Archiv für die Kategorie ‘christliche Tugenden’
Der katholische CDU Politiker Christian Wulff als Vorgesetzter und Amtsträger
Ein Vorgesetzter – und das war Wulff – darf Untergebene nicht zu Kriminalität anleiten, drängen oder verleiten; sie gefährlichen Grauzonen aussetzen, die teilweise oder vollständig Straftatbestände verwirklichen, sondern sollte sie vor zwielichtigen und halbseidenen Kontakten warnen und beschützen. Eine nähe zur Halbwelt und ihren Methoden und Mitteln korrumpiert. Kein Vorgesetzter im Staatsdienst darf auf Kriminalität oder Straftaten hinwirken. Dies ist unabhängig und zusätzlich von der Staatsanwaltschaft disziplinarrechtlich zu ahnden.
Wirkliche Freunde sollten das ebenso tun, abhalten von Verbotenem und Grenzwertigem. Denn sowas schädigt Ruf, Ansehen und Glaubwürdigkeit. Politisch und moralisch sind Christian Wulff Verfehlungen von erheblichen Ausmaß zuzurechen. Was ihm juristisch zuzurechen ist, werden Justiz und die Rechtswissenschaften klären, aber sie haben kein Deutungsmonopol.
Hochdestruktives Handeln macht krank und ist krank.
Familie und Zölibat als Inseln christlicher Tugend
”Je schwieriger es wird, diesen Widerspruch zum Evangelium zu verdecken, desto empathischer scheinen die kirchlichen Appelle an Familie und Zölibat als Inseln der christlichen Tugend zu werden …” (Johann Baptist Metz 1978)
Gegenstandpunkt zu Henryk M. Broder und seiner Maxime: “Vor dem Islam Angst zu haben ist eine Tugend”
Mit dieser einschlägig daherkommenden Überschrift beginnt Henryk M. Broder in der WELT seine Rezension des Buches “Die Panikmacher. Die deutsche Angst vor dem Islam” von Patrick Bahners (FAZ Feuilleton). Da gilt es erstmal festzuhalten: Angst ist noch was anderes als Furcht. Furcht ist konkret, Angst ist ein um sich greifendes Gefühl. Fromm nur Gott zu fürchten, das wäre vielleicht eine Tugend. Die Einsichten von Broder waren auch schonmal orgineller. Was ist Angst? Erhellend ist, was der Philosoph Heinrich Rombach formuliert: “Die Kraft der Zusammenziehung ist letztlich die Angst. Angst schafft Realität. Angst ist Totalisierungskraft, durch die eine Einzelgegebenheit als die Gegebenheit erscheint.” (1993:173) Bei der aufgeheizten Kontroverse um Islam und isalmischen Extremismus wird dies gut deutlich.
Eine gewisse “Beklommenheit” gegenüber einer befremdlich wirkenden Religion ist relativ normal. Dies gibt aber niemandem eine ermächtigende Berechtigung, wegen eines Gefühls wie Angst oder einem schlechten Bauchgefühl drakonische Dinge zu fordern. Anders als die Furcht ist Angst tendenziell grenzenlos.
Gefühlspolitik betreiben auch Islamisten und muslimische Traditionalisten: Sie fordern aus Angst und Furcht vor dem Westen und seinen (lockeren) Sitten das gleiche wie Broder. Wenn sich alle Seiten auf ihre jeweiligen religiöse Gefühle berufen, kommen wir nicht weiter. Gefühle sollten individuell sein. Wenn wir die Angst tugendhaft kultivieren, kultivieren die anderen vielleicht ebenso die Angst vor Amerika und Israel. Oder den paulinischen Christentum, welches die religiösen Gesetze und Vorschriften aufhebt und in Zügellosigkeit mündet. Auch der fromem Katholik dürfte dann Angst vor der “Diktatur des Relativismus” kultivieren. Dieses Menschenbild mit der dominierenden Angst, ist es nicht Teil dessen, weil Mathias Döpfner in seinem Beitrag “Die Freiheits-Falle” (WELT 23.11.2010) als Teil dessen kennzeichnete, was “vormoderne Gesellschaften” kultivieren?
Wohin soll so eine derartige Abscheu vor der Welt führen? Erstmal braucht es auch die Liebe als Tugend, auch die Liebe zum Eigenen. Sonst wird das Fremde und die Angst übermächtig, jedenfalls weitaus weniger aufgeregt als die Mehrheit in Deutschland. Gerade Broder zeigte doch jüngst in der TV-Sendung “Entweder Broder” auf auf, wie im Bayerischen, dort, wo klare Tradition gegeben sind, die Menschen lebensnäher und klüger mit dem Islam umgehen.
Für Christen sind mit Paulus Glaube, Liebe und Hoffnung die Tugenden. Auch Mut und Tapferkeit sind Tugenden. Angst gehört sich nicht als Tugend. Der Christ darf Angst haben. Die Angst ist nur etwas vorläufiges. Der Angst darf man jedoch nicht gehorchen.
Der Verweis auf Angst darf nicht zur Ausflucht werden und Zuflucht in Passivität geraten, auf lebenskluge Politik und Gestaltung des Gemeinwesens zu verzichten.
Zum Themenkomplex auch: http://edomblog.wordpress.com/category/sarrazin/
Mut oder Hoffnung?
Deutschland muss sich mehr zutrauen. Und als Tugend ist der Mut angesagt, nicht etwa Hoffnung, welche Herman van Rompuy zum Schluss seine Europa Rede in Berlin so sehr herausstellte. Angela Merkel hat völlig recht mit “Das Geheimnis der Freiheit ist der Mut”. Wenn aber nur die Mutigen frei sind, dann gibt es auch ein Problem.
Fragwürdigkeiten schwirren durch den Zeitgeist, entgeistern den guten Geist der Republik
Streit, Zorn und Groll liegen in der Luft. Böse Schwingungen laden sich negativ auf, kreisen wie Geier umher. Wie kann der Strom an Wellen (Abtritte, Rücktritte, Austritte, umhertreten, Flucht aus Ämtern, Schwund an Vertrauen, Glaube und Treue, Abstürze und Einstürze von Banken, Abgründe, unterirdisch implodierte monströse Luftschlösser der Finanz mit Krise, drei Wahlgänge, Zoff, Umgangston, Streitsucht, pubertäres Wetteifern) friedlich in Meeresstille münden? So, dass kraftvoller Einsatz und Energieaufwand zu Segen (Shalom) würde.
Werner Remmers über Politik und Realitätssinn
“Die Leute wollen nun einmal nicht gerne für dumm verkauft werden – schon gar nicht von Politikern.” (1986)
Werner Remmers (*1930) ist ein prägender katholischer CDU Politiker aus Niedersachsen. Ein Porträt zu lesen gibt es bei der Ludwig-Windthorst-Stiftung.
Die Postmoderne in Amerika in der Kritik im Werk der „menschlichem Makel“ von Philip Roth
Philip Roths Roman „Der menschliche Makel“ exemplifiziert par excellence die Schaffensmacht eines großen Dichters in seinem Streben nach Ruhm.
Roths Meisterwerk mag zugleich ein hervorragendes Beispiel dafür zu sein, wie anwendungsmächtig die gadamer’sche Hermeneutik in ihrem steten Hinweisen sein kann, es komme im Hinblick auf die Antwort bereits darauf an, welche Frage man an einen Text stellt. Roths Roman ist so reich an möglichen Bezügen, dass jeder Interpret dieses Meisterwerks vor einer außerordentlichen Herausforderung steht. Insofern neigt der dann jeweils faktisch eingenommene perspektive Ausgangspunkt dazu, jegliche Erkenntnis zu determinieren. So kommt z.B. Kinzel (2006) mit einem am Denken der Straussians geschulten Instrumentarium lediglich zu dem Instrumentarium entsprechende Ergebnissen. Kinzel scheitert daran, die selbst wiederholt festgestellte Vielstimmigkeit und Offenheit des roth’schen Spätwerkes zu verstehen, zuzugestehen und einzugestehen. Der Fülle des coeuvre von Roth wird im Zuge des Erhellens einzelner Motive insgesamt interpretatorisch Gewalt angetan.
Roth spielt in seinem Alterswerk gekonnt mit den großen Traditionen des Abendlandes zwischen Griechentum, Judentum und Christentum. Insgesamt produziert Roth dabei eine derartige Menge mögliche Bezüge und nutzt Sprache spielerisch mit einer Verve an zahlreichen Anspielungen und intertextuellen Bezügen, das eine eindeutige Interpretation unmöglich ist. Obwohl Kinzel (2006:22) die ungewöhnliche Reichhaltigkeit des jüngeren Werk von Roth ausdrücklich bemerkt, werden daraus keine Schlüsse im Hinblick auf die Methodik der Interpretation unternommen. Natürlich stellt Roth fundamentale Reflektionen über die menschliche Existenz an. Doch in seiner jüdischen und amerikanischen Perspektive kann Roth nicht auf eine fein säuberliche Scheidung nach in die Ursprungsteile des alteuropäischen Denkens festgelegt werden. Roth entpuppt sich als heterodoxer Denker genuin eigener Qualität und Originalität. Dies erscheint angemessener, da das Element des Dissidenten besser zu Tage tritt als in einer belasteten Kategorie wie „reaktionär“.
Roth greift vielmehr die Kategorie der klassischen Ästhetik selbst an, als dass er Reinheit und damit verbunden das Element der Steigerung angreift und als Utopie verwirft. Damit fordert Roth lediglich einen anderen Amerikadiskurs ein und verwirft Reinheit als regulative Idee des Fortschritts. Damit folgt Roth einem Element postmodernen Denkens. Insofern man Amerika als typisch für die Postmoderne und als Fortschritt gegenüber der klassischen Hochmoderne begrifft, folgt Roth – anders als Kinzel es oberflächlich sieht – sehr wohl einem fortschrittlichen Amerika.
Damit legt Roth gerade die vielfach für das postmodernes Denken charakteristische Intention einer Privilegierung des Heterogenen vor dem Homogenen als klassisch tragisch gegen die eigenen guten Intentionen gescheitert bloß.
Es wirkt deshalb hilflos, wenn Kinzel sehr akademisch unermüdlich vergleichbar brilliante – jedoch keinesfalls zwingend vergleichbar originelle – Denker wie Gomez Davila, Max Scheler, Camile Paglia oder Harold Bloom heranzuziehen.[1]
Hier wird vielmehr deutlich, wie gelungen sich Roth jeglichem „labeling“ meisterlich entzieht. Meine These ist vielmehr, dass Roth darauf verzichtet eine alteuropäischen Traditionsstrang zu privilegieren. Vielmehr überlässt Roth als Individualist jedem selbst sein Urteil, was auch Kinzel (2006:20) zugibt.
Hier wird vielmehr deutlich, wie gelungen sich Roth jeglichem „labeling“ meisterlich entzieht. Meine These ist vielmehr, dass Roth darauf verzichtet eine alteuropäischen Traditionsstrang zu privilegieren. Vielmehr überlässt Roth als Individualist jedem selbst sein Urteil, was auch Kinzel (2006:20) zugibt. Roth schließt sich nämlich durchaus einer Richtung an, die den Diskurs der Postmoderne goutiert. Mit der von Kinzel korrekt benannten Polyphonie weißt Roth ein typisches Merkmal des postmodernen Erzählens auf (hier einschlägig: Peter V. Zima 1997).
Das Vorgehen von Kinzel erscheint müßig, insofern Roths bekanntermaßen umfangreiche Bezüge zur menschlichen Sexualität als Merkmal des Spätwerkes heraus gestellt werden. Sie sind ein generelles Merkmal des Gesamtwerkes.
Hier verbindet sich lediglich die im Vergleich zur christlichen jüdische Unaufgeregtheit bezüglich der Sexualität mit allgemeiner jüdischer Aufgeregtheit und griechischer Darstellungsfreude. Gerade in der Darstellung enterotisiert und entsexualisiert das vermeintlich Obszöne.
Es bleibt Geschmackssache, ob man die für einen Schriftsteller von der Güte Roths typische Ausdruckskraft zum Ausgangspunkt einer Interpretation macht, die aus seiner Respektlosigkeit eine Boshaftigkeit macht. Roth wendet sich lediglich gegen eine angebliche progressive emanzipatorische „Politisierung der Lust“ (Dagmar Herzog). Geradezu anstrengend bemüht wie hilflos wirkt die beständige Intention Kinzels, Roth zwanghaft auf das Einordnungen in die Tradition eines Überlieferungszusammenhages mit Nietzsche festzulegen. Damit ist mehr einer potentiellen Aufwertung Nietzsches gedient, der nun ohnehin als populärer Quellen zur Anregung bekannt ist, als dass das spezifisch eigene von Roth deutlich wird. Nebenbei attackiert Roth die Glaubensgrundsätze der amerikanischen „kulturellen Linken“ (Rorty) und ihrer Vernarrtheit in Identitätspolitik.
Nicht nur entpuppt sich der Kommunismus als „Utopie der Säuberung“ (Gerd Koenen) oder lässt sich der Holocaust als ein Unternehmen zur industriellen Reinigung des Volkskörpers verstehen, wie es sich im Stellenwert des Gedanken der Homogenität bei Carl Schmitt entpuppt, sondern auch Amerika wird als ein Ort der Säuberungstendenzen wiederholt von Schuld heimgesucht.
Eine reinigende und säubernde Putzfrau in einem protypischen Elitecollege an der amerikanischen Ostküste namens „Athena“ erweist sich als diejenige, die dem gealterten Professor als geneigte „Sophia“ ohne Kinder bzw. als eine Diotima bzw. eine Art „Animagestalt“ (Jung) auch dem Leser das großes Glück und Erkenntnis bringt. Die Wahrheit liegt also im Dreck, in der untersten denkbaren Hierarchie der akademischen Welt. Will Roth suggerieren, die amerikanischen Studenten wären eigentlich sowas wie Reinigungskräfte, die immer noch vom Land kommen? Ihr gegenüber stellt er die Figur der virtuosen postmodernen Feministin aus Frankreich, die an sich selbst verzweifelt und frustriert in ihrem Begehren ist, das sozial hochnormiert ist, weil es “rein” und “sauber” sein muss. Sie vermag es nicht, sich von den Lasten ihrer Herkunft zu lösen und den Auftrag, eine reife Identität zu entwickeln, zu erfüllen.
Darin liegt gerade die Ironie der postmodernen Besessenheit von Kultur und Identität: Sie stellt im Gefolge Heideggers den Ursprung, d.h. die Vergangenheit und das Erbe, über die kommende Zukunft, welche zudem noch gegenüber einem Jenseits abgwertet wird. Somit hält sich der Menschen darin wie in der Höhle Platons gefangen. Währendessen führt Roth mehrfach das Scheitern wesentlichen “postmodernen” Denkens in der Praxis vor, da es sich selbst gegen seine Intentionen widerlegt.
Amerika als Utopie einer geradezu neuen Geburt oder Wiedergeburt des „eigentlichen“ Menschen? So ähnlich wie Hannah Arendt es mit ihren Reflektionen über die Natalität des Menschen entwirft, so entwickelt Roth eine merkwürdige Vernarrtheit gegenüber der Vergangenheit. Wo ist das „Goldenes Zeitalter“, dessen Wert in Deutschland Helmut Plessner so sehr betonte? Wie definiert sich Amerikan bzw. was machen die offiziellen Definitionen und deren tragende Mythen aus Amerika?
[1] Für Kinzel entzieht sich augenscheinlich die Ästhetik der Politik. Da jedoch die Politisierung von Ästhetik und Kultur der Hauptzug der Postmoderne darstellt, die zugleich die politische Qualität von Ästhetik und Kultur verneint, entgeht Kinzel in seiner Nähe zum traditionellen ästhetischen Aristokratismus, der Nähe zum entchristlichten Katholizismus „georgischer Prägung“ aufweist, die Problemstellung bei Roth. Kinzel insistiert sehr alteuropäisch auf der Privilegierung zwischen Leben und Kunst, die Susan Sonntag, welche u.a. bei Leo Strauss studierte, wirkungsvoll kritisierte.

