Archiv für die Kategorie ‘Klassenbewusstsein’
Autokratien werden nicht nur mit “Zivilgesellschaft” besiegt, sondern mit demokratischen Gewerkschaften
Um Potentaten umzuwerfen helfen keine feinsinnigen Programme zur Stärkung der Ziviligesellschaft einschließlich sie verheerlichender Elogen in Feiertagsreden. Da bräuchte es oft vielmehr kampferprobte Gewerkschaften, die bereit sind für Demokratie zu streiten. So lief das schließlich auch einst in Polen.
SCHWAZ-GRÜN: Zwangsehe zweier Scheuer oder Liebesheirat im deutschen Bürgertum?
Mit Kuschelkurs & politischem Petting wird das nie was mit Schwarz-Grün: Erstmal muss es richtig krachen. Eine Koalition wäre dann der Versöhnungssex. Das politisch und ideologisch ziemlich zersplitterte Bürgertum in Deutschland muss erstmal streiten. Sonst findet es nie zu einem echten Klassenbewusstsein. Und ohne Bewusstsein keine Klasse. Kühles Kalkül machtpolitische Opportunitäten können Ausdruck von Unreife sein.
Freiherr von und zu Guttenberg: Das Wesen des Aristokratischen als Schadensfall für die Republik und ihr Ethos?
Thronender Adel im BMVg
Ein Adelige im Amt des Kriegsministers und Befehlshaber des Militär wirft die Frage auf, ob der Amtsträger die Superiorität und Autorität der bürgerlichen Klasse anerkennt und sich ihr unterwirft. Typische Teilhabe an Events der Spaßgesellschaft ersetzt kein republikanisches Ethos. Schon aus de römischen Republik ist das Problem bekannt, dass die Treue der Truppen wankt und die Armee beginnt mehr dem Herrführer als dem Senat und den Volk von Rom zu gehorchen.
Das Aristokratische schadet Republik durch mangelnde Liebe zur Gleichheit
Der Schaden für die Republik, den der Habitus derer von und zu Guttenberg geschaffen hat, liegt nicht im Adelstatus, sondern im Befeuerung des Wesens Aristokratischen und seiner kulturellen Institutionalisieurng.
Welche Politik, welches politische Programm und welcher Zuschnitt? Ohne Grenze geht alles!
Ich sehe keine republikanischen und bürgerlichen Zuschnitt der Politik bei Freiherr von und zu Guttenberg. Vielmehr delegitimiert der Megaauftritt von zu Guttenberg normalen Politiker und gewöhnliche Politik. Damit begünstigt sie automatisch den Ausnahmezustand. Wofür Freiherr von und zu Guttenberg (ein)steht, das bleibt unklar. Es stärkt nicht bürgerliche Traditionen, auch nicht christliche Tradition. Es wird sich diffus auf traditionelle Werte berufen. Das tut auch seine Ehefrau. Wer sittliche Reife propagiert, muss sich auf fragen lassen, wieviel sittliche Reife man in diesem Alter als junge Mutter überhaupt haben kann.
Es tritt nicht die Rückkehr von "Klasse" ein, sondern das Wesen des Aristorkatischen und damit Führung und Kult erfahren Konjunktur.
Die historische Macke der Generation(en) Gauck, Grass, Baring, Henkel
Ein falscher Prophet: Gauck träumt in der Herbstsonne schon?
Ich weiß nicht, was Gauck mit “schonungsvoll” und “soft” – diese Woche bei “Beckmann” (ARD) – meint. Ich habe für Gauck und keinesfalls nur “soft” gegen Wulff getextet.
Die seelisch abgewrackten gealterten Söhne der Nation
Das sind alles historische Probleme bestimmter Generationen, die seelisch belasten. Die Seele dieser Söhne der Nation leidet höllisch an Deutschland und einem “Grundproblem” (Joachim Gauck bei “Beckmann” in der ARD). Damit werden auch Konflikte im eigenen Leben verdrängt. Aber die deutschen Bürger selbst nicht sind diese Art von dunklem Untiefen im Meer, in die Arnulf Baring, Hans-Olaf Henkel, Joachim Gauck und Thilo Sarrazin eintauchen und nach der Taufe Unfug predigen. Es gelingt ihnen jedenfalls nicht angemessen, das was ihnen unter den Nägeln brennt, angemessen zu thematisieren und zu transportieren.
Unmündige Bürger: Problem der Politiker oder der klugen Medien(Macher)?
Das Problem ist und war hier nicht die Politik, sondern die Medien haben auf jeden geschossen, der irgendwie “rechts” war. Auch die linksliberalen Medien haben nicht immer zwischen demokratischer und anti-demokratischer Rechte genau genug unterschieden, auch nicht zwischen Konservativen (darunter “unnationale” Christen) und (zum Teil heidnischen) nationalistischen Rechten.
Nichtmal katholische “Fundis” sind nicht automatisch Nationalisten.
Beispielsweise bestehen zwischen Anhängern des Papstes, von jemandem wie Alfred Dregger, von Kardinal Meisner, oder aber Sektiern, die Alain de Benoist oder Julius Evola oder geistigen Esoterikern der internationalen Rechten nachpilgern und normalen Wählern von CDU und CSU, die sich über “Ausländer “und die schlecht erzogene Jugend ärgern, erhebliche Unterschiede. Es liegen Welten oft dazwischen.
Ganz wie Cora Stephan es früh beschrieb, gibt es ein Problem mit Benehmen in Deutschland. Nur hilft hier nicht die Tradition von Helmut Plessner als perfektes Pflaster und die Tradition der Manieren. Erziehung braucht Ziele. Zu einem Geist kann man nur mit Bildung heranziehen, lediglich in einem einzigen Geist erziehen, das ist autoritär. Hier bestehen feine Unterschiede. Denn “geistlich” ist nicht das Denken, wie der Leser weiß, der zu lesen die Texte im Kanon weiß.
Geknechtete Gymnasiastenherrlichkeit: “Bildungbürger” und zitierte Lyrik von Goethe
Der säkulare Nationalist und Sozialist Sarrazin (SPD) Goethe sei Dank ein Bildungsbürger?
In einem “Debattenbeitrag” auf Spiegel Online schreibt Matthias Matussek mit doch deutlich weniger Distanz als es gekonnt Frank Schirrmacher tut über den sozialistischen Volkswirt Thilo Sarrazin (laut DVA: “Fachökonom”; jahrzehntelang SPD Mitglied): “Hier auf dem Podium saß ein Bildungsbürger, der in seinem Buch immer wieder auf die glücklichen Lektüre-Erlebnisse seiner Kindheit zu sprechen kommt.”
Ein toller Verdienst der Medien? Kein “Tabu” mehr? Das Beispiel Leitkultur
Matussek vertritt die These, es habe “vor vier Wochen” noch “als Tabu” gegolten, geläufig vom Leitkultur zu sprechen, wie Sigmar Gabriel es jetzt tat. Nun hat aber Sigmar Gabriel nicht von Kultur gesprochen, sondern der SPD Bundesvorsitzende Gabriel hat lediglich die Grundrechte-Artikel unserer bundesdeutschen Verfassung, d.h. das, was Gesetzeskraft hat, was Paragraphen und Artikel sind, mustergültig.
Selbstgenügsame Kontemplation der versammelten Bildungsbürger
Auf die Frage, ob er sein Talent (zur Provokation) geerbt habe, habe Sarrazin geantwortet “Ach, Sie wissen doch, dass alles eine Mischung aus Erbe und kultureller Formung ist.” Für Matussek löst nun die stille Übereinkunft zwischen selbsternannten Bildungsbürgern die Probleme auf. Uns berichtet Teilnehmer Matussek urteilend, Sarrazin “… hatte damit die entscheidende Kampflinie seines Buches im Konversationston entschärft.” Nur bleibt die Frage, ob die Kampflinie, die die Kampfschrift von Sarrazin mit ihrem inhaltlichen Geltungsanspruch aushob, nicht nur mit einem bildungsbürgerlichen Trugreigen “entschärft”, sondern ob sie auch aufgehoben ist? Denn die eigentliche Moral der Geschichte ist die selbstgenügsame Kontemplation der versammelten selbsternannten Bildungsbürger. Der für den Text bezeichnende Passus lautet:
“Ein Publikum, das empfänglich zu sein schien für den bitteren und melancholischen Abschiedston Sarrazins, den er selber ‘Deutschland im Abendlicht’ nannte. Hier auf dem Podium saß ein Bildungsbürger, der in seinem Buch immer wieder auf die glücklichen Lektüre-Erlebnisse seiner Kindheit zu sprechen kommt. Übrigens der einzige, der in Plasbergs Sendung Goethes Spätgedicht “Wandrers Nachtlied” rezitieren konnte.”
Nun, wissen wird doch, dass es tatsächlich “Ein Gleiches” war, welches in “Deutschland schafft sich ab” (Seite 391) und bei “Plasberg” in der ARD lief. Gewiss, schon Bultmann riet Gadamer, warten Sie, irgendwann entdecken Sie Goethe. Doch wie sagt Gadamer: “Ob wir alle noch zu sehr Anfänger im Hören dieser Dichtung sind?”
Terminologie: Bildungsbürger werden die neuen Spießgesesellen
Hinter dieser trügerischen Friedlichkeit von Bildung und Bürger verschwindet die Aggression und die vernehmbare hermeneutische Gewalt, welche die betrachtete Kampfschrift von Sarrazin auf Deutschland erklärtermaßen ausübt. Sicherlich mögen Sarrazin und Matussek sozial oder vom Salär “Bildungsbürger” gesehen, sozusagen im gewöhnlichen, im allgemeinen Sinne sein oder könnten es. Weil sie jedoch gemein statt allgemein sind, vermögen beide es nicht, diesen Anspruch auf Geltung auch kulturell ausfüllen und einen kulturellen Anspruch für das Bildungsbürgertum in Deutschland normativ und politisch oder publizistisch auch mit dieser Art durchsetzen zu können mit ihrer Weise.
Denn die Frage ist doch, wer hier inkludiert ist und wen die Exklusion trifft bei der sozialen Klasse “Bildungsbürger”. Für Sarrazin hängt die Frage, wer Bildungsbürger wird, davon ab, wer mit wem schläft. Der Rückzug von der republikanischen Aktivbürgerschaft, der Beamten wie Publizisten gemein ist, schlägt das römische Erbe von Hannah Arendt zu Gunsten von Kontemplation aus. Die Frage ist, ob die dort, in der Urania in Berlin versammelte Gesellschaft von Herren nicht weit weniger eine vorzeigbare Ansammelung freier Bürger und frei gebildeter Bürger war, sondern eine von jener Namen ist, die unlautere Knechte ihrer Bildung und der dazugehörigen alten Herren und einer verwunschenen Gymnasiastenherrlichkeit sind.
Die Sache mit dem zeugenden “Fick” und und die Praxis der Vererbung. Nöte “treudeutscher” Männer am Beispiel Fall Sarrazin?
Nur weil man vielleicht mal die Fresse von Türken oder Arabern hat poliert bekommen, darf niemand ein Biologist und Rechtspopulist werden. Derneue Betroffenheitskult vom “Stamme nimm Sarrazin”, welcher private Angst und Rache, der trotz “Fit for Fun” und der quälenden Askese des Joggens und der Fitness, sich elendig fühlt, sich körperlich und kulturell den “Muskelmigranten” aus dem Morgendland und ihrem Muzzein knechtisch und kriecherisch unterlegen fühlt, da gilt, dass private Neurosen und deren Psyche sozial kein Anrecht auf öffentliche Vernunft und die Räson der res publica haben. Weder die Phantasien von Vorstadtmüttern noch ihre uferlosen Ängste bestimmen nicht die Staatspolitik der CDU. Gemeinsam Ängste steigern schadet, gemeinsam Sorge zu tragen, das hilft. Eine Steigerungsspirale führt am Ende in den Abgrund.
Attraktive “Muskelmigranten”?
Die Monströsität in der Resonanz, die Sarrazin tief im Inneren mancher erfährt, stammt wohl auch aus dem Erschaudern über die klammheimliche patricharchiale Attraktivität, aus Unterwerfung, die derer von Heidi Klum ähneln könnte, die bestimmt wie eines ihrer tollen Mädels gekichert haben muss, als ihr zukünftiger Gemahl Seal in sportiver Kleidung im Hotel begegnet sein soll. Die Macht von Statur und Gemächt, sie evoziert Strömungen im Unterbewusstsein.
Schieben die Männer nicht eigentlich alles auf die Fertilität der Frauen ab?
Wofür ist Demographie die Chiffre? Einseitig wird von Geburten und Fertilität der Frauen gesprochen! Aber wieviele Männer zeugen wieviel Söhne? Auf dem Land sind das handfeste Probleme. Schließlich muss einer den Hof erben und fortführen. Und auch die Tradition muss weitergegeben werden.
Südländer und der richtige Chic bringen es: “italiens do better”?
Haben deutsche Männer etwa Angst, es ihren Frauen nicht (mehr) so gut besorgen zu können, wie Türken und Arabern ihren Weibern? Oder ist es die Angst deutscher Männer vor den attraktiven Migrantinnen, die viel figurbetonter und viel weiblicher gekleidet sind als viele ein wenig wurstige oder aberu auch ungesund dünne Frauen ohne Kurven, die “autochthon” und “deutsch” sind? Kurven stehen über den Zahlen von Sarrazin.
Die Welt ist heterogen und hybrid: Voller Bastard! Nichts ist im “Echttest” reinrassig!
Identität und Erbgut sind stets hybrid. Keine Züchtung ist rein. Gegen den Furor der Reinheit hiflt auch die Lektüre von Philip Roth “Human Stain” (“Der menschliche Makel”) oder Gerd Koenen (u.a. “Utopie der Säuberung”).
Sarrazin ist lutherisch und anti-westlich, nicht calvinistisch und bürgerlich
Im “religionssoziologischem Schematismus” von Müller-Armack ist es der Calvinismus, der auf die “Aktivierung des Laien” setzt, auf “freies Bürgertum”, auf “privates Unternehmertum”. Und Sarrazin, er ist doch lutherisch, eben nicht “westlich” oder “Westernisierung”, denn er setzt(e) auf Verbeamtung. Die Perspektive von Sarrazin. Müller-Armack weist dem Luthertum den “Cameralismus”, die Perspektive “Staat von innen gesehen” zu, bennent “Finanzwissenschaft” und “Themen der Staatspraxis und der vergleichenden Staatenkunde” als Kennzeichen des Luthertums. Offenbar führt die Tradition dieser Spur bis zu Sarrazin.
Den Freunden der “modischen Zivilkleidung” sei gesagt, das Müller-Armack diese dem Calvinismus zuordnete. Beim Katholizismus sah er historisch “ständische Kleidung”. Während das Luthertum eben für den “Staat von innen gesehen” stünde und für “Tendenz zur Bildung individueller Weltanschauung” sowie “regt einfühlende und historische Betrachtungsweise an”, bedeute hingegegen der Calvinismus “Staat vor das Forum der Vernunft und der Bibel gestellt” statt “Staat von innen gesehen”.
Die Ernte, die Sarrazin aussät, sie ist verseucht. Gegen die Plagen, die uns nerven, hilft nicht das Programm von Selbstsabotage und kulturellem Selbstmord, welches Sarrazin als typisch deutscher Pflichtdienst am Untergang vorexerziert.
Mensch Mattussek, da schreibt man schon Bücher über den Wert des Vaters und des Mannes und dann fuhr der Sprößling auf Jay-Z ab. Hilft da der gute alte Goethe? Mehr Licht!?

