"Das Politische anders denken"

Frühling der Bürgerlichkeit?

Archiv für die Kategorie ‘Gastbeiträge

Gastbeitrag: Irakkrieg und Finanzkrise oder Die Aktualität des Männlichen

mit einem Kommentar

von Konstantin Sakkas

Wenn ein Mann heutzutage von Kampf schreibt, klingt das nicht gerade aktuell. Kampf – da denken viele an längst überholte Haltungsmuster aus dem untergegangenen „heroischen“ Zeitalter. Nietzsche, Ernst Jünger und natürlich die Ideologen des Nationalsozialismus – das sind die geistigen Referenzpunkte, an die sich der common sense beim Wort des Klanges Kampf erinnert fühlt. Doch tatsächlich ist der Kampf, das Agonale, wie es Sigmund Freund es benannte, heute so gegenwärtig in Politik und Gesellschaft wie eh und jeh.

Ein schneller Blick auf die Headlines der Tagespresse der vergangenen 10 Jahre genügt, um diese Aussage zu bestätigen. Der 11. September 2001 und die sich ihm anschließenden kriegerischen Verwicklungen im Nahen und Mittleren Osten, aber auch die internationale Finanzkrise haben ihren geistigen Ursprung im Topos des Kampfes. Warum? Der Kampf ist ein fundamentaler Wesenzug des Menschseins und insbesondere des Mannseins. Der Mann findet im Kampf seine Anerkennung, wie die Frau in der Liebe ihre Bestätigung. Es waren Männer, die die Anschläge vom 11. September verübt haben, und es waren Männer, die in der westlichen Welt darauf politisch und militärisch reagiert haben. Es sind aber auch ganz mehrheitlich Männer, die die internationale Finanzwirtschaft bestimmen und mithin also auch die eigentlichen Protagonisten der Weltfinanzkrise sind. Allen diesen Männern ist gemein, dass sie die agonale Auseinandersetzung lieben und in ihr, ganz unabhängig von den möglichen Folgen für sie und andere, ihre existenzielle Erfüllung und Befriedigung finden.

Für viele, die das lesen, werden diese Gedanken ungewöhnlich, ja unrealistisch erscheinen, sicher auch ein wenig unheimlich beziehungsweise „übertrieben“. Das ändert aber nichts an ihrem Realitäsgehalt. Es hat vielmehr zu tun mit dem großen Übergewicht des Weiblichen in der literarischen, mentalitären und auch politischen Debatte in der Metamoderne, worüber man das andere Geschlecht, also den Mann, ein bisschen vergessen hat. Wir sind heute in Europa und Nordamerika über die geringste Einzelheit des weiblichen Gefühlslebens und der weiblichen Körperlichkeit ad nauseam aufgeklärt; aber über die „heimlichen“ Beweggründe der Macher und Mächtigen in dieser Welt wissen wir anscheinend erstaunlich wenig bescheid. Dabei bot gerade das Jahr 2011, dass nun seinem Ende entgegengeht, in Fülle Gelegenheit, sich über diese Beweggründe und ihre politische und gesellschaftliche Reichweite restlos klar zu werden.

Da war der Fall Guttenberg, in dem es sich um nichts anderes ging als um die suchtartige Bessenheit eines jungen, gebildeten und attraktiven Mannes von der Suche nach öffentlicher Anerkennung und Bestätigung. Da war der Fall Kachelmann, der, unabhängig von seiner juristischen Dimension, schlaglichartig enthülte, wie sehr getrieben von dem Wunsch nach erotischem Glamour und viriler Selbstbestätigung ein deutscher Spitzenjournalist sein kann. Und da war schließlich der Fall Dominique Strauss-Kahn, der über diese erotische Dimension hinaus der Weltöffentlichkeit zeigte, wie sehr die Träume und Phantasien einer unreifen Jünglingslibido im trainierten Hirn eines souveränen, weltgewandten und welterfahrenen Top-Bankers zuhause sind.

Aber 2011 war nicht nur das Jahr der Skandale. Es war zugleich das Jahr der revolutionären Handstreiche und der transatlantischen Waffentaten. Die Aufstände im Nahen Osten, der Sturz der Diktatoren, sowie nicht zuletzt deren massenwirksame physische Beseitigung können schlechterdings nicht als Produkt einer emanzipierten „aufgeklärten“ Lebenshaltung mißverstanden werden, auch wenn das vielleicht nicht ganz ins rosafarbene Weltbild der Matadorinnen der SPIEGEL-Bestsellerliste passt; es sind Ausflüsse des uralten, ewig-männlichen Willens zur Macht und der ewig-männlichen, uralten Lust am Kampf.

Das Ganze gilt aber auch für eine Nummer darunter. Niemand wird in dieser Welt Investmentbanker, der nicht an Geld, Aufstieg und natürlich auch Macht interessiert wäre. Niemand, zumindest kein Mann, wird Journalist, der nicht am Glanz der öffentlichen Selbstdarstellung in der Camouflage des „wertneutralen“ Kommentators interessiert wäre. Und schon gar niemand wird Politiker, dem es nicht letztlich um das Versprühen seines männlichen Charmes auf der Bühne des Staatstheaters ginge, mitsamt den dabei routinemäßig abfallenden süßen Früchten wie Dienstwagen, Sekretärin und Escortservice. Es wird gerne weggeredet – aber die Urtriebe des Mannes sind auch im Jahr 2011, auch in der westlichen Welt genauso präsent wie die Promiskuitätsträume von Frauen Mitte 20 und die Mutter-Haus-Familie-Träume von (nicht mehr ganz jungen) Frauen Mitte 30; ihre politische und gesellschaftliche Tragweite allerdings ist bedeutend größer.

Eine vierzigjährige Übung in geduldiger, intellektuell sehr bemühter Beschäftigung mit sich selbst hat leider viele, nicht nur Frauen, dazu verleitet, sich über diese grundlegenden Dinge im Leben des Menschen keine Gedanken mehr zu machen. Wer aber die Fälle von juvenilen Bankern, die an der Börse mal soeben ein paar Milliarden Euro „verzockt“ haben, ruhig durchdenkt, dem wird klar werden, dass das keine Ausnahmen sind, sondern nur besonders schlagende Bekräftigungen einer allgemeinen Regel. Die Frauen sollen sich einmal die Mühe machen und die Männer ihres Freundes- und Bekanntenkreises auf ihre Meinung zu diesen Dingen ehrenwörtlich befragen: Das Ergebnis wird ohne Zweifel dahingehend ausfallen, dass auch der nette Sparkassenangestellte, auch der kauzige wissenschaftliche Mitarbeiter an der Universität, auch der ziemlich bedeutungslose Junganwalt oder stellvertrende Ressortchef heimlich in den Protagonisten dieser Skandale heiß beneidete Ikonen erblickt. Ikonen nicht der Ideologie, aber der Haltung (zwei Größen, die Frauen gerne immer mal miteinander verwechseln). Ikonen nicht des Gewissens, aber der Aura. Jeder Renault-Mégane-Fahrer eifert dem Mercedes-SL-Fahrer, der ihn schneidig von rechts überholt, hinterher; das ist keine eingebildete Männerphantasie, sondern ein Naturgesetz. Und ebenso ist es ein Naturgesetz, dass jeder Mann gerne einmal für einen Tag Jerome Kerviel wäre oder wenigstens Josef Ackermann, genauso wie fast jeder Mann in seinem cineastischen Leben schon einmal Bekanntschaft mit dem Frühwerk der Schauspielerinnen Michaela Schaffrath gemacht hat.

Das hier sollte keine Rechtfertigung sein. Es sollte nicht einmal ein Beschwichtigungsversuch sein. Es sollte nur eine nüchterne, vorurteilslose Deskription sein. Das Verschleiern und Kleinreden der wahren Energien, die in diesem Weltall wirken, gehört nämlich nicht nur zum Standardrepertiore der Presseabteilungen von AKW- oder Bohrinselbetreibern; es gehört ebenso und noch viel stärker zum Repertiore des tagtäglichen Selbstbetruges der „modernen Frau“.

Geschrieben von edomblog

22. Oktober 2011 um 19:59

Gastbeitrag: Leiden am Sex: Über die emotionale Überforderung durch das libertäre Scheinselbstverständnis der Gesellschaft

mit 2 Kommentaren

von Jan “Pettre” Petter

Eigentlich habe ich mir schon seit Monaten vorgenommen, einmal über die schwierigen, aber alltäglichen Themen Beziehungsleben, Liebe und Sexualität zu bloggen. Wir sprechen darüber nur selten konkret, dafür umso öfter verklausuliert oder betont emotional. Beides gefällt mir nicht und dient letztlich wohl auch nur der Distanzierung. Dennoch oder gerade deswegen beschäftigen mich diese Themen sehr und (natürlich) auch unpersönlich und grundsätzlich.

Ich halte es für einen großen Fehler, dass wir uns heute gegenüber der Vergangenheit überlegen und wissender fühlen. Zumal diese Einschätzung nicht auf fortschreitender Aufklärung und hinzugewonnenem Bewusstsein basiert, sondern nur auf kulturell und gesellschaftlich transportierten Bildern. Woher das kommt, weiß ich nicht genau und will es hier auch nicht größer erörtern. Ich glaube allerdings, dass diese selbstgewisse Haltung dazu führt, dass wir uns für grundsätzliche Gedanken oft zu sicher und beschäftigt fühlen. Die dadurch erschwerte Charakter- und Wunschbildung überlagern wir umso öfter durch Konsum und Teilhabe an moderner Gruppenbildung. Damit meine ich besonders die ritualisierte Teilhabe an „etwas großem“ (nein, kein Gottesdienst) oder die Hingabe zu neu entstandenen Subkulturen mit eigenen Riten und Werten.

In diesem Wirr-Warr neuer und alter Selbstverständlichkeiten verlieren sich nicht wenige junge Menschen auf der Suche nach Liebe, Partnerschaft oder einfach dem richtigen Umgang mit der eigenen Sexualität. Heute gibt es vermutlich keine gesellschaftliche Institution, die diese Prozesse ernsthaft nachvollziehen und pädagogisch aufbereiten kann. 2011 ist der Aufklärungsunterricht eine verspätete Biostunde mit erhaltenem Kicherfaktor und verlorenem Sinn. Andere Themen wie Beziehungen, Partnerwahl oder alternative Sexualwünsche werden meist erst gar nicht thematisiert und gelten als reine Privatangelegenheit.

Dabei hat die Emanzipationswelle der 60er und 70er bis heute längst nicht alle Bereiche erreicht. Zumindest in meinem jugendlichen Umfeld, der süddeutschen Peripherie bei Stuttgart, haben sich bis heute nahezu durchgängig die alten Rollenmuster gehalten. Diese Beobachtung dürfte vermutlich auch auf viele andere Regionen zutreffen. Die Gruppe der (aus eigener Sicht) emanzipierten Bürger beschränkt sich daher zumeist auf Babyboomer aus dem linksliberalen Milieu. Jedoch waren auch hier die Epizentren der Emanzipation meist soweit entfernt, dass die praktizierte Realität nur wenig mit den Theorien Alice Schwarzers zu tun hat. Oft beschränken sich aufgeklärte Erwachsenen-Beziehungen daher auf kulturelle Progressivität und leben ansonsten in den altbekannten Mustern. Umso klassischer sind eigentlich die Verhaltensweisen meiner Generation geblieben. Viele Mädchen und junge Frauen fühlen sich mit ihren Gefühlen offensichtlich alleine und finden nach der relativ klar definierten Welt der Familie keinen vergleichbaren Rahmen für eine partnerschaftliche oder sexuelle Entwicklung. Umso klassischer suchen sie oftmals Halt in Freundschaft und Beziehungen. Da unter Gleichaltrigen jedoch selten ein Zuwachs an Erkenntnis oder Sicherheit zu finden ist, konzentriert sich dieses Verlangen umso stärker auf die klassische Beziehung zu einem älteren Jungen oder Mann.

Viele werden einwenden, dass dies schon immer so war oder dass Mädchen und junge Frauen reifer sind als ihre männlichen Altersgenossen. Ich glaube aber nicht, dass Erfahrungen in gleichdosierten Dosen je nach Alter vergeben werden. Nur weil ältere Jungen und Männer mehr Erfahrungen haben, bedeutet dies leider selten, dass es sich dabei auch um die gesuchte Selbstsicherheit handelt. Im Gegenteil. Gesellschaftlich und medial sind auch heranwachsende Männer gleichermaßen alleingelassen und unsicher. Zumindest nach meiner Erkenntnis zieht sich dieses Gefühl auch bis in die 20er-Zeit fort. Umso fataler ist aber doch, dass wir bis heute den männlichen Part auf die sexuell aktive Rolle und stärkere Hälfte reduzieren. Beziehungsweise: Dass die öffentlicher ausgelebte und medial stärker inszenierte Sexualität (und Pornografie) heute noch viel stärker auf junge Männer einwirkt, ohne dass es aufklärerisch angemessene Gegenmaßnahmen gäbe.

Die Folge ist eine überzogene Erwartungshaltung an die Sexualität, die meist vollkommen unerfüllbar ist und zumindest im Anfangsstadium (aber eigentlich immer) kaum rational eingeschätzt werden kann. Das Scheitern der männlichen Überposition ist also oftmals vorprogrammiert. Umso fataler ist, dass beiden Geschlechtern hier unklar ist, wie dies einzuschätzen ist. Während konservative Bewahrer auf die natürliche Vollkommenheit der (diskreten) Liebe pochen, verharmlosen (de facto vollkommen ahnungslose) libertäre Eltern und Lehrer die natürliche Vollkommenheit aller Perversionen. Beides hilft im jugendlichen Beziehungsalltag vermutlich wenig und erscheint mir oft sehr selbstbezogen und -gerecht.

Ich vermute, dass deshalb viele junge Männer den sexuellen Überdruck an ihren (Sexual-)Partnerinnen auslassen und das eigene Versagen auf diese abschieben. Der Mann will Dinge, die seine Partnerin nicht kennt und er nicht kann. Falls Sie (was vollkommen angemessen und sicherlich nur richtig ist) dann diese Erwartungen zurückweist, entsteht so erstmals eine sichtbare Hürde, auf die sich das Problem projizieren lässt. Unterbewusst (so bin ich überzeugt) entsteht so ein Machtgefälle, das sich fundamental anders begründet als früher, aber grundsätzlich genauso endet. Aus meiner Sicht ist es billig, dafür die jungen Männer noch zusätzlich zu beschimpfen. Natürlich gibt es auch in meiner Generation wahrnehmbare Sadismen, die einseitig zu Leiden und Unterdrückung führen und die jeder Mann anhand seines Verstandes erkennen und stoppen kann. Diese Verantwortung bleibt immer! Genauso billig wäre es, hieraus jetzt eine Moralkampagne gegen Pornografie oder möglicherweise sogar sexuelle Aufklärung abzuleiten. Wir wissen doch nicht zu viel, sondern eher viel zu wenig!

Um dennoch Halt und Sicherheit zu finden und einfach auch, weil Liebe und Sehnsucht noch nie auf gesellschaftliche Gegebenheit Rücksicht genommen haben, akzeptieren viele Mädchen und junge Frauen diese Verhältnisse und versuchen sich ihnen anzupassen, was allerdings nur teilweise funktionieren kann. Zusammen mit einer nicht realen, aber medial ständig vermittelten Umgebung des „Alles kann, nichts muss“, verfestigt sich bei vielen der nüchterne Glaube, dass jugendliche oder junge Beziehungen grundsätzlich unsicher und jederzeit absolut endlich seien. Entsprechend unsicher werden sie eingegangen, gelöst, wieder aufgenommen oder verraten. Auch hier sehe ich keinen dramatischen Werteverfall, der eine wirkliche Lust an der Beliebigkeit verraten könnte. Vielmehr fehlen eben auch hier vielfach die Antworten auf die nie öffentlich gewordene Fragen und Gedanken.

Da wir eben in einer Marktwirtschaft leben und Unsicherheiten und diffuse Bauchgefühle optimale Themen für eine hohe Auflage oder Quote sind, kann man von den Medien hier nicht wirklich eine Lösung erwarten. Dennoch verstört mich gelegentlich die Schamlosigkeit, mit der physische und psychische Probleme erst geschaffen und mit der nächsten Ausgabe dann wieder gelöst werden sollen.

Übrigens fordere ich nicht, dass in einer „guten“ Beziehungen beide Partner gleich sind. Sie müssen nicht einmal auf exakt der selben Ebene stehen, denke ich. Aber beide brauchen die nötigen Voraussetzungen, um das gemeinsame Handeln individuell abwägen und einordnen zu können. Das ist doch eine wirklich wichtige Grundlage.

Ich fände ein „Heute ist alles mögliche und irgendwie unsicher“-Fazit jedoch arg haltungslos und Spiegel-Online-artig. Ich glaube wie gesagt weder, dass sich das Rad der Geschichte zurückdrehen lässt (und man sollte es auch nie versuchen), noch, dass wir diese Verhältnisse als normal oder gegeben hinnehmen müssen.

Beruhigend ist auf der anderen Seite ja auch, dass sich unabhängig aller Möglichkeiten auch heute noch die meisten jungen Menschen vorstellen können, was sie suchen. Deshalb glaube ich vor allem, dass wir umso klarer und ernsthafter miteinander reden und diskutieren müssen. Nicht nur medial, nicht nur saisonal. Auch im Privatleben, in der Schule und letzten Endes natürlich auch gesellschaftlich. Wenn ich Sexualität spreche, rede ich über grundlegende, ohnehin vorhandene Gedanken und nicht nur meine eigenen. Dieses Bewusstsein brauchen wir wieder stärker. Auch wichtig wäre eine stärkere Selbstreflektion und mehr Respekt und Raum hierfür. Wir werden auch in einer besseren Welt noch mit Internetpornografie, schlechter Musik und obszönen Gedanken leben. Aber gerade deshalb brauchen junge Menschen auch genügend (geistige) Freiräume dies alles einzuordnen und zu verstehen. Und sie brauchen genauso eine klare Ansprache in der Schule. Gerne auch von außerhalb oder in Ergänzung zum eigentlichen Unterricht mit den vertrauten Lehrern. Dazu gehören aber nicht nur biologische Definitionen sondern eben auch offene Gespräche.

Jan Petter ist Jahrgang 1991 und twittert unter http://twitter.com/pettre

Geschrieben von edomblog

12. Oktober 2011 um 19:50

Gastbeitrag: Der unfreie Wille

mit 4 Kommentaren

Über die Bindungshysterie in unserem Privatleben

von Konstantin Sakkas

Die Freiheit ist fraglos die Leittugend unseres Zeitalters. Dass sie deswegen aber auch strikt befolgt würde, lässt sich noch längst nicht sagen. Im Gegenteil: gerade im Privatleben lassen sich die Menschen von heute immer wieder im Namen eingebildeter Bedürfnisse und falscher Abhängigkeiten dazu verleiten, ihre Freiheit aufzugeben. Eine Zwischenbemerkung zum zwanghaft unfreiheitlichen Charakter unserer privaten Moral.

Charlotte Roches Roman Schoßgebete gewährte, was immer man sonst über ihn sagen konnte, fraglos einen tieferen Einblick: nämlich in die Anlehnungsbedürftigkeit der Menschen, die, bei allem Gerede von Freiheit und Ungebundenheit, heute wohl so groß ist wie selten zuvor. Hinter der libertären Maskerade der Gesellschaft verbirgt sich eine verzehrende Sehnsucht nach Wärme und Geborgenheit, sowie nach festen Strukturen, die dies, und sei es nur zum Schein, gewährleisten. Roches Protagonistin, die ihre eheliche Beziehung, trotzdem sie unbefriedigend und belastend ist, aufrechterhält, taugt gut zum Prototypus der Menschen von heute, die, in all ihrer schneidigen Weltläufigkeit, ihr tiefes Bedürfnis nach Halt und Sicherheit nicht verleugnen, und sei es um den Preis der eigenen Lebenszufriedenheit – auch wenn dieser Preis eigentlich unbezahlbar sein sollte.
Schuld daran ist ein neoromantischer (in vielem sicher auch vulgärromantischer) Zeitgeist, der den Menschen unentwegt einredet, es alleine in der Welt nicht aushalten zu können. Dass es „nicht gut sei, dass der Mensch allein ist“, wie es im Ersten Buch Mose heißt, ist dasjenige Erbteil christlicher Lehre, das sich in der gott- und religionslosen Mehrheitsgesellschaft der Metamoderne am hartnäckigsten gehalten hat. Ja, es scheint geradezu, als gälten „Liebe“ und Partnerschaft als die Ersatzreligion in einer Zeit, der nicht nur die letzten Gewissheiten abhanden gekommen sind, sondern auch das Fragen nach diesen Gewissheiten und das autonome Nachdenken über sie. Wer nicht irgendwie gebunden ist – das gilt für Frauen fast noch mehr als für Männer –, der wird geradezu als krank angesehen.
Dabei entstehen aber seelische Krankheiten eben nicht aus zuviel Freiheit, sondern aus zuviel Bindung. Die Missbrauchsskandale um kirchliche und staatliche Institutionen haben in den letzten Jahren deutlich gemacht, was falsche Gebundenheiten anrichten können. Doch auch heute stürzen sich Millionen Menschen in Beziehungen, Partnerschaften und Ehen, durch die sie ihr eigenes Leben in nachgerade planvollem Masochismus zugrunde richten. Das Problematische an Charlotte Roches Klage über schlechten Sex und eheliche Langeweile ist nicht der realistische Ton dieser Klage; sondern höchstens der Umstand, dass hier einem offenbar unbefriedigenden, also: friedlosen und seelisch gefährlichen Zustand nicht einfach dadurch abgeholfen wird, dass man ihn schlichtweg beendet und sich löst. Unser Zeitalter steht – übrigens nicht nur im Privaten, sondern ebenso sehr im Politischen, wie ein Blick auf die zahllosen internationalen, staatlichen und wirtschaftlichen Verflechtungen zeigt – in Wahrheit nicht unter dem behaupteten Dogma der Freiheit, sondern unter dem Pragma der Bindung. In falscher Bindung aber liegt die Ursache für viele ihrer Missstände: seien es Alkoholismus, Tablettenabhängigkeit oder Depressivität.
Cicero charakterisierte in seiner Schrift Über den Staat den Menschen einst als „non singulare nec solivagum“, das heißt: als „nicht vereinzelt und auch nicht einzelgängerisch“. In einer Zeit, in der der römische Machtstaat das blanke Recht des Stärkeren unverhohlen zur politischen Leitmaxime erhoben hatte, hatte dieser Appell, der zwischenmenschliche Liebe und Mitgefühl proklamierte, zweifellos sein Recht. In heutiger Zeit aber stehen die Dinge anders: es waren die größten Philosophen des Zwanzigsten Jahrhunderts: Heidegger, Adorno, Hannah Arendt, die ein bemerkenswert einzelgängerisches Bild vom Menschen entwarfen und als Heilmittel für die existenziellen Krisen der Gegenwart nicht Bindung forderten, sondern Entbindung. In der Entbindung, im Sich-Lösen liegt der Schlüssel zur „Lebensqualität“. So, wie sie einen falschen staatlichen Pflichtbegriff überwunden haben, so müssen sich die Menschen endlich auch von jenem falschen privaten Pflichtbewusstsein verabschieden, aufgrund dessen sie sich in destruktive Abhängigkeiten fügen, die nicht notwendig sind und die sie auch nicht nötig haben.

Gastbeitrag: Warum sind wir so unglücklich?

Hinterlasse einen Kommentar »

In unserer heutigen Gesellschaft muss niemand mehr um seine Existenz kämpfen. Doch warum sind wir dann so unglücklich?

von Konstantin Sakkas

„Im Rückblick“, so schrieb der Philosoph Karl Jaspers 1931 in seinem Buch Die geistige Situation der Zeit, „erscheinen jetzt die Jahre bis 1830 als die halkyonischen Tage wie eine verklärte Zeit.“ Was Jaspers vor fast drei Generationen über den Vormärz sagte, werden spätere Historiker von der Gegenwart behaupten können: Nie zuvor gab es eine Periode in der abendländischen Geschichte, die an individuellem Lebensglück, politischer Ruhe und wirtschaftlichem Wohlstand unserer Zeit vergleichbar wäre. Würden diese Momente den wesentlichen Gehalt von Glück ausmachen, so ginge man nicht fehl zu behaupten, heute habe sich die Weltgeschichte vollendet. Dem erreichbaren Maß an Befriedigung persönlicher Bedürfnisse nach zu urteilen, herrscht für den westlichen Menschen seit den neunziger Jahren tatsächlich der ‚ewige Sabbat’: Der Wohlstand, die Signatur unserer Epoche, ist ohnegleichen in der Geschichte.

Diese Einschätzung gilt indes nur unter Zugrundelegung der ökonomischen Definition von Glück, die die kanonische Formel vom pursuit of personal happiness ausdrückt. Wer den Gehalt von Existenz nach einem Element bestimmt, das jenseits von Bedürfnis und Befriedigung liegt, erkennt in dem heutigen Zustand weniger den ‚ewigen Sabbat’ als die Periode einer grenzenlosen Langeweile. Langueur, Mattigkeit – das Signalwort der Moderne gilt auch für uns: Es bezeichnet unser Unvermögen zu echter persönlicher Leistung, die allgemeine Verflachung des Daseins, das Bewusstsein schließlich, ohne existenziellen Horizont zu leben.

Wir leben heute ohne eigentliche Probleme. Das ist die Wahrheit über eine Gesellschaft, die in der Auseinandersetzung um Hartz IV oder die europäischen Verfassung Existenzfragen zu erblicken meint und darin doch nur mit ihrer Unfähigkeit konfrontiert wird, sich selbst an einem veritablen, nicht bloß tagespolitisch relevanten Widerstand zu erproben und zu formen. Wie glücklich, sage ich mir immer wieder im Rückblick auf die Geschichte, wie glücklich müssen Generationen gewesen sein, die sich noch in der Überwindung eines echten Widerstandes in der politischen Öffentlichkeit existenziell entfalten und damit die Wirklichkeit ihrer eigenen Individualität gegenüber der Geschichte beweisen durften.

Denn die Widerstände im Privaten verleihen wegen ihrer Natürlichkeit und Selbstbezogenheit keine eigentliche, historische Wirklichkeit. Es ist das Spezifikum der modernen Gesellschaft, dass in ihr nicht das Öffentliche zum Gegenstand auch des Privatdaseins, sondern umgekehrt das Private zum Gegenstand auch des politischen Daseins geworden ist; statt einer Gemeinschaft mündiger Gemein-Wesen sehe ich mich heute einer Gesellschaft apolitischer, nur mehr in den Verfolg ihrer privaten Interessen verstrickter Einzel-Wesen gegenüber, die in jedem Bereich allein nach dem Tauschprinzip handeln, um das sich nach Jean-Jacques Rousseau die moderne Gesellschaft dreht.

Diese innere Verelendung aber entspringt dem, was ich das Verschwinden des existenziellen Horizontes nenne: Anders als früher bedrücken uns keine Existenz gefährdenden Probleme mehr. Noch im neunzehnten Jahrhundert mussten große Teile der Bevölkerung, indem sie einem Broterwerb nachgingen, noch wirklich um ihre Existenz kämpfen; noch im zwanzigsten stand die westliche Jugend gegen die Repressionen einer überkommenen Sexualmoral auf; in beiden Fällen ging es um die Bewältigung eines existenziellen Widerstandes. Heute aber fehlen solche Widerstände, und weil die Widerstände im ‚Hier und Jetzt’ fehlen, so fehlt auch das jeweilige ‚Jenseits’, der Horizont, nach dem der Mensch sich in seinem Widerstandleisten je orientiert. Hineingeboren in eine Zeit ohne Widerstände, lebt der heutige Mensch, seiner Natur nach das mit Transzendenz begabte Wesen, transzendenzlos; wenn je irgendeine Epoche von sich behaupten durfte, sie habe den Horizont, nämlich den im diesseitigen Existenzkampf begründeten Jenseitshorizont weggewischt, dann unsere.

Was dieser Horizontverlust für das praktische Leben bedeutet, erfährt zu allererst die Jugend. Sie sieht sich heute – und daher ist sie trotz allem Wohlstand unglücklich – ohne Aufgabe. Wiggo Ritter, der scheiternde Held des Romans Der Eisvogel von Uwe Tellkamp, ist in vielem eine Symbolfigur für die Situation meiner Generation: Sein Wissen um die Trivialität beliebter Ablenkungsmodi, wie sie heute in frühester Schulzeit bereits eisern einexerziert werden – Drogenerfahrungen, die ebenso wenig von Übertretung mehr an sich haben wie sexuelle Ausschweifungen, die in ihrer Regelmäßigkeit alle Kriterien einfältigster Bürgerlichkeit erfüllen –, degradiert ihn zum Außenseiter der Gesellschaft, in der selbst auf höchster Ebene nur mehr das Private zählt, nicht aber eigentliche Leistung, die ich dann eigentlich nenne, wenn sie einem existenziellen Ziel gilt und im Licht einer aufmerksamen und urteilsbefugten Öffentlichkeit geschieht. Der Westen heute kennt keine lohnenden Ziele mehr, und eine politische Öffentlichkeit – der einzige Garant von Sinnhaftigkeit in einer Zeit, die sich Gott entfremdet hat – ist ihm längst verloren gegangen. Sich wieder einer großen Aufgabe stellen zu können scheint mir das eigentliche Anliegen meiner Generation, die, weil sie ihr Leben noch vor sich hat, keinen dringenderen Wunsch kennt, als sich eine echte eigene Existenz zu gewinnen und damit der Grenzlinie wieder eindeutige Konturen zu verleihen, die den Menschen, das animal rationale, vom Tier scheidet.

Mit freundlicher Genehmigung von “Cicero” (Ringier Publishing GmbH)

Geschrieben von edomblog

12. September 2011 um 18:18

Gastbeitrag: Die neue Würde der Frauen

mit 4 Kommentaren

Gleichberechtigung beginnt beim Selbstbewusstsein

von Konstantin Sakkas

Die anhaltende Debatte um eine Frauenquote zeigt: Berufliche Selbstentfaltung und Gleichberechtigung von Frauen sind auch in der freien Luft der „Berliner Republik“ weiterhin nicht selbstverständlich. Das liegt an bestimmten patriarchalen Strukturen, die in einigen Bereichen immer noch bestehen; aber auch an einer spezifischen Haltung der Nachgiebigkeit bei den Frauen selbst. Wenn sie wirklich die volle und uneingeschränkte Parität erreichen wollen, müssen sie diese Haltung aufbrechen.

Zu dieser Haltung gehört zum einen eine eigentümliche Zurückhaltung, die sich viele Frauen in ihrer Selbstdarstellung nach außen auferlegen. Während Männer schon früh lernen, dass sie ohne kontinuierliche Profilierungsarbeit in der heutigen Dienstleistungsgesellschaft hoffnungslos verloren sind, verlassen sich Frauen oftmals auf die bloße Wirkung ihrer formalen Qualifikation. Doch ohne Selbstvermarktung läuft heutzutage nichts, schon gar nicht in den psychologisch hochsensiblen Bereichen Medien, Kreativwirtschaft und Wissenschaft. Natürlich soll und kann Selbstvermarktung nicht die eigentliche Begabung ersetzen; aber sie soll sie ins rechte Licht rücken. Hierauf passt ausgezeichnet, was Schopenhauer einmal über Orden und Auszeichnungen bemerkte: „Da finde ich es ganz passend, durch Kreuz oder Stern der Menge jederzeit und überall zuzurufen: ‚der Mann ist nicht euresgleichen: er hat Verdienste!’“ Denn natürlich sprechen Qualifikation und Begabung für sich; nur wird diese Sprache nicht immer und überall verstanden; also muss man ihr nachhelfen.

Zum anderen leiden viele Frauen immer noch an einem defizitären Selbstbewusstsein; die Gründe hierfür liegen aber vor allem im Privaten. Die Verbindung zwischen einem nicht sehr aufgeweckten Mann und einer ihm intellektuell und kulturell überlegenen Frau, die sich ihrem Partner dennoch aus Liebe und Diplomatie unterordnet, ist leider eine alltägliche Beobachtung; ihre Folgen sind fatal: für den Arbeitsmarkt, dem so wertvolle „Ressourcen“ verlorengehen; aber insbesondere für diese Frauen, die oft jahre-, ja: jahrzehntelang im Namen der Beziehungshygiene ihr eigenes geistiges und musisches Niveau verleugnen und dabei oft genug psychisch zusammenbrechen – ganz abgesehen von dem Verlust an Lebensqualität, der sich aus dem, partiellen oder totalen, Verzicht auf eine eigene Karriere ergibt.
Dass dabei das geistige (und damit auch berufliche) Potenzial der Frauen dem der Männer tatsächlich oft gleichrangig, wenn nicht überlegen ist, zeigt sich an der bekannten Statistik, wonach die Bildung der Kinder primär vom Niveau der Mutter determiniert wird. Doch für diese erwiesene Überlegenheit, die viele Frauen zu einer glänzenden Laufbahn prädestiniert, haben sie selber oft keine Augen – auch aufgrund eingespielter männlicher Strategien des „Kleinhaltens“.
Dieses Phänomen findet sich in allen Gesellschaftsschichten: in den Kreisen „höherer Töchter“, wo die Frau mit ihrer Vorliebe für Klaviermusik und Rilkeverse oftmals einen handfesten Beziehungsstreit mit ihrem etwas zurückgebliebenen Partner riskiert; aber ebenso bei Kassiererinnen und Verkäuferinnen, die sich vielleicht längst zum Abendgymnasium angemeldet hätten, stünde nicht ein Mann „an ihrer Seite“, der ihnen mit seiner zerknirschten Aversion gegen Bildung und sozialen Aufstieg tatsächlich in den Rücken fällt. Schon immer waren Frauen die eigentlichen Vorreiterinnen des kulturellen Fortschritts; nur müssen sie sich dieser Rolle endlich voll bewusst werden und sie entschlossen ausspielen.

Die Frauen müssen sich aus ihrer „freiwilligen Knechtschaft“ selbst befreien. Sie müssen das Bewusstsein für ihr eigenes geistiges und kulturelles Potenzial schärfen, das ihnen von der Männerwelt über Jahrhunderte abgestritten wurde. Sie müssen ihre eigene „Muse“ sein und dürfen ihre inspirativen Kräfte nicht mehr an die männliche Mitwelt verschwenden. Dann aber wird sie auf dem Weg nach oben wirklich nichts mehr aufhalten.

Geschrieben von edomblog

14. August 2011 um 13:38

Gastbeitrag: Das Böse ist nicht banal, aber das Banale kann böse sein

Hinterlasse einen Kommentar »

von Konstantin Sakkas

In einem Beitrag in der WELT hat jüngst Alan Posener die klassische Kritik an Hannah Arendts Schlagwort von der „Banalität des Bösen“ erneuert. Zum fünfzigsten Jubiläum ihres Buches Eichmann in Jerusalem stellt er klar, dass Adolf Eichmann bei seinen Taten, der Organisation des Holocaust, sehr wohl von einem, freilich negativen, Idealismus geleitet worden sei, und nicht gleichsam „gedankenlos“ und „unmotiviert“ gehandelt habe – eine Kritik, die so alt ist wie das Buch selbst. Nun stellt uns der Begriff des Banalen vor ein grundsätzliches Problem: nämlich dass wir das, was damit bezeichnet wird, glauben nicht ernst nehmen zu können. Indessen hat das Banale im Verständnis Arendts eine ganz andere Bedeutung; und in ihrem Lichte wirkt jene Bosheit, die eben Eichmann, allerdings „banal“ – gewiss aber nicht jede beliebige Art von Bösesein überhaupt!
Man begreift Eichmann in Jerusalem nicht ganz, wenn man nicht Arendts Denken im Ganzen begreift. Das vielleicht wesentliche Element dieses Denkens ist die Unterscheidung zwischen dem authentischen Tun – Arendt nennt es Handeln – und dem bloßem Arbeiten und Herstellen. Letzteres, also das „seelenlose“, leidenschaftsfreie technische Ausführen logischer, aber nicht unbedingt moralischer Maximen erkennt sie in den Strukturen und Handlungsweisen der modernen totalitären Ideologien wieder, insbesondere im Holocaust und beispielhaft an der Person Eichmanns. Und dieses bloß ausführende Tun heißt bei ihr „banal“, und zwar keineswegs nur im Kontext der nationalsozialistischen Judenvernichtung, sondern allgemein.
Das Wesen dieser Banalität ist aber folgendes: Das durch sie bestimmte Tun mag durchaus auf gewisse punktuelle Motivationen antworten (also Ideologien, Vorurteile etc.); doch ihm fehlt, im Unterschied zum Handeln, die nötige Substanz, der existenzielle Ernst, die reflexive Durchdachtheit. Es ist, philosophisch ausgedrückt, nur Form; nicht aber – oder kaum – Inhalt. Es erzeugt ungeheure – und ungeheuerliche – äußere Wirkung; aber inhaltlich, ideell hinterlässt es kaum Spuren.
Und das zeigt sich schon an den Tätern selber. Dem von Posener angeführten Eichmann-Zitat, worin der sich seiner Taten brüstet, setzt nämlich Arendt nicht ohne Grund sein ebenso „ernstgemeintes“ Anerbieten an den Jerusalemer Gerichtshof entgegen, sich öffentlich aufzuhängen, „um die Last der Schuld von Deutschlands Jugend zu nehmen“. Wie erklärt sich dieser scheinbare Widerspruch? Wohl kaum aus bewusster Taktik, wonach eine von beiden Aussagen unehrlich, also eine Lüge wäre; denn dazu hatte Arendt die Persönlichkeit Eichmanns, wie die vieler anderer hoher NS-Täter auch, zu genau und zu aufmerksam studiert; sondern aus einer wesenhaften Unaufrichtigkeit, aus dem, was Jean-Paul Sartre mauvaise foi nannte, also die Unfähigkeit, sich selbst zu trauen, eigene, ernsthafte Meinungen zu bilden und aufrechtzuerhalten.
Diese mauvaise foi aber war das Kennzeichen des totalitären Zeitalters, und ihr verdankt sich die besondere Schrecklichkeit der in ihm verübten Verbrechen. Der „aufrichtige“ Täter erscheint uns zwar verwerflicher (weshalb selbst die Wissenschaftsszene, und viel mehr noch die öffentliche Meinung vor dem Wort „Banalität des Bösen“ stets reflexhaft zurückschreckt); in Wahrheit hat er aber je noch die Chance, sich seiner Verbrechen zu besinnen und damit sich von ihnen zu distanzieren und sie schlussendlich zu bereuen. Warum? Weil er nämlich echte, in seinem Innern tief verankerte Motive hat, sich aber also durch eine Kritik an diesen Motiven naturgemäß auch von ihrer Unbegründetheit überzeugen lassen kann. Dieses aufrichtige, nicht-banale Bösesein findet sich durchaus auch bei Arendt; sie verbindet es mit dem althergebrachten christlich-europäischen Judenhass, der zwar fanatisch und brutal sein konnte, aber immer noch ernsten Argumenten zugänglich blieb, weil ihm selber ernste Argumente zugrunde lagen. Eben deshalb unterscheidet sie diesen Judenhass aber strikt vom Antisemitismus.
Der unaufrichtig Böse dagegen, der sich in einer emotionalen und intellektuellen Grauzone bewegt, nimmt nur die äußere Wirkung seines Tuns wahr, sei es nun „gut“ oder „schlecht“; deshalb kommt ihm dessen eigentlicher, wahrer Gehalt nicht zu Bewusstsein; deshalb wirken seine Verbrechen so grundlos und unvermittelt. Dieser Typus des Unaufrichtigen, Haltungslosen stellte einen großen Teil, wenn auch nicht die Gesamtheit, der deutschen Antisemiten und des „Personals der totalen Herrschaft“, und ihn und seine eigentümliche, seltsam unwirkliche und weltlose Art, böse zu sein, hatte Hannah Arendt im Sinn, wenn sie von der „Banalität des Bösen“ sprach.

Urheberrecht / Copyright liegt bei Konstantin Sakkas.

Geschrieben von edomblog

23. Januar 2011 um 17:15

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.