soviel “Staat zu machen” wie es historisch notwendig ist? Es ist nicht hinreichend. Die Regierung lindert nur nur die eigene Not, tut aber nicht das Nötige. „Das Nötige tun“, das führte Angela Merkel oft im Wort, ebenso das von Erwin Teufel übernommene Diktum, Politik beginne mit dem Betrachten der Realität. Das Wort “Strategie” ist adelt geradezu das hilfelose Umherschwimmen der Mannschaft, die weniger gemeinsam auf der Brücke die Belegschaft steuert als schon fast in den Rettungsbooten jeder für sich paddelt. Was ist die eigene Leitlinie? Gib es mehr als die Folgen der Situation abzumildern?
Strategie müsste mehr sein als Taktik mit PR und bewährte Spiele mit Medien und einzelnen Journalisten. Die Meisterschaft muss gewonnen werden. Die nächste Bundestagswahl zählt. Es braucht eine glaubwürdige Machtperspektive. Ohne sie gibt es kein Vertrauen in der Koalition. Vertrauen ist mehr als Vertautheit mit etwas und Austauch von Vertraulichkeiten. Zwischen CSU und FDP ist keine kulturelle und soziale Nähe.
Wo ist die politische Strategie? Politische Kommunikation hilft nicht ohne Produkt. Da hat Michael Spreng verdammt recht. Angela Merkel setzt auf zur Religiösität analoges, ferner auf Habitus, Gesten, familiäre Gefühle und den subtilen Pomp und stille Pracht protestantischer Nüchternheit, die sachliche Kompetenz und Rationalität ausstrahlt. Wozu führt dieses Vexierspiel, das die Ausnahmesituation mit altbekannt Vertrautem versucht zu ersticken? Können die Brandherde so fruchtbar und kostengünstig gelöscht werden? Steigen oder sinken die Gesamkosten für das Staatswesen?
Alles ist Kostüm. Vieles ist Maske. Hinter der sakralisierenden „präsidialen Persona“ lauert der profane Morgenmuffel und die Privatperson. Da menschelt es. Es gibt kein Geheimnis! Es ist nur ein Rätsel. Warum sucht man staunend nach wunderbaren Geheimnissen? Es gibt kein Schlüssel für eine Tür zum Geheimnis. Die Probe ist das Rätsel, nicht Streben nach Entdeckung, Entlarvung oder Lüften. Doch das Rätsel stellen nicht Personen und Regierungsteam. Das Personal rätselt über die Lage und die eigenen Koordinaten. Die Lage stehlt die zu lösendes Gleichung auf. Was ist die Gleichung? Darüber rätseln alle. Welche Frage muss überhaupt beantwortet werden? Politik ist mehr als „Probelmlösen“. Grundfragen lösen sich nie auf. Der Kontext variiert die Antworten. Gleichnishaft ist es.
Niemand spricht auf intelligente mit der Basis, bei der sich Unmut und Verzweifelung anstauen und auftürmen. Die Linke ist längst zur ständigerin Retterin der Identität der Union. Das hätte durch eine Wahl von Gauck scheitern können.
Ist Merkel denn „stoisch“, wie Spreng formuliert? Wenn die Bürger und Medien das weniger souverän im Sinne des aristokratischen Neostoizismus auslegen und diesen Aspekt im „bürgerlichen Subjektmodell“ (Andreas Reckwitz, Uni Konstanz) goutieren, sondern Ataraxie als soziale Apathie, als etwas Soziopathisches wie bei Westerwelle zu schreiben, was auf neue Weise zur „Pathologie der Politik“ (Carl Joachim Friedrich) führt, wenn die Wähler und Medien weniger glauben, dass die Protestantin ohne eigenes Begehren als „Kanzlerin aller Deutschen“ über den Interessen steht, sondern ihr eigenes Begehren an Machterhalt ihr politische Handeln ziellos determiniert, dann würde die latente Lasterhaftigkeit dieser Politik zum manifesten Frevel. Wer neigt bzw. was weiht die Republik gen Untergang? „Es scheint Sonne über Berlin“! Hift Ataraxie? Anspruch hilft!
Frank Schirrmacher gab in der FAS vor zwei Wochen dem Computerwissenschaftler David Gelernter (Yale) Raum, um über den Ort Polis Berlin und ihre Civitas als „Stadt der Abwesenheit“ zu schreiben. Weilt auch Bürgerwille und Staatsmacht dank schwärmerischer christlich-platonischer „Weltflucht“ oder „Weltlosigkeit“ im Himmel? Es meinte nicht allein das Fehlen der im Nationalsozialismus ermordeten Juden, sondern auch Souveränität und Präsenz, vielleicht sogar sowas wie Volksgeist und Weltgeist. Was wäre prägnantes Anwesen gegen das präsente Unwesen?
Wie Gelernter scheint das Pastorenkind Merkel mehr über Luther als über den liberalen Berliner Theologen Schleiermacher zu wissen. Auf das Wesen von Gespräch und des Dialog gilt es sich etwas zu verstehen. Wen hindert welche „stille Übereinkunft“ ein explizites Übereinkommen mit Willen und Bewusstsein zu organisieren, mit politischer Entscheidung durchzusetzen? Was fände Anklang in dieser Stimmung? Gestimmtheit und Befinden von Politikern und ihr Unbehagen zu entscheiden dürfen nicht das gemeinsame Schicksal bestimmen.
Sanftmut attestierte Gelernter, der im letzten Jahr „Judaism: a way of being“ veröffentlichte, der „Stadt“ Berlin: „wie Sanftmut eigentlich immer bei einem mächtigen Geschöpf“. Im Untertitel ließ das Frankfurter Feuilleton fragen: „Wann aber wacht es auf? Besuch an einem berunruhigendem Ort…“! Verfährt Merkel „cool“? Ulf Poschardt summierte einst: „Bestimmend für die Strategien des ‘Cool’ ist die Spannung zwischen narzisstischer Selbstsorge und auto-destruktiven Tendenzen, die im Kontext der neuen Technologien und Medien als Sehnsucht nach Selbstauflösung und polyzentrischer Diffusion auftreten“. 10 Jahre später scheint Angela Merkel zu spüren, dass sich anderes als in den 10 Jahren zuvor heute ihre Worte in der Kritik von Web 2.0 und Social Media auflösen. Hat sich Merkel kürzlich in Kalifornien nicht genug informiert? Wie lange noch kämpft Merkel mittels Politik darum, von der Meinung anderer gutgeheißen zu werden? Die Eiskönigin stellt sich mit ihrer Kälte selber kalt.
Kein Poliker kann seinen Mangel an Großgesinntheit mit gespielter Wohlgesinntheit wirklich übertünchen! Kindliche Freude über naiv ersehnte Konfliktfreiheit ersetzt keine gereifte Bürgerfreundschaft. Für Dolf Sternberger war Bürgerfreundschaft Zentrum und Kern der Polis. Das macht den Verfassungspatriotismus aus, den Habermas an das Gesetz republikanisch universalisierte. Ist die von David Gelernter beschriebene Coolness mit der erwähnten Lässigkeit und Stille am „innerstädtische Flussufer, an dem der „umgebaute Reichstag eher wie ein Freizeitpark als wie ein Zentrum staatlicher Macht wirkt“? Besteht tatsächlich das Erbe von Helmut Kohl und der vom „Wort“ zu „Fleisch“ gewordene „Freizeitpark Deutschland“ samt Kristalisationspunkt in einer mittels Bauten amtlich ausbuchstabierten „Anspruchslosigkeit“ im Regierungsviertel? Was für Worte! Mehr Licht! Es ist bald kurz vor zwölf. Die Dominanz der Provinz in der Politik ist Deutschland nicht losgeworden.
Wo ist eigentlich das Bürgerforum? Es wurde in der Ära Kohl nicht realisiert. Ein Menetekel?
Die Weltlage und die Weltkonjunktur ist instabil. Deutschland muss politisch und sozial auch ohne Exporte stabil sein. Das sollte Ziel einer konservativen und christdemokratischen Partei sein. Was hilft ein Aufschwung, wenn die Entfremdung von Parteien und Demokratie nicht gebaut wird? Was mit dem Gerechtigkeit und dem Rechtsgefühl? Wulff konnte den Abgang von Köhler als Symbol noch nicht heilen. Aus dem verkündeten “Sommermärchen” wurde ein “Sommer der Märchen”. Was stiftete diese Koalition der Republik?
Das Verfassungsgericht hat die Regierung bis zu einem Urteil über den EURO in der Hand. Merkel spielt immer mehr nur noch die Rolle der Feuwehr und verwaltet lediglich noch, obwohl sie gleichzeitig immer weniger bewahren kann. Ein echter Anführer mit stiftender Orientierungskraft, wie der hochvitale Gauck, der nicht nur mit seinem Buch, sondern beim markant christlich-pastoralen Ton samt einem alles entscheidenden geradezu der Harfe von Orpheus gleichen Timbre an die Performance eines überwältigenden Obama in seinem Präsidentschaftswahlkampf erinnerte, durfte wegen einer Priorität von Parteiräson vor Staatsräson nicht Bundespräsident werden. Wegen welcher Staatsräson ging Horst Köhler und wurde Christian Wulff Bundespräsident? Merkel hätte schließlich im Bundestag vorher die Vertrauensfrage zur Klärung diese Sachfrage stellen können und dann die Abstimmung offiziell freistellen können, so wie es viele namhafte Persönlichkeiten gefordert hatten.
Ohne Rückhalt beim Volk und aus einer aktiven Parteibasis heraus ist keine die Partikularinteressen bezwingende Kraftentfaltung möglich. Ohne das Mana erfrischender Legitimation – ob charismatisch, Einheit mit der Tradition oder durch bestechende Rationalität – kann die ohnehin matte Regierung z.B. bei den Komplexen Pharma, Gesundheitsreform und Rüstungsindustrie, aber auch in der Außenpolitik nicht voll agieren. Eine Regierung, die mit dem “Volk”, d.h. ihrer Bürgerschaft, der civitias, nicht redet, ist nicht mündig.
Der Union droht, wenn es schlimm kommt, noch mehr Zweitracht und Spaltung. Das wäre ein prägendes Schisma in der Christdemokratie? Die letzte große europäische Christdemokratie ginge den Bach runter. Könnte die katholische Kirche dies in der gegenwärtigen Lage noch abwenden? Sieht es bei der FDP viel besser aus? Das Medienunternehmen Axel Springer veröffentlicht in der BAMS bereits zur Freude des intellektuell rechtslastigen geistigen Kampfblattes „Jungen Freiheit“ bereits einen Kommentar mit einem Drehbuch für eine als liberalkonservativ und „demokratische konservative“ Partei rechts von CDU/CSU, der Union.
Setzt man eventuell wie in Hamburg im Falle der berüchtigten „Schill-Partei“ und nach der bezeichnend nationalistischen Kampagne gegen Griechenland erneut auf eine populistische Partei mit Glücksrittern und unseriösen politischen Abenteuern, die eine solche Partei zur neben der „Linken“ einzigen Anti-EU Propagandaplattform ausbaut? Oder soll sie sich als Bastion des Abendlandes gegen den Islam profilieren? Diese explosiven Fragen sind nicht ohne Brisanz. Machen Medienunternehmen mit privater Macht und ohne politische Legitimation bald wieder Politik? Und zwar so, als ginge es noch darum, Kommunisten abzuwehren?
Es ist unklar, ob es sich um so ein übliches Possenspiel mit Kabale und Gefälligkeiten zwischen Journalisten zwecks Auftrieb für aufstrebende Kräfte in der Union handelte, die mit Ranküne an Planspielchen für einen fiktiven Enthauptungsschlag gegen Merkel feilen, oder, ob es mindestens kollateral zu Lasten ziemlich vitaler nationaler und europäischer Interessen der Bundesrepublik sowie nebenbei die Stabilität und Solidität des Staates insgesamt ginge, was nahezu das Gewicht von Fragen der nationalen Sicherheit hätte, und jeden Patrioten und Republikaner aufwecken müsste.
Ist in den Medien als Reaktion auf das keine Hamburg die bundespolitische Alternative mit Schwarz-Grün bereits verstorben? Welche Chancen hat Bundesumweltminister Röttgen als potentieller Landesvorsitzender in NRW? Die Union braucht einen Glauben an eine faire Machtchance. In der Politik geht es nicht darum, wer moralischer Sieger und wer moralischer Verlier ist. Weder CDU noch SPD, weder Merkel noch Steinmeier können hier etwas erobern.
Was stillt das Machtgerangel beim Führungspersonal der Union? Wie stabilisiert sich die Union als die tragende Kraft in deutschen Nachkriegsgeschichte gegenüber den affekten Wellen einer emotionalen Zwietracht, die sich zwischen Basis und Führung sowie zwischen Umfeld und Vorfeld der Partei, langsam aber sicher stetig stärker wachsend an Schwingung und Vibration gewinnt.
Schlimmer als eine Spaltung wäre ein Absturz in die politische Marginalität wie bei der SPD und eine dauerhafte Instabilisierung Deutschlands, wie sie bereits in den meisten europäischen Ländern herrscht. Die Krise würde zum Dauerzustand. Das taugt nicht als Betriebsmodus des Regierung und ist keine annehmbare Governance. Nur die Staatskraft ansich und ein Rumpf an Beamten reichen als Basis von Government nicht aus.
Angel Merkel muss begreifen, dass Wünsche in der Politik sich nicht auf die Hoffnung an den lieben Gott richten, sondern dass psychische Wünsche aus der Seele über Meinungsbildung zu politischem Gestaltungwillen gerinnen. Ohne ein Programm, dass die brennend heißen Herausforderungen durch mehr als Floskeln und Leerformeln bewältig, hat keine im Bundestag vertrende Partei ein regierungstaugliches Programm. Irgendwann droht ein APO.
Nur wenn der Ausnahmezustand in Koalition und der Regierung behoben wird, können die Krisenherde gemeistert werde. Wenn man ein gutes Ziel hat, dann darf man es stoisch durchziehen. Ist man mit dem Versagen der eigenen Mittel und Möglichkeit konfrontiert, hilft es nicht, dies als reine Schicksalsschläge zu externalisieren. Krise ist kein Schicksals, sondern Folge politischen Handelns und administrativen Entscheidens. Eine sofortige Lösung wäre, wenn die Wahlverlierer Steinmeier und Gabriel auf einen symbolischen Wahlerfolg verzichten und ohne Vorbedingungen in die Koalition eintreten. Dann kann Steinmeier persönlich Kritikpunkte an Westerwelle beheben und die SPD kann mit über Neuwahlen entscheiden anstatt sie nur verbal ohne Taten zu fordern. Wenn der Ausnahmezustand nicht aufgehoben wird, droht der Regierung und allen Parteien gemeinsam der Belagerungszustand durch die Zivilgesellschaft (Habermas 1992 „Faktizität und Geltung“). Sitzt die Regierung fest, können nur die Bürger sie aus der Starre lösen. Die Parteien müssen ihr Können zeigen. Die Parteien müssen was liefern.
Was es mit der Hoffnung auf sich hat, das lehrte im 20. Jahrhundert Leo Strauss und auch Altphilologen am Beispiel des Schicksals des Athener Feldherren Nikias beim Scheitern des Kriegsabenteurs der Athener Bürgerschaft, der berüchtigten „sizilianischen Expedition“. Nikias verendete lieber auf Sizilien im Kampf als als Kriegsverlierer daheim als Reaktion auf das Fiasko absehbar vom wütenden Athener Volkszorn ehrlos und mit Schimpf und Schande hingerechtet zu werden. Das Geschichtswerk von Thukydides ist als „Besitz für immer“ dem Abendland eine Mahnung über diese Zusammenhänge.
Predigt der Anführer seinen Soldaten Hoffnung, so ist dies einzig selbstsüchtiges Handeln beim Streben nach Ehre, angetrieben aus Gier und mit Angst vor Strafe und vor Schande und Schmutz über die Familienehre. Es ist nicht etwas Selbstloses, noch christlich fromm, kein Beweis des Gottvertrauens und der einer Rechtgläubigkeit, bloß zu hoffen. Nur zu hoffen, das meint nichts anderes als sehnsüchtes Wünschen. Die eintretenden Folgen sind feindselig und beweisen Autismus gegenüber den eigenen Getreuen, die eben nicht durch das Absterben ihres Liebsten „geadelt“ werden. Es führt zu einem ästhetisch schönem Tod und Ende mit militärischen Ehren. Denn jeder hat Tote zu loben. Ein bodenloses historische Versagen bliebe.
Das einst stolze Ethos des Athener Kriegsadel nützt nichts gegen die erbarmunglose Macht der Dichter und Historiker über die Vergangenheit und heilt nicht die Wunden aus den Stichen und Hieben der gnadenlosen scharfen Feder der Blogosphäre. Es ist aussichtslos. Denn es gibt ohne Zweifel ein Recht auf Rücktritt oder Abtritt und fraglos ein Vorrecht auf Machtverzicht und Rückgabe geliehener Macht. Niemand muss sich sein Schwert stürzen.
Wenn die eigene Urteilskraft verloren hat, hat man auf sein Amt zu verzichten, um seine Würde und die Integrität von Staat und Gemeinwesen zu wahren. In jedem Fall könnte Ehre und Respekt über ein Eingeständnis der Ermüdung und Ermattung der eigenen Hoffnungslosigkeit und der eigenen Grenzen seitens der versammelten Bürger und der gesammelten Medien unserer demokratisch gewählten Regierung helfen, geordnet den Boden zur Bereinung des Schlamasels vorzubereiten und allen die Chancen auf einen versöhnenden Neuanfang zu eröffnen.
Versöhnen kommt von Sünde. Sünde kommt von Sund. Der Sund steht zwischen dem Menschen und Gott. Ein Sund trennt. Wo steht Angela Merkel? Der Sund zwischen Regierung und Volk darf nicht zu groß werden. Deutschland darf nicht im Morast von Schismen und Splitterparteien und Verhältnissen wie in der Weimarer Republik versinken. Was baut allen die „goldene Brücke“ über den bedrohlichen Sund?
Die Postmoderne in Amerika in der Kritik im Werk der „menschlichem Makel“ von Philip Roth
Philip Roths Roman „Der menschliche Makel“ exemplifiziert par excellence die Schaffensmacht eines großen Dichters in seinem Streben nach Ruhm.
Roths Meisterwerk mag zugleich ein hervorragendes Beispiel dafür zu sein, wie anwendungsmächtig die gadamer’sche Hermeneutik in ihrem steten Hinweisen sein kann, es komme im Hinblick auf die Antwort bereits darauf an, welche Frage man an einen Text stellt. Roths Roman ist so reich an möglichen Bezügen, dass jeder Interpret dieses Meisterwerks vor einer außerordentlichen Herausforderung steht. Insofern neigt der dann jeweils faktisch eingenommene perspektive Ausgangspunkt dazu, jegliche Erkenntnis zu determinieren. So kommt z.B. Kinzel (2006) mit einem am Denken der Straussians geschulten Instrumentarium lediglich zu dem Instrumentarium entsprechende Ergebnissen. Kinzel scheitert daran, die selbst wiederholt festgestellte Vielstimmigkeit und Offenheit des roth’schen Spätwerkes zu verstehen, zuzugestehen und einzugestehen. Der Fülle des coeuvre von Roth wird im Zuge des Erhellens einzelner Motive insgesamt interpretatorisch Gewalt angetan.
Roth spielt in seinem Alterswerk gekonnt mit den großen Traditionen des Abendlandes zwischen Griechentum, Judentum und Christentum. Insgesamt produziert Roth dabei eine derartige Menge mögliche Bezüge und nutzt Sprache spielerisch mit einer Verve an zahlreichen Anspielungen und intertextuellen Bezügen, das eine eindeutige Interpretation unmöglich ist. Obwohl Kinzel (2006:22) die ungewöhnliche Reichhaltigkeit des jüngeren Werk von Roth ausdrücklich bemerkt, werden daraus keine Schlüsse im Hinblick auf die Methodik der Interpretation unternommen. Natürlich stellt Roth fundamentale Reflektionen über die menschliche Existenz an. Doch in seiner jüdischen und amerikanischen Perspektive kann Roth nicht auf eine fein säuberliche Scheidung nach in die Ursprungsteile des alteuropäischen Denkens festgelegt werden. Roth entpuppt sich als heterodoxer Denker genuin eigener Qualität und Originalität. Dies erscheint angemessener, da das Element des Dissidenten besser zu Tage tritt als in einer belasteten Kategorie wie „reaktionär“.
Roth greift vielmehr die Kategorie der klassischen Ästhetik selbst an, als dass er Reinheit und damit verbunden das Element der Steigerung angreift und als Utopie verwirft. Damit fordert Roth lediglich einen anderen Amerikadiskurs ein und verwirft Reinheit als regulative Idee des Fortschritts. Damit folgt Roth einem Element postmodernen Denkens. Insofern man Amerika als typisch für die Postmoderne und als Fortschritt gegenüber der klassischen Hochmoderne begrifft, folgt Roth – anders als Kinzel es oberflächlich sieht – sehr wohl einem fortschrittlichen Amerika.
Damit legt Roth gerade die vielfach für das postmodernes Denken charakteristische Intention einer Privilegierung des Heterogenen vor dem Homogenen als klassisch tragisch gegen die eigenen guten Intentionen gescheitert bloß.
Es wirkt deshalb hilflos, wenn Kinzel sehr akademisch unermüdlich vergleichbar brilliante – jedoch keinesfalls zwingend vergleichbar originelle – Denker wie Gomez Davila, Max Scheler, Camile Paglia oder Harold Bloom heranzuziehen.[1]
Hier wird vielmehr deutlich, wie gelungen sich Roth jeglichem „labeling“ meisterlich entzieht. Meine These ist vielmehr, dass Roth darauf verzichtet eine alteuropäischen Traditionsstrang zu privilegieren. Vielmehr überlässt Roth als Individualist jedem selbst sein Urteil, was auch Kinzel (2006:20) zugibt.
Hier wird vielmehr deutlich, wie gelungen sich Roth jeglichem „labeling“ meisterlich entzieht. Meine These ist vielmehr, dass Roth darauf verzichtet eine alteuropäischen Traditionsstrang zu privilegieren. Vielmehr überlässt Roth als Individualist jedem selbst sein Urteil, was auch Kinzel (2006:20) zugibt. Roth schließt sich nämlich durchaus einer Richtung an, die den Diskurs der Postmoderne goutiert. Mit der von Kinzel korrekt benannten Polyphonie weißt Roth ein typisches Merkmal des postmodernen Erzählens auf (hier einschlägig: Peter V. Zima 1997).
Das Vorgehen von Kinzel erscheint müßig, insofern Roths bekanntermaßen umfangreiche Bezüge zur menschlichen Sexualität als Merkmal des Spätwerkes heraus gestellt werden. Sie sind ein generelles Merkmal des Gesamtwerkes.
Hier verbindet sich lediglich die im Vergleich zur christlichen jüdische Unaufgeregtheit bezüglich der Sexualität mit allgemeiner jüdischer Aufgeregtheit und griechischer Darstellungsfreude. Gerade in der Darstellung enterotisiert und entsexualisiert das vermeintlich Obszöne.
Es bleibt Geschmackssache, ob man die für einen Schriftsteller von der Güte Roths typische Ausdruckskraft zum Ausgangspunkt einer Interpretation macht, die aus seiner Respektlosigkeit eine Boshaftigkeit macht. Roth wendet sich lediglich gegen eine angebliche progressive emanzipatorische „Politisierung der Lust“ (Dagmar Herzog). Geradezu anstrengend bemüht wie hilflos wirkt die beständige Intention Kinzels, Roth zwanghaft auf das Einordnungen in die Tradition eines Überlieferungszusammenhages mit Nietzsche festzulegen. Damit ist mehr einer potentiellen Aufwertung Nietzsches gedient, der nun ohnehin als populärer Quellen zur Anregung bekannt ist, als dass das spezifisch eigene von Roth deutlich wird. Nebenbei attackiert Roth die Glaubensgrundsätze der amerikanischen „kulturellen Linken“ (Rorty) und ihrer Vernarrtheit in Identitätspolitik.
Nicht nur entpuppt sich der Kommunismus als „Utopie der Säuberung“ (Gerd Koenen) oder lässt sich der Holocaust als ein Unternehmen zur industriellen Reinigung des Volkskörpers verstehen, wie es sich im Stellenwert des Gedanken der Homogenität bei Carl Schmitt entpuppt, sondern auch Amerika wird als ein Ort der Säuberungstendenzen wiederholt von Schuld heimgesucht.
Eine reinigende und säubernde Putzfrau in einem protypischen Elitecollege an der amerikanischen Ostküste namens „Athena“ erweist sich als diejenige, die dem gealterten Professor als geneigte „Sophia“ ohne Kinder bzw. als eine Diotima bzw. eine Art „Animagestalt“ (Jung) auch dem Leser das großes Glück und Erkenntnis bringt. Die Wahrheit liegt also im Dreck, in der untersten denkbaren Hierarchie der akademischen Welt. Will Roth suggerieren, die amerikanischen Studenten wären eigentlich sowas wie Reinigungskräfte, die immer noch vom Land kommen? Ihr gegenüber stellt er die Figur der virtuosen postmodernen Feministin aus Frankreich, die an sich selbst verzweifelt und frustriert in ihrem Begehren ist, das sozial hochnormiert ist, weil es “rein” und “sauber” sein muss. Sie vermag es nicht, sich von den Lasten ihrer Herkunft zu lösen und den Auftrag, eine reife Identität zu entwickeln, zu erfüllen.
Darin liegt gerade die Ironie der postmodernen Besessenheit von Kultur und Identität: Sie stellt im Gefolge Heideggers den Ursprung, d.h. die Vergangenheit und das Erbe, über die kommende Zukunft, welche zudem noch gegenüber einem Jenseits abgwertet wird. Somit hält sich der Menschen darin wie in der Höhle Platons gefangen. Währendessen führt Roth mehrfach das Scheitern wesentlichen “postmodernen” Denkens in der Praxis vor, da es sich selbst gegen seine Intentionen widerlegt.
Amerika als Utopie einer geradezu neuen Geburt oder Wiedergeburt des „eigentlichen“ Menschen? So ähnlich wie Hannah Arendt es mit ihren Reflektionen über die Natalität des Menschen entwirft, so entwickelt Roth eine merkwürdige Vernarrtheit gegenüber der Vergangenheit. Wo ist das „Goldenes Zeitalter“, dessen Wert in Deutschland Helmut Plessner so sehr betonte? Wie definiert sich Amerikan bzw. was machen die offiziellen Definitionen und deren tragende Mythen aus Amerika?
[1] Für Kinzel entzieht sich augenscheinlich die Ästhetik der Politik. Da jedoch die Politisierung von Ästhetik und Kultur der Hauptzug der Postmoderne darstellt, die zugleich die politische Qualität von Ästhetik und Kultur verneint, entgeht Kinzel in seiner Nähe zum traditionellen ästhetischen Aristokratismus, der Nähe zum entchristlichten Katholizismus „georgischer Prägung“ aufweist, die Problemstellung bei Roth. Kinzel insistiert sehr alteuropäisch auf der Privilegierung zwischen Leben und Kunst, die Susan Sonntag, welche u.a. bei Leo Strauss studierte, wirkungsvoll kritisierte.
Skizzierung deutscher und amerikanischer Linien bei der Rezeption von Leo Strauss und Werk
Hermeneutische Ausgangspunkte
Unverzichtbaren Hintergrundinformationen bietet das exzellent geschriebene Werk von Wolf Lepenies (2006) „Kultur und Politik. Ferner ist zur Historie z.B. „Athen“ von Christian Meier zu empfehlen, da sonst kaum ein präziser Zugang zur Antike als „Schaubühne“ möglich ist. Ohne umfassende Vorarbeit ist keine Untersuchung möglich. Als große Hilfe hat sich mein früheres Bemühen erwiesen, die Konzeptgeber der „Sozialen Marktwirtschaft“ wie Walter Eucken und Alfred Müller-Armack direkt aus ihrem damaligen Weimarer Kontext heraus zu verstehen. Lektüre von Ernst Troeltsch, den Wissenschaftlern Jan Assmann, Shmuel Eisenstadt und Karl Jaspers konnte u.a. Aspekte der Religionssoziologie näher beleuchten.
Ausgesprochen instruktiv und sehr fruchtbar war Alfons Reckermann (2003) über die verschiedenen internationalen Interpretationsarten Nietzsches und die Darstellung in der Dissertation von Thomas Gutschker (2002 ) über durch Heidegger inspirierte „Aristotelische Diskurse“ im 20. Jahrhundert. Sehr Wichtig waren die Bände von Bände (2001ff) zur lehrreichen gebündelten Darstellung des „Politischen Denkens“, nützlich ferner mehre Handbücher aus dem Metzler Verlag zu Nietzsche, Heidegger, Lessing. Ferner ungezählte Werke zur Einführung. Da Strauss sich in Zitaten und Verweisen quer durch die ganze Geschichte des westlichen Denkens bezieht – von der Bibel bis Heidegger -, ist umfangreiche Information nötig. Viele Worte haben bei Strauss nicht die Bedeutung, die sie im Allgemeinen haben. Kontinuierlich verzichtet Strauss auf Verständlichkeit und präzise und umfassende Definition von Begriffen. Diese sind nur durch den Kontext der jeweiligen historischen Diskussion zugänglich.
Natürlich haben „Wikipedia“, „Google“, „Amazon“, die „New York Times“ und viele Internetseiten von Zeitschriften haben oft kleine und größere Details und etwas Licht zum näheren Kontexte beisteuern können, so dass die zunehmende Anzahl von Teilen ein Bild des Puzzles ergaben. Ohne die erlangten Kenntnisse wäre die vorgelegten Zeilen so in dieser Form möglich gewesen. Weiterer Dank gebührt vielen an dieser Stelle Ungenannten.
Anliegen der Aufklärung ist es, falsche Meinungen und Vorurteile zu widerlegen. Dazu hilft selbst zu denken. Es ist überfällig, falsche Meinungen über Leo Strauss aufzulösen.
Publizistisch Aktualität seit 2003
Viel Vages wird über Leo Strauss gemutmaßt, geredet, einschließlich in angesehenen Zeitungen, unendlich im Internet. Stets – und das gilt leider auch für wissenschaftliche Publikationen – werden einzelne Satzfetzen werden zitiert, wenig wird exakt über seine Texte miteinander diskutiert. Verteidiger und Ankläger stehen sich in methodischer Schwäche in nichts nach. Zu wenig Vernünftiges ist trotz umfangreicherer Arbeiten über Strauss geschrieben worden. Hier hängt die Forschung in Deutschland derjenigen in Amerika etwas hinterher. Nur fragmentarische Teile des Puzzles liegen vor. Nicht zuletzt werden die entscheidenden kritischen, pikanten offenen Streitfragen ausgeblendet. Dafür gibt es umso mehr Polemik und Unwissenheit. Oft bleibt es bei vagen Formulierungen und grober Kontextualisierung.
Forschungsgeschichte in Deutschland
Durch die verdienstvolle Arbeite von Heinrich Meier ist eine Gesamtausgabe der Schriften von Leo Strauss im Entstehen. Meier (1996, 2007) hat im Rahmen seiner Tätigkeit für die Carl Friedrich von Siemens Stiftung instruktive und anregendes Material und Thesen bereitgestellt. Insgesamt ist im Vergleich in Deutschland kontinuierlich in den letzten 12 Jahren eine hervorragende Ausgangsbasis entstanden, die sich trotz im Umfang respektvollen Arbeiten (Harald Blum/ Clemens Kaufmann / Markus Kartheininger) und zahlreicher Aufsätze, noch nicht in ebenso fruchtbaren und pointierten Ergebnissen niedergeschlagen. Tatsächlich liegt immerhin eine „lebhafte Kampfsituation“ vor, um ein Diktum des Historikers Hans-Ulrich Wehler zu benutzen. Der nötige Streit ist auszutragen. Mit Max Weber ist zu betonen, dass Differenzen ohne Schong herauszuarbeiten sind. Spätestens seit ungefähr 2004 ist die editorische und publizistische Breite umfangreich genug für eine vollständige Kategorisierung von Leo Strauss.
Gleichzeitig verdeckt der Fokus von Meier via Carl Schmitt relevante Ausschnitte von Strauss. Für das Feld Außenpolitik ist dieser Schwerpunkt in der Diskussion durchaus ertragsreich, da im Kontext der militärischen Intervention der Administration von George W. Bush interessante Fragen aufgeworfen werden. Die internationale Konjunktur der Diskussion um Carl Schmitt hat aus verschiedenen Gründen stark zugenommen.
„Weimar“ als abgearbeites Feld in der deutschen Politikwissenschaft?
Weniger positiv ist die unzureichende Kontextualisierung von Strauss innerhalb der 20er und 30er Jahre in „Weimar“. Dies mag mit dadurch bedingt sein, dass die Zeit der Weimarer Republik – zumal in der Politikwissenschaft – selektiv rezipiert worden ist. Dies ist nicht verwunderlich ist angesichts der evidenten Dringlichkeit bestimmter Fragen nach 1945. D.h. es gibt kein vollständiges und vor allem nicht kategorisiertes Gesamtbild der Diskurse in Weimar und seiner Zeitschriften. Zwingend ist ein transdisziplinäres Vorgehen, das Arbeiten anderer Fachrichtungen als nur der Politikwissenschaft berücksichtigt.
So fehlen beispielsweise Anthologien und Textbücher, die das Denken in Weimar abbilden, obwohl dies didaktisch und historisch sinnvoll wäre. Dazu mag die Komplexität beitragen und das Phänomen der „Austauschdiskurse“, d.h. Begriffe wechseln quer durch das politische Spektrum und zu besetzen versucht. Auch wären deutsche Nationalkonservative mit jüdischen Wurzeln noch besser zu untersuchen.[1]
Ferner ist eine Untersuchung radikaler rechter Zionisten und ihres Denkens nötig. Instruktiv wäre z.B. eine Untersuchung von Diskursen und Repräsentation von Sparta und Hölderlin. Was meint Strauss im Kontext der Zeit exakt, wenn Strauss vom „Spartan Spirit of Zionism“ (Strauss 1923) schreibt? Um Strauss vor den vielen antisemitisch motivierten Angriffen – insbesondere in den USA – zu schützen ist eine genaue Zuordnung nötig.
Bildete die „Krise Weimars“ doch den Ursprung der deutschen Politikwissenschaft, so gilt deshalb dieser Themenkreis offenbar als abgearbeitet und nicht mehr ertragsreich, zumal für eine Karriere. Dieses Feld wird anderen Fächern überlassen, die kontinuierlich viele fruchtbare Einzelstudien vorlegen. Der neue Forschungsstand bietet das Potential einer viel besseren Kontextualisierung der Weimarer Zeit. Obwohl die Erforschung Weimars immer noch durchaus einen Schwerpunkt amerikanischer Forschung zu Deutschland bildet, fehlen wichtige Basisinformationen für solche Vorhaben. Vermutlich auch aus diesem Grund hat es die amerikanische Forschung zu Leo Strauss in Weimar nicht einfach. Deshalb mag sie sich in teilweise ausgeprägter Form mit Carl Schmitt und Heidegger beschäftigen müssen, die populärer und auch besser erforscht sind. Und nicht zuletzt wegen ihres Einflusses auf Teile der Frankfurter Schule und Jürgen Habermas. Sie schickte Habermas ausweichlich des Schriftwechsel zwischen Strauss und Karl Löwith an Leo Strauss Arbeiten von sich.
Kontrast zu Strauss: Ausleuchtung von Arendt durch globale „Deutungsindustrie“
Dennoch ist die Forschungslage im Vergleich umso erstaunlicher, bedenkt man, dass sich um Ikonen wie Hannah Arendt heute eine „globale Industrie“ entwickelt hat. Was wäre gewesen, wenn Leo Strauss früher besser erforscht und beurteilt worden wäre? Die amerikanischen Politikwissenschaftler John Mearsheimer (Chicago) und Stephen Walt (Harvard) formulieren in ihrem umstrittenen Buch zur von ihnen bezeichneten „Israel Lobby“ in den USA, die „Neokonservativen“ seien eine notwendige Bedingung für die Intervention im Irak gewesen.
Ist Leo Strauss ein “ehrenwerter Mann”? Es ist an Worte von Heidegger zu einnern: „Alles Große geht im Sturm“. Ironischerweise ist der Einfluss und die Wirkung von Heidegger auf „Linke“ und Linksliberale offenbar so groß, dass eine kritische Auseinandersetzung mit Heidegger vielleicht nicht möglich ist. Die Relevanz von Heidegger für die Biografie mag in ihrem Eros so groß sein, so dass paradoxerweise ausgerechnet Heidegger Strauss schützt. Weshalb schützt teilweise zeitweise faschistische Heidegger Leo Strauss vor Gruppen der linksliberalen Intelligenz in den USA? Ist dies in den USA überhaupt noch ein Kritikgrund angesichts der Wirkung von Heidegger auf Richard Rorty, der sich eine fiktive Geschichte über eine Liaison von Heidegger mit einer Jüdin, ihre Emigration in die USA, deren Scheidung und Weg seines Sohnes und ihrer Mutteer nach Israel ausdachte einschließlich des Heldentod des Sohnes von Heidegger aus dieser Beziehung im Kampf des um die Golanhöhen und eines Nobelpreises für Heidegger für eine Elegie auf den toten Sohn? Erinnert dies nicht gleichzeitig in unkritischer Weise an die Stellung des Heldentums in Teilen des amerikanischen Pragmatismus und die ausgeprägte Näher einiger Pragmatisten zu Nietzsche und Mussolini?[2] Hat es etwas mit der Bewunderung radikaler rechter Zionisten für Nietzsche und Mussolini auf sich?
Forschungsbedingungen: Impotenz der amerikanischen Linken zu Heideggers Denken
Während immer mehr deutlich wird, dass Heidegger und sein „Denken“ – treffender wäre Nichtdenken – umfassend affirmativ zum Faschismus stehen. Heidegger war ein Faschist und träumte von Volk und Visionen der alles integrierenden ursprünglichen und gleichzeitig neu zu schaffenden Volksgemeinschaft. Heidegger folgte mit Elan 1933 – wie Plato gegenüber den Tyrannen in Syrakus, was damals ungefähr das „New York seiner Zeit“ war – Hitler und der „Bewegung“ bzw. „Erhebung“. Anders als für Hannah Arendt, welche Freiheit und gemeinsames Handeln zum normativen Ziel und Inhalt ihres Verständnis von Politik erklärte, oder Karl Löwith , der in Absetzung zu Heidegger in einer Dissertation bei diesem die Bedeutung des „Mit-Seins“ herausstellte – oder auch später Emmanuel Levinas – waren für Heidegger Ethik und Politik als Gegenstand und ein spezifisches Gebiet keine bedeutenden Fragen und schon gar nicht „politischen“ Fragen.[3]
In meinem Urteil scheint Heidegger gleichzeitig ein Faschist, ein Atheist und ein „religiös Radikaler“ (Gadamer) und irgendwie noch ein orthodoxer Katholik und ein Dichtender und Denker mit geheimer esoterische Philosophie gewesen zu sein. Heidegger verkündete prophetisch „nur ein Gott kann uns retten“. Strauss und sein Schüler Allan Bloom sollen es genossen haben, mit „Gott“ genannt zu werden (so Stanley Rosen 2003/1986).
Was war und ist Heidegger heute, was war und ist Leo Strauss heute? Um das Wissen zu heben, ist nicht mehr als ein klassisches “radikales Fragen” nötig, wie es auch Husserl in seinem Verständnis von Wissenschaft lehrte. Worin besteht die Nähe des mitunter vom Gedanken des Volkes besessenen “Teilzeit-Faschisten” Heidegger zu Leo Strauss?
Analytisch darf der Faschismus als abstrakte Idee von Herrschaft, Massenbewegung und autoritärem Regime mit Führertum nicht sofort udn allein mit dem konkreten Nationalsozialismus, einem „eleminatorischen Antisemitismus“ und dem daraus folgenden Holocaust gleichgesetzt werden. Vergleichen bedeutet niemals automatisch gleichsetzen im Sinne von einer fehlenden Differenz, also einer Identität. Vorwiegend scheint sich nur mit Heideggers politischem Handeln, aber nicht mit seiner Philosophie selbst auseinander gesetzt zu werden.
Entwicklung der Forschungsperspektive auf Leo Strauss
Was war Leo Strauss? Ethik und Politik haben Strauss nicht interessiert. Aber Strauss beschäftige sich permanent mit Politik:
a) Wie Heidegger folgte sich Strauss Franz Rosenheim in einem Streben nach dem “Unpolitischen” als Kern
b) Wie Heidegger äußerte sich Strauss sich nicht über ethischen Fragen im üblichen Sinne.
c) Wie Heidegger lehnte Strauss alles Übliche ab
d) Wie Heidegger war Strauss versessen auf Tradition und lehnte gleichzeitig alle Tradition ab.
Viel erzählte Strauss von Tugend im Sinne von edler Exzellenz, verbreitete nüchtern und zugleich schwärmerisch Vieles über Plato. Deshalb ist davon auszugehen, dass beginnend von seiner Jugend am renommierten Marburger Gymnasium Gymnasium Philippinum Marburg. Strauss sich kontinuierlich als Leser und in der Tradition Platons, Nietzsches, des Zionismus und Bewunderer von Hermann Cohen verstand, somit wäre konträr zu üblichen Periodisierungen von einer durchaus ausgeprägten Kontinuität im Denken von Strauss auszugehen.
Weshalb schweigt Strauss über seinen herausragenden liberalen Doktorvater Ernst Cassirer, weshalb hat er nicht 1945 dessen „Essay on Man“ rezensiert, weshalb keinen Nachruf verfasst, weshalb hat keiner seiner Schüler über den Cassirer publiziert, der an Bildung und Stil alles überragte? Hieran ist Strauss zu messen. Weite Teile ignorieren Stil dieses harte und brutale Kriterium. Warum dies Schweigen? Hatte nicht Schweigen für die hermeneutische “Methodik” von Strauss so eine eminente Bedeutung hat? Warum in den USA nicht über den großen Cassirer sprechen, dessen Porträt 1945 in Yale bei seinem Tod neben dem des amerikanischen Präsidenten Franklin Roosevelt hing?
Typisch für die „Generation des Unbedingten“ könnte in intellektueller Hinsicht ein „Denken der Grenze“, d.h. des Äußersten sein. Exemplarisch mag unter anderem Paul Natorp dafür stehen. Dessen Marburger Kollegen, den großen Hermann Cohen verehrte Strauss sehr. Ein relativ zentraler Punkt in Leben und Werk von Strauss sein Vortrag 1931 über „Cohen und Maimuni“ vor der Kadima.
Hermann Cohen und Ernst Cassirer
Hermann Cohen verfing sich stellenweise mit rhetorischen Elementen des „Sozialidealismus“ bzw. wie mit seinen „linken“ Sprachbausteinen und glitt auch in der Sprache seiner Zeit und des Wilhelminismus. Ihm ging es um die „Erziehung des Menschengeschlechts“. Auf der Gegenseite steht die gewaltige Gestalt von Ernst Cassirer, der allgemein und schlechthin als Nachfolger und Erbe von Hermann Cohen und des Neukantianismus verstanden wird. Cassirer war der große bürgerliche liberale Philosoph der Weimarer Republik, 1927 Gegenspieler von Heidegger in Davos und Rektor der Universität Hamburg, Lehrer von Joachim Ritter. Warum äußerte sich Strauss enthusiastisch über Hermann Cohen am Ende seines Lebens, aber nicht über seinen Doktorvater Ernst Cassirer und dessen absolut außergewöhnliche Grüße, welcher ihn übrigens ebenfalls mit Empfehlungsschreiben ausgestattet hatte. Was bedeutet diese fehlende Ehrerweisung, auffälliger Mangel an Dankbarkeit und Frömmigkeit? Weshalb dieser Frevel? Warum ist über ihr Verhältnis kaum etwas bekannt? Weshalb lehnte Paul Tillich 1931 eine Habilitation von Strauss ab?
“Blinde Flecken”
Obskur und voller komödiantischer Elemente – nicht anders ist es zu nennen-, dass in der Debatte um Strauß nicht einmal geklärt oder diskutiert wird, was für Strauss „classical political philosophy“ ist, was „liberal education“ bedeutet, was für ihn der „classcial rationalism“ der Antike ist und was das von Strauss mit Nachdruck exklusiv favorisierte „antikes Naturrecht“ für eine Form von Recht, Gesetz und Gerechtigkeit meint, nicht zuletzt hinsichtlich des Völkerrechts und des internationalen Rechts. Mehr als fraglich ist, ob Strauss bereits hinreichend mit „elitär“ kategorisiert ist. Inwiefern versteht Strauss unter „Naturrecht“ mehr als die natürliche Herrschaft der Stärksten und Besten bzw. der „Nobelsten“?
Wieso äußerte Isaiah Berlin über Strauss, dieser glaube seit der Renaissance gäbe es keine großen Menschen mehr? Was hat die Popularität von Strauss bei „Neokonservativen“ in den USA zu bedeuten, wenn laut Arendt die politischen Ideen von Strauss nahe bei den Nazis standen, wie ihre Biografin schreibt, und Hans Jonas in seinen Erinnerungen Strauss als Anhänger des frühen Mussolinis bezeichnet?
Selbstverständlich dürfte jemand wie Strauss scharf zwischen Demokratie bei Rousseau und Liberalismus bei Hobbes unterschieden haben. Wie stand Strauss zum Individualismus, wie zur Massen- und Konsumgesellschaft? Worauf basiert seine Kritik im Unterschied zu Heidegger – die seit den 60er Jahren in linksliberalen Kreisen der USA sehr populär wurde – und was ist Strauss und Heidegger gemeinsam. Welche Vorstellung von Staat und Verfassung hatte Strauss. Vor allem: Was sagte Strauss zum „internationalen politischen System“, wie stellte Strauss sich Außenpolitik vor. Welche Rolle spielt die Notwendigkeit des “Belügens” der Öffentlichkeit, die nicht nur bei Plato aus „’medizinischen’ Gründen“ prominent ist. Welche Form des israelischen Staat wünschte sich der entschlossene Zionist Strauss? Welche Auffassung von Bildung und „Paideia“ vertrat Strauss? Was bedeutet das entschiedene Eintreten seines Schülers Allan Bloom für „Great Books“ in Verbindung mit Strauss Vorstellung von der esoterischen Wahrheit für die wenigen weisen Philosophen? Was sagte Strauss zur Deutung von Platon durch Karl Popper, wie stand Strauss zum Denken von John Dewey. Was sagte Strauss zur Kritik von Arendt an Platon? Warum war Arendt distanziert zu Strauss? Weshalb schrieb Strauss z.B. über Cicero, schwieg aber über die weitere Stoa und ihr Naturrecht?
Wie steht Strauss zur Demokratie und wie überzeugt ist Strauss von der Demokratie?. Strauss spricht ständig von der Gefahr der inneren Erosion des Liberalismus, vor allem der inneren Selbstgewissheit des Westens. Wer stellt so umfangreich die Probleme der Demokratie dar. Strauss diskutiert umfassend die Vorteile- der Tyrannei, – das meint der diktatorischen Alleinherrschaft, auch unter einem Gesetz, keinesfalls zwingend eine Herrschaft von Willkür. Inwieweit ist Leo Strauss fraglos ein Mann mit demokratischer Ehrer und bürgerlich-liberaler Gesinnung im Sinne der Neuzeit?
Markus Kartheininger ist ausnahmsweise zuzustimmen in der Betonung, es sei unabdingbar, nicht nur auf den Einfluss von „Gipfeldenkern“ wie Heidegger auf Strauss zu schauen, sondern „… die Vielfalt alternativer Ansätze, wie es sie etwa in der Weimarer Republik gegeben war, im kollektiven wissenschaftlichen Gedächtnis gegenwärtig zu halten.“[4] In der Tat ist viel von der „lebendigen Vielfalt“ der Weimarer Zeit durch Emigration, Krieg und polarisierende Neuausrichtung von Wissenschaft und Publizistik nach dem Krieg verloren gegangen (2005:19).[5] Dieses Gedächtnis ist zur Warnung mehr als notwendig.
Obwohl Leo Strauss und sein Umfeld in den USA eine durchaus relevante Zahl an Anhängern an den politikwissenschaftlichen Departments amerikanischer Universitäten und sogar wie Mansfield in Harvard und Donald Kagan in Yale an Eliteuniversitäten hat, gibt es erst wenig transatlantischen Dialog in der Politikwissenschaft. Schwerpunkt bildet die Diskussion um Emigration (z.B. Alfons Söllner).
Seit den ersten kritischen Diskussionen in den USA und Kanada (Shadia Drury 1988, Homepage ihres Lehrstuhls in Kanada), hat es viele apologetische Schriften von Verteidigern Strauss gegeben. Umfangreiche, jedoch aus heutiger Sicht wenig substanzielle Diskussionen fanden bereits Ende der 80er und Mitte der 90er Jahre statt. Eine jüngere Bibliografie kam auf 10 000 Schriften zu Leo Strauss.
Dabei mag Drury (1996) überschätzen, dass Strauss Denken zwar teilweise einem Idealtyp dessen ähnelt, was konservative Republikaner für Positionen vertreten haben. Diese Korrelation belegt noch keine Notwendigkeit unmittelbaren oder einer vermittelten von Leo Strauss Wirkung auf die Ideen der von Newt Gingrich. Nicht zu widerlegen ist der Fakt, dass zahlreiche Personen mit einem präzise „neokonservativen Hintergrund“ wichtige Positionen in Washington einnahmen. Neben Richard Perle und Paul Wolfowitz sind viele „Neokonservative“ in „kommunikativen Funktionen“ tätig, z.B. als Redenschreiber. Das macht es notwendig, zwischen einerseits lediglich „neokonservativen Formulierungen“ und substanzieller „neokonservativer Politik“ zu unterscheiden.
Einen zumindest publizistischen Höhepunkt was die Anzahl von Artikeln betrifft, ergab sich im Kontext des Krieges im Irak (vgl. Catherine Zuckert / Michael P. Zuckert 2006). Wissenschaftliche Höhepunkte lassen auf sich warten. Instruktiv stellt sich der Essay von Anne Norton (2004) dar, der mit Recht im Titel die Frage aufwirft „Leo Strauss and the Politics of American Empire“. Ein Fazit von Norton ist, dass sie meint, die neokonservative Politik in den USA sei auf der „sizilianische Expedition“ wie es einst das antike Athen es war.
Gleichzeitig diskutieren amerikanische „Straussians“ mitunter mehr darüber, was „Straussian“ ist (Zuckert / Zuckert 2006), als welche Position Leo Strauss selbst wann wo wem gegenüber vertrat und welche Intentionen er dabei hatte. Nicht sinnvoll ist es, aus der Perspektive eines Philosophen alle politischen Fragen auszublenden, wie Kartheininger (2005) es tut.
Viele Konservative dürften unkritisch den vielfach angegriffen Strauss als einen von ihnen wahrnehmen, obwohl sie keine Kenntnisse über ihn haben. Am konservativeren Katholizismus orientierte so genannte „Paleokonservative“ wie Paul Gottfried attackieren hingen Strauss und den Neokonservatismus, weil sie dessen Konservatismus bezweifeln. Zusätzlich scheint es bei einigen Kritiker ein manifestes Unbehagen gegenüber dem jüdischen Hintergrund zahlreicher Neokonservativer zu geben.
Ferner sind einige Klarstellungen zur Interpretation Platons nötig. Ebenso dürfen deutsche Ikonen des jüdischen Kulturkreises nicht latent philosemitisch als unschuldige Heilige dargestellt werden, die sie nicht sein können, weil sie Menschen sind und ihnen „nichts menschliches fremd“ ist. Was widerlegt, dass Strauss nicht den typischen nicht nur intellektuellen Radikalismus seiner Erfahrungskohorte teilte? Dieser „Generation des Unbedingten“, die alle Grenzen des Denkens und der Vorstellungskraft sprengte, die neben Millionen von Menschen ideell und materiell Demokratie, Liberalismus und bürgerliche Sekurität fast völlig auslöschte. Eine Generation, die Körper und Seele zerstörten. Eine Generation, die die Atomwaffe schuf, die ein „Jahrhundert der Extreme“ hinterließ.
Quer durch fast alle Schattierungen machte sich schon vor dem Ersten Weltkrieg und in Weimar kontinuierlich eine geistige Gesinnung breit, die nur annährend mit religiösem Eifer verglichen werden kann.
Im Rahmen zeittypischer radikaler Zuspitzung nach der Jahrhundertwende, besonders in den 20er und 30er Jahren, bleiben Ikonen wie Walter Benjamin nicht verschont. Kritisch müsste das frühe Werk von Buber und Scholem betrachtet werden.
[nachzureichen: Zitat Richart Rorty (Suhrkamp 1993) zu Adorno]
Beteiligt an der Diskussion um Strauss sind neben Politikwissenschaftlern Historiker, Jüdische Studien, Theologen, Altphilologen, Philosophen, Literaturwissenschaftler und sogar Literaten und Schauspieler. Einflussreicher im Sinne von wirkungsvoller dürften die Aktivitäten von Journalisten, „pundits“ und das Publikum selbst sein. Das ist die Bühne und das Bühnenbild.
[1] Ursächlich mag die fehlerhafte Rezeption und Popularisierung von Max Weber in den USA durch Talcott Parson in „Structure of Social Action“ 1947 sein. Parsons erarbeitete eine Lösung für das Problem der Ordnung, die von Hobbes gestellte Fragen beantworten möchte.
[2] Lediglich zu jüdischen Mitgliedern des „George Kreises“ liegen nennenswerte Monografien vor.
[3] Zu Heldentum: William James, Herbert Croly
Zur Kontextualisierung:
Ottmann, Henning (Hrsg.): Nietzsche Handbuch, Metzler 2000
Nolte, Ernst: Nietzsche und der Nietzscheanismus, Herbig 2000
Vogt, Peter: Pragmatismus und Faschismus, Velbrück 2002
Goldberg, Jonah: Liberal Facism, Doubleday 2007
Reckermann, Alfons: Lesarten der Philosophie Nietzsches, Walter de Gryter 2003
Morat, Daniel: Von der Tat zur Gelassenheit, Wallstein 2007
Bambach, Charles: Heidegger’s Roots. Nietzsche, National Socialismus and the Greeks, Cornell University Press 2003
Thomä, Dieter (Hrsg.): Heidegger Handerbuch, Metzler 2003
Wolin, Richard: The Seducation of Unreason, Princeton University Press 2004
Renz, Ursula: Die Rationalität der Kultur, Felix Meiner 2002
Villa, Dana: Socratic Citizenship, Princeton University Press 2001
Schwemmer, Oswald: Ernst Cassirer. Ein Philosoph der europäischen Moderne, Akadmie Verlag 1997
[4] Arendt und Karl Jaspers zweifelten zudem, ob Heidegger überhaupt ein Gewissen habe.
[5] Kartheiniger kann diesen Anspruch – wie andere- selbst nicht einlösen. Zudem blendet er das Problem von Exoterik und Esoterik aus, da es nicht zum Frühwerk zähle (2005:15), denn „Persecution and the Art of Writing“. Fragwürdig erscheint es auch, die Frage des „theologisch-poltischen Problems“ trotz Erwähnung des Zionismus schwerpunktmäßig im Rahmen der „deutsch-jüdischen Problems“ situiert und sogar zum „europäischen“ erklärt (2005:38), obwohl aus europäisch-christlicher Sicht ein Eintreten für einen Nationalstaat, wie es der Zionismus tut, kein Problem darstellen würde. Hier tut sich vielmehr die Alternative von Nationalstaat, Weltstaat und durch ein (katholisches) Reich dominierten Großraum auf, so dass doch Carl Schmitt ins Spiel käme. Deshalb ist Kartheiningers These falsch, „nicht zu behaupten“, dass es sich bei Strauss um „jüdische Philosophie“ handele.
Bereits eine Seite vor dem angeführten Zitat zur Problematik der in der Tat problematischen Dominanz von Heidegger in der Forschung hinsichtlich des Einfluss auf Strauss weißt Kartheininger ohne weitere Kontextualisierung darauf hin, dass Strauss’ Verstehen „starke Anleihen bei Heideggers Figur einer , Destruktion der Tradition’“ nimmt (2005:18; vgl. auch stilistisch fragwürdige Wiederholung 2005:20). Andererseits ist fraglich, ob Kartheininger Recht haben kann, das Problem von „Ewigkeit und Zeit“ allein auf „theologische Problem im 17. Jahrhundert“ festzumachen und trotz Hinweis auf die damit für das Christentum verbundene Zwei-Reiche-Lehre nicht die Rolle von Augustinus für Heidegger zu diskutieren. Kartheininger verzichtet zu Beginn der Arbeit darauf, eine Definitionen von Heterogenität auch nur zu diskutiere. Vielfach fehlen Quellen und Literaturhinweise zu angeführten Meinungen in der Einleitung. Zutreffend ist zwar, dass wie Kartheininger bemerkt „in ihrer Bedeutung oft überschätzte Auseinandersetzung mit Carl Schmitt“. Weil Kartheininger sich nur auf das, was von ihm als Frühwerk kategorisiert wird, konzentriert, muss es immer wieder zu Fehlern kommen. Diese Konzentration ist umso fragwürdiger, als explizit im „Anspruch auf Konsistenz“ behauptet wird, „dass Strauss’ Werk‚aus einem Guß“ sei.
Unzutreffend ist auch, dass Strauss „aus methodologischen Gründen negativ-esoterisch bleibt und vornehmlich im Gewand des philosophiehistorischen Kommentars bleibt (18). Dies scheint in “City and Man“ nicht der Fall zu sein, geschieht also nicht durchgängig (anders auch Kartheininger 2005:12). Kartheininger erläutert nicht einmal, was in seinem Verständnis von Politik hinsichtlich Politik für ihn selbst noch für Strauss explizit oder implizit ausmacht, außer dass Politik irgendwie mit dem „Zeitlichen“ in Verbindung steht und offenbar „Philosophie und Religion“ für das „Überpolitische“ stehen, ohne zu kontextualisieren, was dieses bei den diskutieren Autoren bedeutet.
Die Annahme einer möglichen Korrelation von Sein und Bewusstsein, bzw. dass „Philosophie nur ein Überbau politischer Interessen“ sei, wird von Kartheininger als „vulgärmarxistische Vorstellung“ polemisch negiert (2005:17), obwohl Kartheininger von „Realkontext“ an anderen Stellen spricht (2005:12,16) und explizit sagt, dass Strauss „seine Problemstellung in Auseinandersetzung mit den politischen Optionen im deutsch-jüdischen Problem gewinnt“ (2005:17).
Kartheininger billigt Strauss das Anliegen zu, die „sich in den Alternativen von Cohen und Rosenzweig sich stellende Alternative von Idealismus und Antiidealismus, damit aber den modernen Rationalismus als solchen zu unterlaufen“ (2005:18). Gleichzeitig scheint Kartheininger aber nicht in der Lage zu sein, zu überprüfen, inwiefern Strauss gleichzeitig orthodox und atheistisch sein könnte, obwohl beide Kategorien in der Literatur vorkämen, wofür Kartheininger wieder einmal keine Quellen nennt! Kartheininger definiert geschickterweise nicht, was „klassischer Rationalismus“ im Text von Strauss und für die Person Strauss sei! Das bedeutet Abstriche bei der Wissenschaftlichlichkeit.
Völlig fragwürdig erscheint das Vorgehen, insofern als dass vom Begriff Heterogenität überhaupt keine Verbindung zum Diskurs Postmoderne oder Ernst Cassirer hergestellt wird. Dies verwunder umso mehr, als dass Kartheininger explizit am Schluss seiner Einleitung die Rolle von Ambivalenz betont: „Die Anerkennung der Heterogenität bedeutet eben auch, die Rückkehr zur platonischen Einsicht, dass in der Welt der Politik nichts schlechthin gut ist, sondern vielmehr ambivalent bleibt“ (2005:22). Insgesamt zeichnet sich die philosophische Dissertation durch fehlende wissenschaftliche Distanz und Mängel an Genauigkeit und philologischer Sorgfalt aus. Umso fataler muss eine fehlende normative Wertung sein, als dass offene Sympathie Strauss’ Anliegen eines anderen Staates zeigt und konzeptionell mit einer anti-liberalen Gesellschaft liebäugelt.
Zudem überschreitet durch die fehlende Distanz fast die im Rahmen der Freiheit von Lehre und Forschung bestehende Pflicht zur Verfassungstreue. Z.B. „Die vermeintliche ,Offenheit’ der modernen Kultur zeigt sich darin als Selbstabschließung.“ (2005:20) Hier zeigt sich übelste anti-liberaler Kulturpessimismus und anti-demokratische Ressentiments gegen die Moderne. Die Indifferenz in „manchen westlichen Ländern sich breit machende [sic] Indifferenz gegenüber dem Überpolitischen“ besteht logischer gerade darin, nicht nur normativ, sondern vor allem auch methodisch äußerst fragwürdige „wissenschaftliche“ Arbeiten ohne Strafe zu tolerieren. Wie steht es um die Treue zur Verfassung? Die Arbeit weist gefährliche Züge auf, wie sie ohne [sic!] explizites Zitieren mittels Quelle im folgenden Zitat zum „fellow traveler“ von Strauss durch Art der Wiedergabe seiner Position wird: „Bruch mit der Gehorsamsmoral, welche für Antike und biblische Tradition leitend war, der Primat individueller Ansprüche gegenüber der Verpflichtung und somit schließlich der Bruch mit dem klassischen Rationalismus herausarbeitet“ (2005:21). Der gemeinsame Bruch von Strauss und Kartheininger ist normativ und irrational.
Tatsächlich stehen bei Kant Rechte Pflichten gegenüber. Alle Autonomie bleibt an die „Pflicht zur Sittlichkeit“ gebunden. Ferner vor allem wichtig: O’Neil (2001):“Tugend und Gerechtigkeit“, mit der Betonung von Tugenden als Pflichten ohne Rechte.
Offenbar hat Kartheininger Strauss Schrift von 1931 „Cohen und Maimuni“ trotz Angabe im Literaturverzeichnis nicht gelesen, zumal sie trotz ihrer Relevanz für die Interpretation für „Philosophie und Gesetz“ nicht im Siglenverzeichnis auftaucht.
Paradox muss es scheinen, dass Kartheininger trotz seines eigenen Hinweises „Das Problem … Strauss Position abschließend zu fixieren, resultiert daraus, dass die Heterogenität, die als Grundzug des Strauss’schen Denkens erkannt wurde, auf Strauss’ Position selbst zurückschlägt. Man kann eben nicht die Heterogenität von Glauben und Wissen, Zeitlichem und Ewigem, als den Grund von als eine in sich homogene beschreiben wollen. Mit anderen Worten: Strauss Position kann und darf gar nicht, sofern sie in sich konsistent ist [sic!], aus einem Prinzip bestimmbar sein“ (2005:408).



