Archiv für die Kategorie ‘Psychoanalyse’
Werk und Wirkung: Cui bono “Deutschland schafft sich ab”?
Wofür ist genau die Wirkung der Meinung von Sarrazin der Prüfstein? Bzw., worin besteht der Skandal? Was ist schlimm daran, dass Sarrazin nicht die Wirkung hat. Wenn das Buch “Deutschland schafft sich ab” ein gutes Buch wäre, welches Wirkung sollte es dann haben? Fördert Sarrazin eine Tugend?
Versucht sich die FAS als von Unbehagen, Leid und Unglück befreiendes Leitmeidum für die “Generation 30″ und deren Eltern?
FAZ: “Generation 30″: “Es ist ein Druck auf dieser Generation” (Interview 23.5.2010) (Das Interview wurde vom Redakteur für Wirtschaftsthemen Rainer Hank und Bettina Weiguny geführt)
Furchtbar, was auch in einem anderen Text der FAS zum Titelhema stand. Da wird eine offenbare Psycholgin aufgeboten, Direktorin des Frankfurter Sigmund Freud Institutes. Sie ist Professorin an der Uni Frankfurt. Ihre Hauptkompetenz scheint mir im Bereich Erziehungswissenschaft zu bestehen. Forschung zum Thema des Interviews hat sie nicht, denn Studien werden zu ADHS erstellt, aber nicht zu Menschen um die 30. Ob sie überhaupt als psychologische Psychotherapeutin oder als Psychaterin (sie hat irgendwie Medizin studiert, Abschlussqualifikation unklar) praktiziert, ist nicht auf Anhieb herauszufinden. Im Interview fällt der Satz: “Die Depression ist eine Krankheit der Ideale. Manche Jugendliche geben sich die Schuld, dass sie ihren Idealen nicht genügen – und werden depressiv.” Sind damit die Ideale der „Jugendlichen“ oder die der Eltern gemeint?
Wieso reden wir von Jugendlichen? Die betreffenden Person sind doch nun wirklich über 27. Und wenn schon geht es doch um junge Erwachsene? Oder sind wir auf einmal bei Teenagern? Die Frage lautete nach “den Jungen” (Menschen). Ursache für Depressionen in dieser Konstellation ist also schlichtweg nur jeder selbst mit seinen frei gewählten überzogenen Erwartungen und falschen Idealen von sich. Diese sollen wohl durch richtige Ideale ersetzt werden, die dann natürlich aus der Autorität des Psychoanalytikers kommen. Was ist ein Ideal? Geht es statt um (moralische) Ideale nicht eigentlich vielmehr um falsche Idole und Idolaterie? Es geht auch gar nicht um das Unbewusste, einfach nur falsche Ideale. So simpel kann alles sein. Eigentlich alles eine läppische Frage der richtig gewählten Moral und Selbstbildes. Wieso geht einiges schief, wenn es so einfach ist?
Ein weiteres Problem im Text sind die Wendungen “falscher Ehrgeiz” und und “Aufsteigererfahrung”. Auch Ehrgeiz ist ein stark mit Moral belegtes Wort, denn es ist quasi eine moralische Sünde und widerspricht der christlichen Tugend. Geht es eigentlich um Erfahrungen individuellen Aufstieges, also die Aufsteiger oder um die kollektive Erfahrung des Aufstiegs, die unserer Eltern gemacht haben. Wenn quasi alle Aufsteigen gemeinsam, gibt es keine “Aufsteiger” in eigentlichen Sinn. “Aufsteiger” ist ein Begriff der externen Beobachtung durch Fremde, die da schon waren, wo nun auch jemand anderes ist. Aufsteiger sind Menschen, die ein vorher ein wenig exklusivere Sphären eindringen. Klassische Begriffe und Konzepte der Konfliktsoziologie von Max Weber und Ralf Dahrendorf zum Bereich soziale Schließung fallen nicht. Wenn es eine relativ kollektiv ausgeprägte Aufstiegserfahrung durch soziale Öffnung gibt, gibt es dabei keine individuellen Aufsteiger, weil eine ganze Generation aufsteigt. Wenn sich diese eine kollektive Leistung individualisiert zurechnet und ihre eigenen Leistungen gegenüber ihren Kindern anpreist, um ihre elterliche Autorität zu manifestieren, dann passiert das eben. Nicht wie es in Deutschland immer so schön heisst, die Leistung war das allein seligmachende, nein, die Elterngeneration lebte in glücklichen und günstigen Zeiten voller Gnade. Wieso eigentlich? Gibt es heute eigentlich soziale Schließung?
Zurück zu Depression: Im Artikel geht es um junge Menschen, die auf finanzielle Unterstützung ihrer Eltern, deren Gewogenheit, Pflichtgefühl, Verständnis und Liebe angewiesen sind, um einen angemessenen sicheren Lebenstil zu führen, der ihre teuren Humanikapitalinvestitionen nicht wieder total ruinieren würde. Es geht um daraus resultierende Praktiken und Geschehen der Ablösung vom Elternhaus. Der Absatz lautet: “Neid, Entwertung oder sogar Häme sind eine schwere Belastung für das Selbst eines Dreißigjährigen: Sie laufen Gefahr, depressiv zu werden. Die Depression ist eine Krankheit der Ideale. Manche Jugendliche geben sich die Schuld, dass sie ihren Idealen nicht genügen – und werden depressiv.” Von wem kommt der Neid und wer entwertet wen oder geht es um das Gefühl von Wertlosigkeit, wei ldie Karriere nicht so rund läuft? Es scheint um eine psychische und soziale Spannung und latenten Konflikt mit den Eltern zu gehen. Mit “Ideale” sind wohl die Träume, Hoffnungen und konkrete wie indirekte und stille Erwartungen der 30jährigen gemeint, sich mit Erfolg im Leben eine eigene Position gegenüber den Eltern zu erringen. Offenbar sollen im Grunde äußere soziale Erfolge die innere psychische Ablösung bewerkstelligen im Familiären. Nur das geht heute nicht mehr so glatt wie früher. Bringt Reife Erfolg oder lässt erst Erfolg Reife wachsen? Die “Eltern” sind grundsätzlich auch internalisierte psychische Instanzen in einem jeden Menschen, etwa im sogenannten Über-Ich im Soziolekt der Psychoanalyse bei Freud, als “Eltern-Ich” in der Transaktionsanalyse oder auch transpersonal und kollektiv bei Jung im kollektiven Unbewussten. Die Eltern sind erstmal die Autorität. Weltanschauungen, Ideologie oder Religion sind wegen der Individualisierung – zumal im Bürgerlichen – keine sonderlich alternativen Instanzen im Allgemeinen gegenüber dem familären Besonderen mehr, die an die Stelle familiärer Autorität treten können. Das Problem liegt darin, dass wenn die Situation besteht “Es kann nur einen geben” latente oder manifeste Rivalität auftritt, da ein Nullsummenspiel sich auftut.
Worin liegt die Schuld und warum sind die Ideale nötig? Neben Anerkennung von den Eltern oder “Beweis” der Eigenständigkeit wären z.B. Streben nach Erfolg, Leistung, Bewunderung, Glanz und Attraktivität denkbar. Das wäre stark der Sektor des Narzißmus als Ursache. Leisten um geliebt und begehrt zu werden statt Leistung, weil man geliebt ist. Perfektionismus & Grübelei verbunden mit Angst vor Wertlosigkeit und Minderwertigkeitsefühlen zählen zunächst zum Bereich des Zwangsneurotischen, aber nicht des klassischer Depressivität. Narzißten brauchen Leistung, Erfolg und den schönen Schein für die Bewunderung, Zwangneurotiker Geltung und Macht gegen ihr Gefühl von Unsicherheit.
Man kann mit 20 bis 30 nicht da stehen, wo die Eltern gerade auf dem Höhepunkt mit 50 oder 60 stehen. Man kann nicht sofort da weiter machen, wo die Eltern aufgehört haben. Nur stellt sich eben die Perspektive, ob dieses Niveau überhaupt noch einmal halbwegs sicher erreichbar sein wird. Zudem droht Angst vor der Zukunft, wenn man es eben nicht irgendwann einmal besser hat und keine verlässliche Hoffnung auf Fortschritt besteht.

