"Das Politische anders denken"

Frühling der Bürgerlichkeit?

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Aus dem Archiv: Fragment “Emanzipation in der Moderne jenseits der postmarxistischen Zivilgesellschaft” (Oktober 2006)

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Für eine bürgerliche Zivilgesellschaft

Die Zivilität von Zivilgesellschaft im Deutschen zieht ihren Esprit aus der Opposition zum Militärischen. Die Transformation der deutschen neokorporatistischen Ökonomie mit ihrem produktiven Dualismus antagonistischer Verbände transformiert sich heute in die heuristische Denkfigur, in der eine Ökonomie von Chaos und Komplexität durch die „good guys“ der Gesellschaft zivilisiert wird. Dabei steht das Militärische, welches zivilisiert werden soll, in einem Verwandtschaftsbeziehung zum Wettkämpferischen in der Ökonomie, welche kaum ohne das Konzept des Kampfes adäquat verstanden werden kann.

Gegenpol der Ökonomie ist die Welt des Hauses, des altgriechischen Oikos. Ihr dient die Ökonomie. Als Schnittmenge zwischen den Welten von Oikos und Ökonomie besteht das Feld der Freundschaft, die mit beiden Welten verwandt wie vernetzt ist.

Regeln des Spiels können sich nicht an Maßstäben vorstaatlicher Ursprünglichkeit messen noch an evolutionären Prozessen im Sinne hayekscher Selektion, die naturalistischen, anti-christlichen Weltbildern entstammen. Vielmehr bedürfen sie der konservativen Evaluation, d.h. der Verbesserung ihrer Ergebnisse im Blick auf Maßstäbe der Humanität und Gerechtigkeit.

Die Humanisierung der bürgerlichen Gesellschaft aus einem christlichen Humanismus heraus bildet ein wichtiges Antriebsmoment des Handelns. Da war so, das ist noch so und das wird auch so bleiben. Daran wird sich nichts ändern, auch wenn sich bundesdeutsche Konservative noch so innig nach Amerika sehen, das Paradies, wo Leistung noch zählen soll und Menschen brav in die Kirche gehen sollen. Diese „Konservativen“ kennen Amerika nur aus dem Fernsehen oder sehen nur, was sie sehen wollen.

Während bürgerliche Konzepte wie der Ordoliberalismus von einer starken Interdependenztheorie ausgehen, was das Verhältnis zwischen Markt und Demokratie betrifft, findet unter den Vorzeichen Theoretikern der Zivilgesellschaft nur noch selten eine Auseinandersetzung mit dem Kapitalismus statt. Nachdem der Marxismus nicht funktionierte, wird der Markt als etwas Materialistisches fast ontologischen Formats hingenommen.
Rot-Grüner Industriepolitik waren Konzentrationstendenzen in der Wirtschaft egal. Gegen „nationale Champions“ wurde gerade von den Grünen nichts gesagt, wenn Mittel für erneuerbare Energien flossen.

Heute haben sich weite Teile der Postmarxistischen Linken längst zu ihren bürgerlich-protestantischen romantischen Wurzeln zurückgewandt. Reformierte Bürgerlichkeit wird in den Himmel gelobt, so als stecke der Weltgeist dahinter. Globalisierung wird mit der Schaffung globaler Mittelschichten optimistisch in Verbindung gebracht, so als Grenze es an eine Heilswahrheit aus Marx Schriften.

Heute können sich deutsche Proto-Arbeiter nicht mal mehr den Mehrwert stehlen lassen und der Knecht bekommt gar keine Chance, den Herrn zu schlagen. Ob man die in der Unterschicht abgehängten Menschen mit einem Grundeinkommen wieder aufrichten kann, ist fraglich. Vielleicht ist dies lediglich eine Prämie, damit sie weder beim Szene-Italiener noch vor dem Reformhaus stören, während die Kreditkarte lässig beim Bio-Supermarkt gezückt wird, von wo es schnell in die wohl renovierte Altbauwohnung geht.

Wie kann Emanzipation heute konservativ gedacht werden? Positiv meint Emanzipation konservativ Selbstbestimmung im Sinne eines Votums für den Wert von Tradition für das gute Leben und seinen erfolgreichen (Selbst)Vollzug. Negativ ist damit die Abwehr aller Potenzen gemeint,

Konservativ ist heute christlich-universalistisch, anti-paganistisch, anti-nationalistisch, anti-nietzeanisch und gegen weite Teile des Denkens der griechischen Antike gerichtet. Zugleich richtet sich konservatives Denken gegen naturalistische und rein materialistische Weltbilder. Besonderen Wert legt der Konservative der Gegenwart auf ein anti-utopistisches Denken. Zugleich begreift er aber den Stellenwert motivierender Glaubenserfahrung für eine gerechte Welt und die Wirksamkeit werden von irdischer Gerechtigkeit als Vorstufe unendlicher Liebe Gottes seinen Menschenkindern gegenüber. Im Streben für Gerechtigkeit darf der Christ ahnen, wie groß erst die Liebe Gottes sein muss. Die motivierende Kraft der biblischen Erfahrung der Befreiung als auch die Zuwendung zum ubiquitären Nächsten in seine ganzen Existenz bildet die Quelle progressiven christlich motivierenden Handelns aller Konservativer. Gott handelt nicht willkürlich, sondern aus vernünftiger Gerechtigkeit. Deshalb muss sich staatliches Handeln am Maßstab des Willkürverbots messen lassen.

Die Antike als imaginierter Erfahrungsraum des Bürgertums im 18. und 19. Jahrhundert war ein – vorsichtig ausgedrückt – äußerst ambivalentes Erbe für die deutsche Demokratie. Das emanzipatorische Momente der Renaissance lag darin, den Menschen als Kern Gottes Schöpfung wieder in den Mittelpunkt zu rücken gegen eine entartete Institution Kirche, die schuldig geworden war aller möglichen irdischen Sünden.

Wer konservativ ist, bekennt sich zu einer gemäßigten industriellen Moderne, einer Moderne, der mit liebevoller Vorsicht, der mit „care“ begegnet wird. Vorsichtigkeit und Behutsamkeit, so wie man mit etwas lieb gewonnenen, aber äußerst Zerbrechlichem, umgeht, so gilt es mit der Moderne umzugehen. Das Leben in ihr ist nicht besonders „riskant“, aber es ist weniger berechenbar, als vielen lieb ist. Dagegen hilft nicht, goldene Zeitalter der Vergangenheit heraufzubeschwören, sondern überlegtes Urteilen und Handeln ist gefragt. Vernunft statt Populismus und Panik ist gefragt, aber auch „common sense“ statt elitärer Diskurse, die zu häufig keines falls auf die Lebenswelt zurück bezogen sind, außer der Universität.

Zweifeln ist nicht nur Beweis für die Existenz rationaler Erkenntnis, sondern auch für das Ringen um Erkenntnis in der Sphäre des Religiösen.

Für eine realistische Diskurstheorie

Konservativ sein, bedeutet bescheiden zu sein, was die absolute Geltung von Normen bedeutet.

Der Konservative weiß um das Grundrecht auf religiöse Erfahrung des Menschen. Deshalb ist Religion großzügig am Maßstab weiter Toleranz zu messen, weil kein Mensch grundlos unverhältnismäßig in das Heilsgeschehen des Anderen eingreifen darf. Dabei wird aber aus christlicher Perspektive hermeneutisch vorausgesetzt, dass sich dieses Heilsgeschehen stark auf eine Sphäre jenseits dieser Welt bezieht. Deshalb kann Toleranz weniger großzügig für jene Gelten, die religiöses Heilsgeschehen in erster Linie irdisch begreifen und durch Taten unmittelbar punktuell verwirklichen wollen, wie etwa Selbstmordanschläge. Wer dieses „Beamen mit Bombe“ in Paradies nicht eindeutig verurteilt und als jenseits aller religiösen Maximen versteht, kann kein Recht auf Toleranz beanspruchen, weil das Recht auf Leben dem Recht auf religiöse Erfahrung und Toleranz dieser vorangeht, da das Recht auf Leben ursprünglicher und Vorraussetzung aller religiöser Erfahrung ist. Der Tod als Teil religiöser Erfahrung steht immer am Ende des Heilsgeschehens und nicht an seinem Anfang. Deshalb können Konservative für eine Revision klassischer und codifizierter Toleranzvorstellungen eintreten und die Akzeptanz religiöser Argumente in der Öffentlichkeit ablehnen und verbieten, die auf den Tod als Teil des Heilsgeschehens zielen, der ursprünglicher als das von Gott geschenkte Leben sei. Dieses verstößt gegen den ungeschriebenen zivilreligiösen Minimalkonsens.

Marktwirtschaft

Ist Kapitalismus identisch mit „Entdeckungsverfahren“? Märkte schickt nicht der Himmeln, sondern Menschen bilden und formen sie und nutzen sie für Handlungen. Märkte entdecken nichts, sondern schöpferische tätige Menschen machen Entdeckungen. Märkte vermitteln nur und setzen durch. Zu den Durchsetzungsinstrumenten gehört auch Macht, viel Macht häufig. Zu fast jedem Produkt gehört eine Markteinführungsstrategien, ein Plan, also Planung.

Leben und Sterben

Weil der Konservative um die Grenzen menschlicher Selbstbestimmungsfähigkeit weiß, steht er dem Streben nach unbegrenzter Selbstbestimmung kritisch gegenüber, weil es in einer endlichen Welt keine unendliche Selbstbestimmung geben kann. Für den Konservativen gehören Leben und Tod quasi als natürliche Teile Gottes Plans zusammen. Weil der Konservative auch um die Schwäche des Menschens, auch seiner religiösen Erfahrung und Standfestigkeit im Glauben weiß, um die immerwährenden Zweifel um Gottes Wirken, versteht er den menschlichen Wunsch nach der Linderung von Schmerzen ebenso, wie er um die Utopie einer Welt ohne Schmerz weiß. Deshalb ist für den Konservativen die Begleitung Sterbender ebenso wichtig wie das Gedenken an die Toten.

Bürgerlichkeit als Maßstab richtigen Handelns

Bürgerlichkeit ist der aufrechte Gang in der endlichen Welt im Wissen um die Demut vor Gottes unendlicher Größe.

Weil die Sphäre der Wirtschaft, der Gesellschaft und des Staates nicht Gott gemacht sind, können sie nur nach irdischen Gesetzen geregelt werden.

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