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Gegenstandpunkt zu Henryk M. Broder und seiner Maxime: “Vor dem Islam Angst zu haben ist eine Tugend”
Mit dieser einschlägig daherkommenden Überschrift beginnt Henryk M. Broder in der WELT seine Rezension des Buches “Die Panikmacher. Die deutsche Angst vor dem Islam” von Patrick Bahners (FAZ Feuilleton). Da gilt es erstmal festzuhalten: Angst ist noch was anderes als Furcht. Furcht ist konkret, Angst ist ein um sich greifendes Gefühl. Fromm nur Gott zu fürchten, das wäre vielleicht eine Tugend. Die Einsichten von Broder waren auch schonmal orgineller. Was ist Angst? Erhellend ist, was der Philosoph Heinrich Rombach formuliert: “Die Kraft der Zusammenziehung ist letztlich die Angst. Angst schafft Realität. Angst ist Totalisierungskraft, durch die eine Einzelgegebenheit als die Gegebenheit erscheint.” (1993:173) Bei der aufgeheizten Kontroverse um Islam und isalmischen Extremismus wird dies gut deutlich.
Eine gewisse “Beklommenheit” gegenüber einer befremdlich wirkenden Religion ist relativ normal. Dies gibt aber niemandem eine ermächtigende Berechtigung, wegen eines Gefühls wie Angst oder einem schlechten Bauchgefühl drakonische Dinge zu fordern. Anders als die Furcht ist Angst tendenziell grenzenlos.
Gefühlspolitik betreiben auch Islamisten und muslimische Traditionalisten: Sie fordern aus Angst und Furcht vor dem Westen und seinen (lockeren) Sitten das gleiche wie Broder. Wenn sich alle Seiten auf ihre jeweiligen religiöse Gefühle berufen, kommen wir nicht weiter. Gefühle sollten individuell sein. Wenn wir die Angst tugendhaft kultivieren, kultivieren die anderen vielleicht ebenso die Angst vor Amerika und Israel. Oder den paulinischen Christentum, welches die religiösen Gesetze und Vorschriften aufhebt und in Zügellosigkeit mündet. Auch der fromem Katholik dürfte dann Angst vor der “Diktatur des Relativismus” kultivieren. Dieses Menschenbild mit der dominierenden Angst, ist es nicht Teil dessen, weil Mathias Döpfner in seinem Beitrag “Die Freiheits-Falle” (WELT 23.11.2010) als Teil dessen kennzeichnete, was “vormoderne Gesellschaften” kultivieren?
Wohin soll so eine derartige Abscheu vor der Welt führen? Erstmal braucht es auch die Liebe als Tugend, auch die Liebe zum Eigenen. Sonst wird das Fremde und die Angst übermächtig, jedenfalls weitaus weniger aufgeregt als die Mehrheit in Deutschland. Gerade Broder zeigte doch jüngst in der TV-Sendung “Entweder Broder” auf auf, wie im Bayerischen, dort, wo klare Tradition gegeben sind, die Menschen lebensnäher und klüger mit dem Islam umgehen.
Für Christen sind mit Paulus Glaube, Liebe und Hoffnung die Tugenden. Auch Mut und Tapferkeit sind Tugenden. Angst gehört sich nicht als Tugend. Der Christ darf Angst haben. Die Angst ist nur etwas vorläufiges. Der Angst darf man jedoch nicht gehorchen.
Der Verweis auf Angst darf nicht zur Ausflucht werden und Zuflucht in Passivität geraten, auf lebenskluge Politik und Gestaltung des Gemeinwesens zu verzichten.
Zum Themenkomplex auch: http://edomblog.wordpress.com/category/sarrazin/

