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Zum Kern des “Wutbürgers”
Das aktuelle GRÜNE-Politikmodell setzt darauf, die Wut einzelner protestierender Bürgergruppen durch das Gesamtkollektiv sanktionieren zu lassen. Das ist der Kern des “Wutbürgers”. Der emotionale Zuststand einzelner Gruppen wird privilegiert behandelt.
Richard Rorty über Lenin und Leninismus
Auf eigenartige Art und Weise finden sich in der Gegenwart wieder offene oder verborgene Bezüge auf Lenin. Es wird damit kokettiert und gedroht, ob auf der Website von Frum oder mit dem Wort “Was tun”, dem Titel einer Schrift von Lenin, bei CICERO oder im Vorabdruck von Sarrazin beim SPIEGEL.
In seinem Aufsatz „Das Ende des Leninismus, Havel und die soziale Hoffnung“, der auf einem Vortrag von Rorty 1991 auf einer Tagung an der Michigan State University zu Francis Fukuyama “The End of History” basiert, übt Rorty ein klares Urteile über wichtige Intellektuelle des 20. Jahrhunderts. Und so vermerkt Rorty im Band “Wahrheit und Fortschritt” (stw 1620):
„Es gibt etwas, was Kojeve, Strauss, Adorno, Nietzsche und Heidegger mit Lenin und Mao verbindet, nämlich den Drang, etwas auszumerzen: Sie wollen die Bourgeoisie als Klasse abschaffen oder zumindest die bürgerliche Kultur, von der Nietzsche und Heidegger angenommen hatten, sie würde Europa in ein Ödland verwandeln.“ (Seite 332)
Dahinter darf nicht zurückgefallen werden.
Aus dem Archiv: Weimar im politischen und intellektuellen Feld der Bundesrepublik bis in die 90er
Politikwissenschaft ist ein politisch aufgeladenes Feld. Um einige Spannungen zu verstehen, werden historisch knapp einige Pfade aufgezeigt, die für die Beurteilung eine Rolle spielen.
Wesentliche intellektuelle Bewegungen nach 1945 in Deutschland lassen sich einordnen wie sie sich jeweils zum Nationalsozialismus, zum Sozialismus bzw. zum Kommunismus, zum Holocaust und zum Scheitern der „Weimarer Republik“ stellen.[1]
Traditionelle Bürgerlichkeit bzw. das “bürgerliche Lager”
Traditionelle bürgerliche Bewegungen definieren sich zuerst über Abgrenzung vom Kommunismus und Aufarbeitung der institutionellen Krise in Weimar. Hier wird Weimar als traumatisches Scheitern und Ende der Bürgerlichkeit verstanden, gegen dessen Scheitern starke institutionelle Barrieren aufzubauen sind. In diesem Feld bewegen sich konservative und liberale Politikwissenschaftler und Zeithistoriker wie z.B. Karl Dietrich Bracher. Manche in diesem Umfeld scheinen zu meinen, mehr Autorität sei die Lösung, um so eine Diktatur zu verhindern. Fokus ist bis zu Beginn der 90er Jahre der Konflikt mit dem Totalitarismus, der die bürgerliche Lebenswelt bedroht. Die Vereinigten Staaten sind unerlässlicher Verbündeter, melancholische Kulturkritik bleibt präsent. Industriegesellschaft und Arbeiterschaft werden zwar nicht geliebt, aber akzeptiert. Insbesondere Hermann Lübbe betont offensiv die Affirmation der Industrie, indem er die konservative Ablehnung der Technik wie vor ihm die weit stärker rechtslastigen Ernst Forsthoff, Hans Freyer und Arnold Gehlen austreibt. Im liberal-konservativen Denken ist nach 1968 kein komplexes ökonomisches oder neues staatswissenschaftliches Denken mehr entstanden, das an Eucken oder Müller-Armack anschließen würde. Luhmann kategorisiert offensiv, versteht aber nicht Ökonomie, noch kalkuliert er, um Hypothese oder Prognosen aufzustellen.
Die teilweise Entwertung ihres Verständnisses von bürgerlicher Kultur im Zuge von 1968 und Transformation der Medienlandschaft werden ständiges Ärgernis. Teile der nächsten Generation orientieren sich an den Grünen und verlassen für 25 Jahre das Lager der bürgerlichen Parteien.
Insgesamt scheint Kultur im humanistischen Sinne für diese Traditionslinien etwas an Bedeutung verloren zu haben. Jedenfalls gibt es im konservativen Teil der „Generation Golf“ keinen humanistischen Begriff von Kultur, auch wenn stärker liberale Florian Illies Affinitäten zum Großbürgertum zeigt und führende Kunstzeitung für ein junges Publikum gestaltet. Das Einsickern Nietzsches verhindert, Humanität mit Sittlichkeit und Freiheit als Autonomie untrennbar mit der „Pflicht zur Sittlichkeit“ verbunden zu sehen.[2]
Positive Visionen zur gesellschaftlichen Entwicklung sind selten. Ansatzweise findet sich in unscharfen Konzepten einer „aktiven Bürgergesellschaft“ eine Vermischung traditioneller regionaler Lebensvorstellungen mit Impulsen aus der Zivilgesellschaft.[3] Die potentiell jüngste Generation dieser Linie ist überwiegend mit Karriere und Etablierung beschäftigt, weil die Reproduktion des sozialen Status schwerer geworden ist. Differenzen zwischen Katholizismus und Protestantismus scheinen in den jüngsten Kohorten der obersten Dienstleistungsklasse nicht äußerlich sichtbar zu sein. Das latente Konzept einer stets amüsierbereiten Netzwerkgesellschaft, die keinem weh tut, vermittelt eine Irrelevanz von Hierarchie, Ordnung und Autorität. Ob es eine tiefere Haltung – Haltung in einem emphatischen Sinne wie bei Helmut Plessner (vgl. Lepenies 2006) oder (Hans Herbert Soeffner) – zum Sozialstaat gibt, ist vollkommen unklar. Der Sozialstaat evoziert bei kaum noch einem liberal-konservativen Publizisten außer Alexander Gauland ein „passionate attachment“ noch eine höhere Einsicht noch eine Verwirklichung von Sittlichkeit auf Ebene des Staates.[4]
Periodisch geht grob etwa von 1996 bis Herbst 2006 ein anti-liberaler Krisen und Niedergangsdiskurs in Gang von Rechts- und aus der linken Mitte, um Reformen zu legitimieren. Dabei wird eine substanzielle Analyse unterlassen. Größte Gefahr ist dabei die Abwertung inkrementeller Reformen und die implizites liberalistische Utopie, die fast mit autoritären Tendenzen nach dem charismatischen starken Mann einhergeht. Sozialreformen, die mit naher Apokalypse intoniert werden, ersetzen positive Utopien. Viel Wohlstand führt zu großen Verlustängsten. Das liberal-konservative Denken predigt gegen den deterministischen Materialismus, hängt aber selber im Sein sehr wohl an Besitz. Dies verstärkt sich in der „Generation Golf“ (Markus Klein 2005). An das Arbeiten selbst werden charismatische Erwartungen gestellt. Daraus folgt, dass Starrheit und Routine, wie sie staatliches Handeln, dass auf Regelmäßigkeit als Kennzeichen der Moderne zielt (Richard Münch), abgewertet werden muss. Bürokratie ist negativ, obwohl Subventionen willkommen bleiben.
Linke Bürgerlichkeit
Links stehende Bewegungen „bürgerlichen Zuschnitts“ definieren zuerst über die Aufarbeitung des Nationalsozialismus und Verhinderung des Holocaust. Kapitalismus wird tendenziell durchaus als etwas betrachtet, was sowohl Nationalsozialismus als auch Holocaust begünstig. Die Vereinigten Staaten werden teils kritisch, teils euphorisch beurteilt. Das Profil der „Frankfurter Schule“ und das Wirken von Adorno legt einen Maßstab vor. Heute arbeitet noch am ehesten das Hamburger Institut für Sozialforschung hier weiter. In ihm verbbindet sich Großbürgertum mit Linksliberalismus. Autorität wird hier sehr kritisch gesehen, weit reichende Reform des pädagogischen Handelns. Für die älteste Generation bleibt Platon, wie auch für Dewey und Nietzsche ein Prüfpunkt. Romantik und Natur haben Erlösungspotential, New Age und Spiritualität finden Anklang über weite Kohorten. Kultur behält einen sehr emphatischen und fast religiösen Stellenwert. Im Milieu der Humandienstleister verliert es humanistischen Gehalt und jeglichen Kanon, unterliegt dem Primat der Selbstverwirklichung und Toleranz. Bildung hat hohen Stellenwert, darf aber nicht autoritär sein. Insofern Leistung und Mühe offensiv subtil implizit negativ konnotiert werden, verhindert die Klasse der gut verdienen Linksliberalen den Aufstieg von Personen aus bildungsfernen Schichten und der neuen kulturellen Unterschicht, der sie mit das Ideal von mühelosen Luststreben nach Emanzipation durch ihr eigenes Luststreben teilweise zurechenbar aufgezwungen hat.
Freie Selbstentfaltung und Selbstentdeckung, nicht zuletzt der Sexualität hat für bestimmte Kohorten höchste Bedeutung. Popkultur ist Befreiung und Bedrohung zugleich.
Analytisch ist niemand in der Lage, postmoderne Ambivalenzen konzeptionell einzufangen und normativ mit entschiedener Diktion zu urteilen.[5] Poststrukturalistische Analysen von Subjektentwürfen kommen erst 20 Jahre später auf, die die Konvergenz von Ästhetik und Ökonomie zeigen (Andreas Reckwitz 2006). Postmoderne und Indifferenz verbreiten sich, in den späten 90ern kommt zu ausgeprägten Phänomenen von etwas, was meist als „Spaßgesellschaft“ bezeichnet wird. In der Technokultur ist Hierarchie im Publikum aufgehoben und der DJ hat eine Art von religiöser Funktion.
Habermas legitimiert zu Beginn der 80er im Schlusskapital seiner „Theorie kommunikativen Handelns“, die Entregulierung von Schulen, welche auch fortschrittliche katholische CDU Minister wie Werner Remmers fordern, d.h. „Entkolonalisierung der Lebenswelt“ und „erlassfreie Schule“ gehen Hand in Hand.[6] Asymmetrien in der Lebenswelt werden analytisch ignoriert und durch universelle formale Gleichberechtigung der Betroffenheit abgebaut. Interne akademische Professionalisierung der Sozialwissenschaften wird durch Schärfung des normativen Profils mittels Konflikte mit Strauss, Kohl und der CDU kompensiert. Fachinterne Innovation besteht in den Sozialwissenschaften in der Übernahme von Ideen und Konzepten aus dem anglo-amerikanischem Ausland ["French Theory" (Yale Department) wird erst sehr sehr spät rezipiert].
Intern werden Hierarchie, Autorität und Ordnung durch kommunikative Strategien, insbesondere im pädagogischen Milieu, oft invisibilisiert. Interne Konflikte würden die Homogentität und Selbstverständnis bedrohen, die viele Konzepte geradezu Fiktion werden lassen. Offene oder stille Generationenkonflikte sind der Regelfall. Zivilgesellschaft wird zu Beginn der 90er zum „leeren Signifikanten“ einer mit sich selbst durch Kommunikation versöhnten Gesellschaft. Kommunitarische Ideen erfahren Sympathien im ehemaligen alternativ ausgerichteten Milieu.
Die „Toskana Fraktion“ übernimmt 1998 die Steuerung des Bundesrepublik und ist systematisch überfordert, bringt aber gute Laune und Genugtuung als Lebensgefühl mit. Politik bedeutet nicht nur Organisation, sondern vor allem für die Grünen ästhetische Normen zu etablieren, die das Dunkel der Ära Kohl vertreiben. Bewahrung traditioneller Energieoligopole von Versorgern und Förderung alternativer Energien gehen Hand in Hand.
Fazit: Indifferenz gegenüber Steuerung durch Institutionen und Kultur
Diskurse über Sozialstaat und Wohlfahrtsstaat hängen mit den einschlägigen Diskursen über Steuerung und Korporatismus zusammen. Auf der andern Seite spielen kulturelle vermittelte Leitbilder eine Rolle, die aber bisher wissenschaftlich nur unspezifisch belegt ist. Der Neo-Institutionalismus benutzt den Ausdruck „cognitive maps“, Scott (2001) sieht Normen der Angemessenheit auch durch eine „culturel-cogntive pillar“ geprägt. Ob dies analytisch mehr bringt, als die älteste deutsche Tradition der geisteswissenschaftlichen Kultursoziologie sei dahingestellt. Das Reflektionsniveau bei Müller-Armack, der auf sehr hohem Niveau soziologisch an Weber, Troeltsch und Max Scheler nicht zuletzt auch wissenssoziologisch in kritischer Auseinandersetzung mit Mannheim anschießt, oder bei Alexander Rüstow, dessen philologische Perspektive und kultursoziologische Orientierung an Alfred Weber ein hochgradig historisch informiertes Spätwerk hinterlassen hat,[7] übertrifft jedenfalls vergleichbare Entwürfe wie von Daniel Bell und wird erst durch Arbeiten von Shmuel Eisenstadt wieder erreicht oder neuste poststrukturalistisch informierte Arbeiten von Wissenschaftler aus der jüngsten Generation, wie die Analyse „Das hybride Subjekt“ von Reckwitz (2006) zeigt. Dennoch gibt es in Deutschland keine Wissenschaftler, die analytisch Poststrukturalismus und Dekonstruktion einschließen würden, ohne deren normative Prämissen zu folgen. Der Traditionsstrang der „Frankfurter Schule“ kann sich insgesamt nie entscheiden, wie Universalismus und Partikularismus, wie Allgemeines und Besonderes zueinander ins Verhältnis gesetzt werden (vgl. auch Peter V. Zima).
Das liberal-konservative Denken privilegiert zwar eigenen Lebensentwurf und Milieus, teilt aber den gleichen Universalismus wie die Arbeiterbewegung, weil Partikularismus zu Gunsten von Solidarität zurücktritt. Der Linksliberalismus reagiert in Metropolen mit Apathie und Teilnahmslosigkeit, mithin stoisch und insofern identisch mit Ideologie des neostoischen Souveränitätsdenkens des neuzeitlichen Adels, welches heute die Kaste der Manager auszeichnet. Der Linksliberalismus pflegt ein postmodernen Streben bzw. Begehren einer Kultur der inneren Erbauhung durch Konsum im karitativen, Hybrides gegenüber dem Eigenen, d.h. Ausländer und Migranten gegenüber Mitgliedern der eigenen Arbeiterschaft zu bevorzugen. Zusätzlich entstehen soziale Probleme, weil Männer und Jungen aus dem generell von den starken Frauen im Milieu der Humandienstleiter weder adäquat gefördert werden, was sich bei Herkunft aus dem Arbeitermilieu noch verschärft. Männer aus niedriger Herkunft werden als bedrohliche Negativschablone eines Subjektentwurfes dargestellt.[8] Dies macht sich in der Rechtssprechung bei Sorgerechtsentscheidungen signifikant bemerkbar.
Soziale Probleme sind eine Frage von Rechten und des Preises. Der neue „Postneokonservatismus“, wie ihn Paul Nolte in Ansätzen populär formuliert, widmet sich zwar wieder der Lebensführung, hypostatisiert diese jedoch analytisch ohne empirische Daten und Kausalitätsanalysen, also typisch geisteswissenschaftlich auf der Ebene des Verstehens, um soziale Differenz zu markieren. Die Ausdifferenzierung der Wissenschaften verhindert einen holistischen sozialwissenschaftlichen Zugriff auf krass gewachsen soziale Probleme, da es dafür an Bildung wie Ausbildung sowie Methodenpluralismus und interdisziplinärem Arbeiten mangelt.
Notwendigkeit von bürgerlicher kritischer Theorie
Der aktuelle Diskurs in Deutschland ist nicht geeignet, den Faktor Kultur und Religion auf dem Niveau einzufangen, wie es in der Generation von Müller-Armack und Eucken durchaus der Fall war. Der Neo-Institutionalismus bietet die vielleicht am viel versprechenste Perspektive, kann aber große gesellschaftliche Konflikte soziologisch nicht einfangen.
Die in Deutschland bekannten Entwürfe führender amerikanischer Linksliberaler wie Rawls, Dworkin und Sunstein sind nicht geeignet, Kultur angemessen zu berücksichtigen, weil sie zwischen latent dekadenten Autismus gegenüber nicht amerikanischen Verhältnissen bzw. traditionellen ausgerichteten Lebenswelten einerseits schwanken und jenseits des noch aufgeklärten Linksliberalismus bis hin zur postmodernen Indifferenz als Resultat der Rezeption von Foucault und Derrida tendieren mit denen die marxistisch-religiöse Perspektive des Entlarvens fortsetzt wird. Nun mag Heimat eine spezifisch deutsche Utopie sein, die Differenz zwischen amerikanischem Zukunftsvertrauen als Teil eines Gottvertrauens, das dem Abrahams gleicht, und deutschem Traditionalismus als Variante altgriechischen Ursprungsdenkens stellt sich als eine klassische Entzweiung von Herkunft und Zukunft (Lübbe) dar, die auf konkrete Freiheit hin angelegt ist.
Das große Interesse an Kultur und Medien in Deutschland speist sich direkt aus der Wertschätzung aus dem Protestantismus heraus. Der Wert von Kommunikation ist als Resultat religiöser Quellen zu verstehen. Analytisch verbleiben Kultur- und Medienwissenschaften überwiegend auf dem Level von Einzelfallstudien. Sowohl Metatheorien als auch generalisierende empirische Untermauerungen sind meistens schwach ausgeprägt, obwohl die deutschen Medienwissenschaften weltweit mit führend sind.
Die politischen Eliten sind vielfach von Juristen und Lehrern mitgeprägt oder dominiert, die von Ökonomie und quantitativer Sozialwissenschaft nichts verstehen. Sie können deshalb auch Studien nicht kritisch auslegen.
Rechte und Linke bilden ein Kartell der respektvollen Anerkennung und reden in eigenen Soziolekten systematisch aneinander vorbei. Neue Stellen in den neuen Bundesländern entspannen kurzeitig den akademischen Arbeitsmarkt. Habermas erreicht international höchste Anerkennung, ersetzt substanzielle Explikation politischer Konzepte aber immer wieder durch elaborierte feuilletonistische Interventionen.
Politischwissenschaftlich ist festzuhalten, dass die meisten großen Debatten oft für beide politische Strömungen aus den USA oder allgemein dem Ausland gekommen sind. In beiden Strömungen wirkt nach, dass Politik in der „protestantischen Kultur“ Orientierung am richtigen Wissen bedeutet (vgl. Richard Münch 1986). Die Verkehrung von Respekt und Toleranz gegenüber sozial Schwachen und wenig gebildeten Menschen zu Indifferenz gegenüber Schicksal stellt die größte Hypothek der 90er dar, die Fragen der Integration und Förderung im Bildungssystem nicht wissenschaftlich bearbeiten kann, sondern in alten ideologischen Pfaden verbleibt. Bildung und Wissenschaft sind zu Anfang des neuen Jahrtausends noch nicht in avancierten Analyserastern für Sozialmodelle unter dem Gesichtspunkt der Reproduktion von Ungleichheit etabliert (s. z.B. Lessenich 2003). Auf der stärker äußeren Linke prägen u.a. Kultur und Postmoderne einschließlich Carl Schmitt die Debatten, zumal außerhalb von Deutschland. Die Rückkehr „des Politischen“ ist teilweise Gegenstand von Diskussionen. Linksliberale Kultureliten in den USA sind teilweise indifferent gegenüber lebensweltlichen Implikationen von Armut, da Armut fast einen schützenswerten kreativen Lifestyle bedeutet, sofern kulturelle Ursprünge, die konserviert werden sollen, mit ursächlich sind. Formale Rechte sollen alles lösen, auch global. Alternativ wird kosmopolitisch und universalistisch durch die Hintertür tatsächlich ein Paternalismus beschworen. Avancierte konservative Mittelwege sind nicht in Diskursen etabliert. Mehrgenerationenhäuser stellen ein institutionalisiertes Surrogat der Großfamilie dar.
Publizistische Kritik am Phänomen der Unterschicht aus der Mitte der Gesellschaft (Paul Nolte 2002, 2006) führt bisher kaum zu systematischen und institutionellen Reformen. Institutionelle Steuerung und Machtprobleme der Wissensgesellschaft werden akademisch und in der Politik wenig reflektiert. Darstellungspolitik und Primat der Kommunikation präjudiziert zunehmend Inhalte von Entscheidungen. Parlamentarismus wird geschwächt, Lobbyismus gewinnt an Bedeutung und professionalisiert sich in Berlin und Brüssel kraftvoll. Die Schwächung kollektiver Repräsentation gegenüber partikularen Kräften stellt eine parallele Entwicklung zu Weimar dar. Das Innenleben der Parteien verliert massiv an Dynamik und Energie. Sie verlieren signifikanten Einfluss zu Gunsten der Massenmedien (Thomas Meyer 2001). Diese beiden Entwicklungen bedrohen die Demokratie. Netzwerke und Governance transformieren Machstrukturen in Regelungszusammenhänge, die nur bedingt transparent und nachvollziehbar sind, da Entscheidungen nicht mehr zurechenbar sind. Konturen eines Primats der Ästhetik und Kommunikation zeichnen sich ab. Diskussionen um „neue Bürgerlichkeit“ verbleiben oft auf einer unpolitischen Ebene, die sich auch um Fragen der Ästhetik und schöngeistigen Bildung dreht. Fragen der Herzensbildung und Empathie für Benachteiligte, Perspektive der „Optionen für die Armen“ bleiben zurück. Das Unpolitische hat immer eine politische Qualität. Deutlich wird, dass die Konzentration von Macht – insbesondere im Sektor der Massenmedien – ein problematisches Feld und prekären Faktor für die Stabilität der Demokratie bleibt. Dazu zählen vor allem lokale Monopole.
[1] Nietzsche und die Romantik wären zwei weitere wichtige Punkte, die Linke und Rechte betreffen.
[2] Schachtschneider (2007) unterstreicht die „Pflicht zur Sittlichkeit“ als Kehrseite der Autonomie.
[3] Kommunitarische Versionen sind vorherrschend im liberal-konservativen Denken
[4] Michael Opielka [?]
[5] Leistungsfähigkeit von z.B. Heitmeyer, Leggewie, Beck, Giddens reicht nicht für das Ganze.
[6] Dies ermöglicht in Schulen später, weiterhin Selektion statt Förderung betreiben zu können und bereitet zum Teil PISA vor. Fehlende akademische Professionalität, nicht zuletzt mangelnde pädagogische, sozialwissenschaftliche und ökonomische Qualifikation bzw. Bildung in der Lehramtsausbildung, stellen Ursachen dafür dar. Debatten über Schulstruktur ersetzen sozialwissenschaftliche Auseinandersetzung von den 80ern bis in die 90er.
[7] Rüstow wurde von Giddens besprochen. Parsons leistet noch Beiträge zu Alfred Webers Festschrift.
[8] Diese Exklusion ist analog zum Ausschluss von Barbaren, Heiden (vgl. Koselleck) sowie
Claus Jacobi zitiert in BILD Ludwig Feuerbach zu Jungfrauen & Büchern in der Affäre Sarrazin
Archetypisch und archaisch. Wo ist die Barbarei?
Weise & dumm, Leben & Tod: Macht das für Jacobi das Wesen von Literatur und Büchern aus? Das archetypische mag psychisch das Substrat sein, aus dem einige Medienunternehmen Profit schlagen.
Erregung der Nation
“Erstmals seit Jahren erregt wieder ein Buch die Nation”, schreibt Jacobi. Dabei passiert das ständig. Im Gedächnis bleiben die Worte Nation und “erregt”. Gleichzeitig stellt Jacobi dreist Sarrazin in eine Reihe mit “Lebensbilder”. Hier fallen Namen wie derjenige der Stefan George Anhängerin Marion Dönhof, die “liberale” preußische Adelige, Christiane Hörbinger und Gunter Sachs, aber auch Henri Nannen, der Hitler-Gegner Axel von dem Bussche und der von Willy Brandt. Das grenzt an Verrat am Konsens der Nachkriegszeit. Wichtige Volksgruppen werden so ausgeschlossen. Da hilft es nichts, Juden zu zitieren. Juden allein zu zitieren hat nichts mit jüdischer Kultur oder gar der deutsch-jüdischen Tradition zu tun.
Nation, Vaterland, Krieg
Sie stehen für die Kriegsgeneration, für Vaterland und Nation. Reiht sich Thilo Sarrazin hier ein mit seiner Spielart des “preußischen Sozialismus” (Oswald Spengler)?
Dies ist nicht der Leistungswettbewerb der Freiburger Ordoliberalen, das ist nicht der bürgerliche Widerstand gegen den Faschismus und Hitler! Das ist außerhalb des Bogens der bürgerlichen Kulturzone, zumal Willy Brandt und Sarrazin für Sozialismus stehen.
Nun zitieren Jacobi und BILD Feuerbach: “Es geht den Büchern wie den Jungfrauen, gerade die besten bleiben oft am Längsten sitzen.” Am längsten Hebel? Am längsten lesen? Am längsten liegen?
Urteil und Einschätzung ist, dass auch an dieser Textstelle bei Feuerbach sich “Jungfrau” auf eine “Einweihung” bezieht. D.h. die Bücher von Eingeweihten sind eben unverständlich. Verstanden? Wer nicht hören will, diejenigen haben zu fühlen.
“Force” (Derrida)
Sarrazin, die Gruppen und Kollektive, und was Adorno konstatierte
Adorno, Vorlesung 15.12.1964: “Die Kategorie der Volksgeister als Kollektivindividualitäten kommt dem Bedürfnis der Konkretion von Besonderem und Allgemeinen sehr entgegen, ist aber andererseits ein Pseudokonkretum. Die Allgemeinheitsstufe des Volkes, der Nation wird wie ein Individuum behandelt und hypostasiert, sogar zu einem in sich Wesentlichen gemacht.”
Quelle: “Zur Lehre von der Geschichte und von der Freiheit”, Suhrkamp 2006 & 2001, stw 1785; ferner Nachgelassene Schriften, Vorlesungen Band 13,
Ohne politische Kommunikation ist alles nicht, aber ist Kommunikation alles?
Der Joker verhext die Politik, verleitet zur Torheit, narrt die Wähler und macht Amtsträger zu Narren
Wozu gute Policy? Warum braucht es Verwaltung und Partei? Nicht die Politik zählt oder macht den Unterschied, nein “politische Kommunikation”! Gibt es Probleme mit der Politik, dann ist die Politik weder Schuld noch Ursache.
Kein Problem, frag den Guru
Wie ein Guru nennen die Experten für “politische Kommunikation” Instrumente, um die Politik besser zu verkaufen. Ist Konsum die Antwort? Instrument kommt aus dem Latein, im Altgriechischen meint es aber Spielzeug. So wird aus Politik ein Spiel um Kniffe und Listen.
Agitation statt Diskussion – die deutsche Debattenkultur: Adorno, bete für uns
Anmerkung: Dieser Text basiert auf einem Entwurf im Herbst 2009.
Wer Thilo Sarrazin ist, dürfen Biographen und Dichter mit ihren Bildern beantworten. Wie etwas gesagt wird, mag seine Familie wissen. Wir können nur glauben. Was gesagt wurde, betrifft die „res publica“ oder besser noch: „öffentlichen Dienst“.
Ein “68er”!
Sarrazin pflegt den „guten Ton“ über die 68er und entpuppt sich trotz allen Scheins elitärer Eleganz als ihr Genosse. Wie wahre Elite schreibt, was Lettres meint, was wohl solcher “Geist” sein mag, was zu fragen bedeutet, davon ahnt Sarrazin nichts.
Der verbeamtete Volkstribun ist los und schimpft auf den Plebs
Der Ton recht beamtig, wie ein Wächter, Wärter oder Wachhund, wieder alle Werte für unsere Werte. Doch sogleich wird das Angebot auf eine kosmopolitische Lümmelei angenommen. Oh welch große Liebe zum einfachen Volk drückt sich in diesem Schnodderton aus. Wie ein wahrer Volkstribun agiert der, der doch die Plebejer schimpft.
Diskussion sei eine „bürgerliche Kategorie“ schreibt Adorno im Kampf gegen die ersten Strumtruppen im Einsatz der „68er“.
Scharfsinn ohne Feinsinn
Scharfsinn ohne Feinsinn bleibt stumpf, plump und tumb. Der ganze Beitrag von Sarrazin ist darauf angelegt, nur darauf zu wirken, wer und wie über Ausländer und Migranten sprechen darf. Über ein „was“ in der Sache wird geschwiegen, alles ist wohl selbstverständlich.
Statt sich als Subjekte bei uns einzufügen, werden Migranten zum Objekt gemacht. Früher in den 80ern begehrten nicht nur die Grünen, dass die Ausländer unser Sein als Deutsche bestätigen sollten, indem sie bitte in Deutschland nicht wie die Deutschen selbst werden, um so das Deutsche wiederum zu retten.
Jetzt sind alle scharf darauf, die ehemalige Ausländer sollen doch bitte werden wie wir? Was sind wir uns?
Ja, nur wer sind wir denn? Oder was?
Das wurde vergessen, wird aber als normal und selbstverständlich vorausgesetzt. Wenn „wir“ meint, wir seien nicht die Ausländer, dann ist das nicht viel. Und dumm für die Ausländer, weil diese ja naturgemäß unter diesen Bedingungen gar nicht wissen können, wer oder was wir sind, da wir ja nur eine aktiv begriebene Negation der Ausländer sind.
80er: Ausländische Mitbürger: Prädikat ästhetisch wertvoll
Jahrelang haben die Grünen Ausländer rein ästhetisch wertvoll wahrgenommen. Das mag sein besser als wie Gastarbeiter erwartet zu werden, aber nicht als Mensch. Nur kommt das Ethos wieder ins Spiel aber damit auch der Raum des Ethnischen. Was ist deutsch, über die Vorzüge und Nachteile ihrer regionalen Herkunft streiten junge Deutsche gern volle Emphase, denn sie sind noch nicht müde geworden, selbst nicht abgeschlossen in Entwicklung von Identität.
Reaktionäre Bevölkerungspolitik oder moderne Geschlechterpolitik?
Dass man die Unterschicht auf das Geficke reduziert ist nun wahrlich keine Meisterleistung. Das war immer schon so getan. Neu ist nur, in der Unterschicht eine Intelligenz am Werk zu sehen, welche in ihrem Zeugungsgeschen via Hartz IV gleich noch als eine Art Volksgeist gesehen wird, der in Deutschland gegen Deutsche kampfbereit stehen lässt.
Ob es dies das Zusammenspiel von Eros und Logos ist, von dem die Philosophen redeten? Welchen Geist kann man sich noch selbst geben, wenn man einen Feind irgendwo ausmacht und ihm Geist zuschreibt? Heldentat! Eine einzige Illusion des Geistes.
Bildung meint schon seit der Antike immer auch ein Einfügen, Fügsamkeit, Einordnung, Unterordnung, Eingliedern und Gehorsam. – In Reih und Glied also, nur von was? –
Das Bild von Deutschland, erlaubt es noch das Bild eines einheitlichen Ganzen, auf das man sich hin bildet, hinzu bildet für Zugezogene? Wie homogen will Sarrazin Deutschland? Was schafft Sarrazin für Deutschland?
Lauert hinter dem stürmenden Volkstribun Sarrazin die SS-Uniform?
Wachsam stellte der profilierte kritische Sozialwissenschaftler Stephan Lessenich (Uni Jena) im Rahmen eines Leserbriefes in der F.A.Z Veränderungen im Diskurs fest und formuliert achtsam einen Vergleich ohne Gleichsetzung, nämlich:„faschistoide Manier“. Nun, dies kann bei Wohlwollen auch vom volkstümlichen „Faschos“, also heute dem, was dem Umkreis militanter NDP-Sympathisanten und Kamaradschaften entspricht, hergeleitet werden. Hat Sarazzin am Ende eine SS-Uniform unter dem Anzug an? Was ist heute noch sicher?
Wachsamkeit und Wachheit gegen selbsternannte Wächter tut Not
Lessenich prangert Unliebsames an. Auch wenn er selber nicht zur Kategorie jener Linken gehört, von der im Folgenden die Rede sein wird, wäre doch allgemein zu wünschen, wenn im wissenschaftlichen Raum eigene Paradigmen stärker sichbar in Frage gestellt würden. Aber diesen unliebsamen Dienst vollzieht keiner gern.
Märtyrertum als Streben nach Ruhm und Glorie
Sarrazin verhielt sich nicht wie jemand mit Courage, sondern demjenigen folgend, der tragisch von hungriger, unbefriedigter Gier nach als “eigentlich” verdient empfundender Geltung und Beachtung durchzogen ist. Sarrazin ist ein “zu kurz gekommener”. Dafür steht Sarrazin exemplarisch. Er ist in seiner selbstgerechten Stumpfheit ein gefährlicher Eiferer, der sich unbescholten gibt, aber kein Märtyrertum scheut, solange Glorie winkt. Dies verbindet Sarrazin kurioserweise mit den stolzen Kosovaren, über die er im Herbst 2009 herzog, deren Heldenmut Sarrazin quasi mittels Interview nachgeahmt. Wer in Deutschland nur noch den Stolz durch seine körperlicher Kraft oder erlange und verliehten Machtt – und sei es des Mundes -, der ist hier trotz Wohnung ohne echtes Heim. Wieviel Urteilskraft hat Sarrazin?
Angela Merkel und Adorno
Wunderbare Textstelle dank Theodor Adorno und Max Horkheimer aus “Dialektik der Aufklärung”, die toll auf Bundeskanzlerin Frau Dr. Merkel passt, die oft unterschätzt bzw. präziser falsch eingeschätzt wurde:
“Die List, die darin besteht, daß der Kluge die Gestalt der Dummheit annimmt, schlägt in Dummheit um, sobald er diese Gestalt aufgibt. Das ist die Dialektik der Beredsamkeit.” (Seite 76)
Vielleicht kommt man Frau Dr. Merkel besser mit Elementen aus der Analyse von Adorno & Horkheimer über Odysseus auf die Spur als mit den Attributen Physikerin und Naturwissenschaftlerin.
Dass sich Deutschland so angerührt zeigt bei der Organspende von Frank Walter Steinmeier, dokumentiert wohl etwas, was u.a. bei Merkel fehlt. Die Leute wollen Leben und Lebendigkeit, nicht nur Kalkül und Berechenbarkeit. Um hier Adorno und Horkheimer als Kontext einzubringen: “Solche Anpassung ans Tote durch die Sprache enthält das Schema der modernen Mathematik.” (Seite 68)
Was macht Judith Butler zwischen Gender und dem Sexus bei Adorno?
Negiert Gender mit neutralem Sein nicht den Sexus? Adorno schrieb 1963: “Der Sexus wird als sex, gleichsam eine Variante des Sports, entgiftet; was daran anders ist, bleibt ein allergischer Punkt.” Wie löst Judith Butler bloß dieses Problem?
Die Öffentlichkeit, die ich meine. Mathias Greffrath und der linke Wunsch nach Kultur
Robin Meyer-Lucht, Leiter des Berlin Institutes, hat auf Carta entschieden einem Plädoyer in der TAZ des Publizisten Mathias Greffrath widersprochen.
Der Wunsch und die Sehnsucht in Teilen der deutschen Linken nach einem Kultur- und Gesellschaftsbegriff, der holistisch ist und an Homogenität orientiert ist, der kann nur verwundern. Wenn man aber in Betracht zieht, wer sehr z.B. Jürgen Habermas sich an Hans-Georg Gadamer orientiert und diesen Hegelianismus – Gadamer selbst nannte seinen liberal -, der im Grunde auch von einem Primat an Sinn über dem Ganzen ausgeht, dann entsteht ein schlüssiges Bild. Warum haben die intellektuellen Teile der deutschen Linken, die über einige ihrer bundesdeutschen Leitfiguren so stark von Heidegger beeinflusst sind, noch nicht neuere, noch stärker an Differenz und Heterogenität orienierte Ansätze in Philosophie, Geisteswissenschaften, Sozialwissenschaften und Kulturwissenschaften rezipiert? Poststrukturalismus, Judith Butler, Levinas und Derrida wären zu nennen. Sogar auf den liberalen Ernst Cassirer muss man verweisen, der auch die Heterogenität schätzte, ganz wie es die viel zitierten “postmodernen” Denker tun. Wieso diese eigentlich sehr deutsche Sehnsucht nach Homogenität und Struktur? Wird die eigene Haltung zugetraut?
Denn wie Greffrath ausführt: “Dem Ideal einer ‘bürgerlichen Öffentlichkeit’ folgt das schon lange nicht mehr. Diese, so kürzlich noch einmal Jürgen Habermas, braucht Leitmedien, in denen die wichtigen Fragen der Nation ‘zu Problemstellungen verarbeitet und mit begründeten Stellungnahmen zu konkurrierenden öffentlichen Meinungen gebündelt” werden.’, dann ist festzuhalten, dass sich Habermas am 18. Jahrhundert orientiert hat und von “literarischen Öffentlichkeiten” sprach. Das wird heute in China genaustens rezipiert nach allem was man hört.
Wo Greffrath eine “Zersplitterung” sieht, die er empirisch nicht belegt, wäre doch die Diagnose einer “Aufsplitterung” viel gerechter. D.h. es gibt einfach Differenzierung. Wieso orientiert sich Gefrath, der mit einer Monographie über Montaigne hervorgetreten ist, weiter an einer von Massenmedien geprägten “Gesellschaft”?
Verstören muss auch, dass die Kultur herhalten muss, um Unterschichten zu erkären? Wo ist der Materialismus bei dieser idealistischen Vergeistlichung? Verstören muss dieser hegelianische Verweis auf Alternativlosigkeit. Mit Adorno wäre an die Spannung von Freiheit und Notwendigkeit zu erinnern.
Fremdeln diese Linken, die hier in der Sache wie Greffrath fühlen und denken, mit der Masse? Die Masse löst sich medial durch Vielfalt an Kommunikation doch auf. Möchte man eigentlich endlich die eigenen Kulturgüter wie ein Fühlhorn weit streuen und verbreiten, da es jetzt technisch möglich wäre? Werden hier nicht Erinnerungen an eigene Erlebnisse von geistiger Erweckung und seelischem und sozialem Aufstieg melancholisch reanimiert? Hat man Angst, es würde etwas Wertvolles geschichtsphilosophisch gleichsam aufgehoben, in dem es ad acta gelegt wird ohne aufbewahrt zu werden?
Es braucht “offene Situationen”, offene Strukturen, damit eine spontane “Lichtung” entstehen und geschehen kann. Verstehen und Geschehen hängt zusammen, wie Gadamer erinnerte. Und eine feste, vertikal gegliederte Struktur zu fordern, das ist geschichtsphilosophisch überholt. Folgt Greffrath nicht fakisch konservativen Kulturkritikern vom Schlage eines Arnold Gehlen oder letztlich auch Adorno, wenn er vielleicht sogar mit Heidegger implizit Technik kritisch sieht und gleichzeitig sich der einseitigen Diagnose der pessimistischen anderen vom “Erfahrungsverlust” anschließt? Derrida hat das Konzept der “Struktur”, die ein Zentrum hat, im Sinne von Heidegger einer Destruktion unterzogen. Richard Rorty hat schon Anfang der 90er Jahre für eine “Kultur ohne Zentrum” plädiert. Passt den die alte Kritik an der Industriegesellschaft auf die Fragen der Gegenwart? War früher nicht Kultur eine Antwort auf die Industriegesellschaft, während diese Antwort aktuell die neuen Fragen gar nicht versteht? Dafür wird fleißig an alten Autoritäten und ihren Argumenten festgehalten und einst vermeintlich erkämpftes verteidigt.
Wieso schließt sich Greffrath Alexander Kluges Formulierung vom “Gefäß” an, die reichlich kabbalistisch klingt? Das Wort “Senderflut” klingt fasst nach Sintflut. Das Internet ist doch nicht der in der späten Kabbala beklagte “Bruch der Gefäße”. Sammeln sich nicht im Gegenteil im Internet die Lichtfunken wieder? Entfalteten sich im Internet Logos und Vernunft nicht frei? Welche Schönheit fehlt, dass ihr Mangel begklagt wird? Setzt Greffrath mit Walter Benjamin auf die Aura des Kunstwerkes?
Logos hängt mit lesen und auslesen zusammen, mit sammeln und aussortieren, wie die von Heidegger betriebene “Exegese” verdeutlicht. Und auch Jürgen Habermas schloss sich in “Faktizität und Geltung” (1992) dieser Wertschätzung des Sortierens als Teil von Deliberation und Parlamentarismus an. Hier ist anzuknüpfen, am Habermas von 1992 und nicht am Habermas von 1962 in “Strukturwandel der Öffentlichkeit”, der sich mitunter geschmeidig an Carl Schmitt anlehnte. U.a. mit Haralod Bloom und anderen wäre an die Differenz zwischen dem altgriechischem “logos” und dessen impliziten Harmonielehre und dem alten hebräischem “dawar” zu erinneren. Diese Konzeption von Sprache und Geist ist nicht harmonisch wie die der alten Griechen. Es setzt mehr auf ein Hinaustreiben als auf ein harmonisches Gleichgewicht und Wohlgeordnetheit, die für “logos” typisch ist. Es wäre spannend, ob David Gelernter hierzu etwas sagt.
In den alten Öffentlichkeiten vergangener Jahrhunderte mangelte es noch an Alphabetisierung. Alte Gelehrterepubliken und hermetische Geheimgesellschaft (Koselleck “Kritik und Krise”) sind heute fern ab vom Schuss als Treibmittel bürgerlicher Gesellschaft. Die Berliner Republik sollte alten Hegelianismus und Marxismus ablegen und sich lieber am Geist von Friedrich Schleiermacher orientieren, dem großen liberalen protestantischen Theologen und Übertrager von Platon ins Deutsche, den Habermas 1962 in seiner Habilitation bemerkenswert beschwieg. Bürgergesellschaft und bürgerliche Öffentlichkeit waren bereits dessen Ideen. Die damalige Berliner Salonkultur hatte Maßstäbe gesetzt und die “Theorie des geselligen Betragens” von Schleiermacher markiert gültige Ideen. Bürgerlichkeit bedeutet freie Assoziation und nicht gehorsam ins Glied einzurücken. Mit dem Internet entstehen die aufgeweckten Zwischenräume, die es heute wirklich braucht.

