Archiv für die Kategorie ‘Literaturkritik’
Geknechtete Gymnasiastenherrlichkeit: “Bildungbürger” und zitierte Lyrik von Goethe
Der säkulare Nationalist und Sozialist Sarrazin (SPD) Goethe sei Dank ein Bildungsbürger?
In einem “Debattenbeitrag” auf Spiegel Online schreibt Matthias Matussek mit doch deutlich weniger Distanz als es gekonnt Frank Schirrmacher tut über den sozialistischen Volkswirt Thilo Sarrazin (laut DVA: “Fachökonom”; jahrzehntelang SPD Mitglied): “Hier auf dem Podium saß ein Bildungsbürger, der in seinem Buch immer wieder auf die glücklichen Lektüre-Erlebnisse seiner Kindheit zu sprechen kommt.”
Ein toller Verdienst der Medien? Kein “Tabu” mehr? Das Beispiel Leitkultur
Matussek vertritt die These, es habe “vor vier Wochen” noch “als Tabu” gegolten, geläufig vom Leitkultur zu sprechen, wie Sigmar Gabriel es jetzt tat. Nun hat aber Sigmar Gabriel nicht von Kultur gesprochen, sondern der SPD Bundesvorsitzende Gabriel hat lediglich die Grundrechte-Artikel unserer bundesdeutschen Verfassung, d.h. das, was Gesetzeskraft hat, was Paragraphen und Artikel sind, mustergültig.
Selbstgenügsame Kontemplation der versammelten Bildungsbürger
Auf die Frage, ob er sein Talent (zur Provokation) geerbt habe, habe Sarrazin geantwortet “Ach, Sie wissen doch, dass alles eine Mischung aus Erbe und kultureller Formung ist.” Für Matussek löst nun die stille Übereinkunft zwischen selbsternannten Bildungsbürgern die Probleme auf. Uns berichtet Teilnehmer Matussek urteilend, Sarrazin “… hatte damit die entscheidende Kampflinie seines Buches im Konversationston entschärft.” Nur bleibt die Frage, ob die Kampflinie, die die Kampfschrift von Sarrazin mit ihrem inhaltlichen Geltungsanspruch aushob, nicht nur mit einem bildungsbürgerlichen Trugreigen “entschärft”, sondern ob sie auch aufgehoben ist? Denn die eigentliche Moral der Geschichte ist die selbstgenügsame Kontemplation der versammelten selbsternannten Bildungsbürger. Der für den Text bezeichnende Passus lautet:
“Ein Publikum, das empfänglich zu sein schien für den bitteren und melancholischen Abschiedston Sarrazins, den er selber ‘Deutschland im Abendlicht’ nannte. Hier auf dem Podium saß ein Bildungsbürger, der in seinem Buch immer wieder auf die glücklichen Lektüre-Erlebnisse seiner Kindheit zu sprechen kommt. Übrigens der einzige, der in Plasbergs Sendung Goethes Spätgedicht “Wandrers Nachtlied” rezitieren konnte.”
Nun, wissen wird doch, dass es tatsächlich “Ein Gleiches” war, welches in “Deutschland schafft sich ab” (Seite 391) und bei “Plasberg” in der ARD lief. Gewiss, schon Bultmann riet Gadamer, warten Sie, irgendwann entdecken Sie Goethe. Doch wie sagt Gadamer: “Ob wir alle noch zu sehr Anfänger im Hören dieser Dichtung sind?”
Terminologie: Bildungsbürger werden die neuen Spießgesesellen
Hinter dieser trügerischen Friedlichkeit von Bildung und Bürger verschwindet die Aggression und die vernehmbare hermeneutische Gewalt, welche die betrachtete Kampfschrift von Sarrazin auf Deutschland erklärtermaßen ausübt. Sicherlich mögen Sarrazin und Matussek sozial oder vom Salär “Bildungsbürger” gesehen, sozusagen im gewöhnlichen, im allgemeinen Sinne sein oder könnten es. Weil sie jedoch gemein statt allgemein sind, vermögen beide es nicht, diesen Anspruch auf Geltung auch kulturell ausfüllen und einen kulturellen Anspruch für das Bildungsbürgertum in Deutschland normativ und politisch oder publizistisch auch mit dieser Art durchsetzen zu können mit ihrer Weise.
Denn die Frage ist doch, wer hier inkludiert ist und wen die Exklusion trifft bei der sozialen Klasse “Bildungsbürger”. Für Sarrazin hängt die Frage, wer Bildungsbürger wird, davon ab, wer mit wem schläft. Der Rückzug von der republikanischen Aktivbürgerschaft, der Beamten wie Publizisten gemein ist, schlägt das römische Erbe von Hannah Arendt zu Gunsten von Kontemplation aus. Die Frage ist, ob die dort, in der Urania in Berlin versammelte Gesellschaft von Herren nicht weit weniger eine vorzeigbare Ansammelung freier Bürger und frei gebildeter Bürger war, sondern eine von jener Namen ist, die unlautere Knechte ihrer Bildung und der dazugehörigen alten Herren und einer verwunschenen Gymnasiastenherrlichkeit sind.
Die Sache mit dem zeugenden “Fick” und und die Praxis der Vererbung. Nöte “treudeutscher” Männer am Beispiel Fall Sarrazin?
Nur weil man vielleicht mal die Fresse von Türken oder Arabern hat poliert bekommen, darf niemand ein Biologist und Rechtspopulist werden. Derneue Betroffenheitskult vom “Stamme nimm Sarrazin”, welcher private Angst und Rache, der trotz “Fit for Fun” und der quälenden Askese des Joggens und der Fitness, sich elendig fühlt, sich körperlich und kulturell den “Muskelmigranten” aus dem Morgendland und ihrem Muzzein knechtisch und kriecherisch unterlegen fühlt, da gilt, dass private Neurosen und deren Psyche sozial kein Anrecht auf öffentliche Vernunft und die Räson der res publica haben. Weder die Phantasien von Vorstadtmüttern noch ihre uferlosen Ängste bestimmen nicht die Staatspolitik der CDU. Gemeinsam Ängste steigern schadet, gemeinsam Sorge zu tragen, das hilft. Eine Steigerungsspirale führt am Ende in den Abgrund.
Attraktive “Muskelmigranten”?
Die Monströsität in der Resonanz, die Sarrazin tief im Inneren mancher erfährt, stammt wohl auch aus dem Erschaudern über die klammheimliche patricharchiale Attraktivität, aus Unterwerfung, die derer von Heidi Klum ähneln könnte, die bestimmt wie eines ihrer tollen Mädels gekichert haben muss, als ihr zukünftiger Gemahl Seal in sportiver Kleidung im Hotel begegnet sein soll. Die Macht von Statur und Gemächt, sie evoziert Strömungen im Unterbewusstsein.
Schieben die Männer nicht eigentlich alles auf die Fertilität der Frauen ab?
Wofür ist Demographie die Chiffre? Einseitig wird von Geburten und Fertilität der Frauen gesprochen! Aber wieviele Männer zeugen wieviel Söhne? Auf dem Land sind das handfeste Probleme. Schließlich muss einer den Hof erben und fortführen. Und auch die Tradition muss weitergegeben werden.
Südländer und der richtige Chic bringen es: “italiens do better”?
Haben deutsche Männer etwa Angst, es ihren Frauen nicht (mehr) so gut besorgen zu können, wie Türken und Arabern ihren Weibern? Oder ist es die Angst deutscher Männer vor den attraktiven Migrantinnen, die viel figurbetonter und viel weiblicher gekleidet sind als viele ein wenig wurstige oder aberu auch ungesund dünne Frauen ohne Kurven, die “autochthon” und “deutsch” sind? Kurven stehen über den Zahlen von Sarrazin.
Die Welt ist heterogen und hybrid: Voller Bastard! Nichts ist im “Echttest” reinrassig!
Identität und Erbgut sind stets hybrid. Keine Züchtung ist rein. Gegen den Furor der Reinheit hiflt auch die Lektüre von Philip Roth “Human Stain” (“Der menschliche Makel”) oder Gerd Koenen (u.a. “Utopie der Säuberung”).
Sarrazin ist lutherisch und anti-westlich, nicht calvinistisch und bürgerlich
Im “religionssoziologischem Schematismus” von Müller-Armack ist es der Calvinismus, der auf die “Aktivierung des Laien” setzt, auf “freies Bürgertum”, auf “privates Unternehmertum”. Und Sarrazin, er ist doch lutherisch, eben nicht “westlich” oder “Westernisierung”, denn er setzt(e) auf Verbeamtung. Die Perspektive von Sarrazin. Müller-Armack weist dem Luthertum den “Cameralismus”, die Perspektive “Staat von innen gesehen” zu, bennent “Finanzwissenschaft” und “Themen der Staatspraxis und der vergleichenden Staatenkunde” als Kennzeichen des Luthertums. Offenbar führt die Tradition dieser Spur bis zu Sarrazin.
Den Freunden der “modischen Zivilkleidung” sei gesagt, das Müller-Armack diese dem Calvinismus zuordnete. Beim Katholizismus sah er historisch “ständische Kleidung”. Während das Luthertum eben für den “Staat von innen gesehen” stünde und für “Tendenz zur Bildung individueller Weltanschauung” sowie “regt einfühlende und historische Betrachtungsweise an”, bedeute hingegegen der Calvinismus “Staat vor das Forum der Vernunft und der Bibel gestellt” statt “Staat von innen gesehen”.
Die Ernte, die Sarrazin aussät, sie ist verseucht. Gegen die Plagen, die uns nerven, hilft nicht das Programm von Selbstsabotage und kulturellem Selbstmord, welches Sarrazin als typisch deutscher Pflichtdienst am Untergang vorexerziert.
Mensch Mattussek, da schreibt man schon Bücher über den Wert des Vaters und des Mannes und dann fuhr der Sprößling auf Jay-Z ab. Hilft da der gute alte Goethe? Mehr Licht!?
Geistesblitz zum “Problemfall” Sarrazin
Kleiner Geistesblitz: Meinung ist doxa. D.h. insofern gilt dann Meinungsfreiheit! Aber wenn Volkswirt Sarrazin sagt, es sei genuin quasi Wissenschaft, d.h. nicht doxa, sondern dogma? Was dann? Welchen Geltungsanspruch erhebt Bundesbankvorstand Sarrazin? Anspruch auf Orthodoxie? Gerade auch Teile des Judentum arbeiten mit dem Funktionsprinzip Orthopraxie und nicht mit dem Prinzip Orthodoxie, welches vom Athener Grieche und Philosoph Platon in das” “Abendland” tradiert wurde.
Grenzenlos freie Gesinnungsethik oder Folgenethik mit Freiheit und Verantwortung als Grundsatz
Nur bei unschuldig spielenden Kindern sind subjektive Absichten und Intentionen als wichtigste Regel maßgeblich. Ansonsten steht durchaus eine Folgenethik und sowieso das “Prinzip Verantwortung” (Hans Jonas) gegen die freie Gesinnung, die sich unschuldig gibt und sich um die Verantwortung für ihr Begründungsprogramm ziert und drückt.
Könnte eine grenzenlos freie Gesinnungsethik oder Folgenethik ohne Freiheit und Verantwortung der maßgebliche und entscheidende Grundsatz unseres Gemeinwesens sein? Gehört sich das in der Bundesrepublik Deutschland? Darf man das tun? Darf man sagen “Das tut man nicht”? Jedenfalls zählz am Ende des Begründungsprogramm mit für jedes Urteil und die eigene Entscheidung eines jeden, wie das Buch uns seine Konsequenzen beurteilt werden.
Nicht nur die Sprache und Semantik selbst und Absicht, auch die Begründungen und das jeweilige Begründungsprogramm haben ganz entscheidende Bedeutung. Das dokumentiert der Fall Sarrazin. Sarrazin giert subtil, vom Volkswirt bei der Bundesbank zum Chefvolkswirt für das Volk der Deutschen und aller Bürger zu werden.
Hat sich Sarrazin nicht irgendwo selbst – wie es öfteres der Stereotyp vom Islamisten tun soll -, entschieden, den Pfad des Märtyrertums zu betreten?
Claus Jacobi zitiert in BILD Ludwig Feuerbach zu Jungfrauen & Büchern in der Affäre Sarrazin
Archetypisch und archaisch. Wo ist die Barbarei?
Weise & dumm, Leben & Tod: Macht das für Jacobi das Wesen von Literatur und Büchern aus? Das archetypische mag psychisch das Substrat sein, aus dem einige Medienunternehmen Profit schlagen.
Erregung der Nation
“Erstmals seit Jahren erregt wieder ein Buch die Nation”, schreibt Jacobi. Dabei passiert das ständig. Im Gedächnis bleiben die Worte Nation und “erregt”. Gleichzeitig stellt Jacobi dreist Sarrazin in eine Reihe mit “Lebensbilder”. Hier fallen Namen wie derjenige der Stefan George Anhängerin Marion Dönhof, die “liberale” preußische Adelige, Christiane Hörbinger und Gunter Sachs, aber auch Henri Nannen, der Hitler-Gegner Axel von dem Bussche und der von Willy Brandt. Das grenzt an Verrat am Konsens der Nachkriegszeit. Wichtige Volksgruppen werden so ausgeschlossen. Da hilft es nichts, Juden zu zitieren. Juden allein zu zitieren hat nichts mit jüdischer Kultur oder gar der deutsch-jüdischen Tradition zu tun.
Nation, Vaterland, Krieg
Sie stehen für die Kriegsgeneration, für Vaterland und Nation. Reiht sich Thilo Sarrazin hier ein mit seiner Spielart des “preußischen Sozialismus” (Oswald Spengler)?
Dies ist nicht der Leistungswettbewerb der Freiburger Ordoliberalen, das ist nicht der bürgerliche Widerstand gegen den Faschismus und Hitler! Das ist außerhalb des Bogens der bürgerlichen Kulturzone, zumal Willy Brandt und Sarrazin für Sozialismus stehen.
Nun zitieren Jacobi und BILD Feuerbach: “Es geht den Büchern wie den Jungfrauen, gerade die besten bleiben oft am Längsten sitzen.” Am längsten Hebel? Am längsten lesen? Am längsten liegen?
Urteil und Einschätzung ist, dass auch an dieser Textstelle bei Feuerbach sich “Jungfrau” auf eine “Einweihung” bezieht. D.h. die Bücher von Eingeweihten sind eben unverständlich. Verstanden? Wer nicht hören will, diejenigen haben zu fühlen.
“Force” (Derrida)
Werk und Wirkung: Cui bono “Deutschland schafft sich ab”?
Wofür ist genau die Wirkung der Meinung von Sarrazin der Prüfstein? Bzw., worin besteht der Skandal? Was ist schlimm daran, dass Sarrazin nicht die Wirkung hat. Wenn das Buch “Deutschland schafft sich ab” ein gutes Buch wäre, welches Wirkung sollte es dann haben? Fördert Sarrazin eine Tugend?
Der springende Punkt in der Causa Sarrazin
Der springende Punkt, dass Sarrazin temporäre Erkenntnisse der Sozialwissenschaft mit Naturwissenschaft und Historie künstlich verbindet. Nicht Sarrazin erfährt Zustimmung, sondern das, was fragmentarisch aus dem Buch abgedruckt worden war. Dies reichert die Stimmung an.
Zitat Leo Strauss 1930
„Wir müssen wirklich ganz von vorne anfangen. Wir können ganz von vorne anfangen: uns fehlen alle polemischen Affekte gegen die Tradition (haben wir doch nichts, von wo aus wir polemisch ein könnte); und zugleich ist uns die Tradition völlig entfremdet, völlig fragwürdig.“ [Hervorhebungen im Orginal]
„Wir sind noch viel tiefer unten als die Höhlenbewohner Platons.“
Die Postmoderne in Amerika in der Kritik im Werk der „menschlichem Makel“ von Philip Roth
Philip Roths Roman „Der menschliche Makel“ exemplifiziert par excellence die Schaffensmacht eines großen Dichters in seinem Streben nach Ruhm.
Roths Meisterwerk mag zugleich ein hervorragendes Beispiel dafür zu sein, wie anwendungsmächtig die gadamer’sche Hermeneutik in ihrem steten Hinweisen sein kann, es komme im Hinblick auf die Antwort bereits darauf an, welche Frage man an einen Text stellt. Roths Roman ist so reich an möglichen Bezügen, dass jeder Interpret dieses Meisterwerks vor einer außerordentlichen Herausforderung steht. Insofern neigt der dann jeweils faktisch eingenommene perspektive Ausgangspunkt dazu, jegliche Erkenntnis zu determinieren. So kommt z.B. Kinzel (2006) mit einem am Denken der Straussians geschulten Instrumentarium lediglich zu dem Instrumentarium entsprechende Ergebnissen. Kinzel scheitert daran, die selbst wiederholt festgestellte Vielstimmigkeit und Offenheit des roth’schen Spätwerkes zu verstehen, zuzugestehen und einzugestehen. Der Fülle des coeuvre von Roth wird im Zuge des Erhellens einzelner Motive insgesamt interpretatorisch Gewalt angetan.
Roth spielt in seinem Alterswerk gekonnt mit den großen Traditionen des Abendlandes zwischen Griechentum, Judentum und Christentum. Insgesamt produziert Roth dabei eine derartige Menge mögliche Bezüge und nutzt Sprache spielerisch mit einer Verve an zahlreichen Anspielungen und intertextuellen Bezügen, das eine eindeutige Interpretation unmöglich ist. Obwohl Kinzel (2006:22) die ungewöhnliche Reichhaltigkeit des jüngeren Werk von Roth ausdrücklich bemerkt, werden daraus keine Schlüsse im Hinblick auf die Methodik der Interpretation unternommen. Natürlich stellt Roth fundamentale Reflektionen über die menschliche Existenz an. Doch in seiner jüdischen und amerikanischen Perspektive kann Roth nicht auf eine fein säuberliche Scheidung nach in die Ursprungsteile des alteuropäischen Denkens festgelegt werden. Roth entpuppt sich als heterodoxer Denker genuin eigener Qualität und Originalität. Dies erscheint angemessener, da das Element des Dissidenten besser zu Tage tritt als in einer belasteten Kategorie wie „reaktionär“.
Roth greift vielmehr die Kategorie der klassischen Ästhetik selbst an, als dass er Reinheit und damit verbunden das Element der Steigerung angreift und als Utopie verwirft. Damit fordert Roth lediglich einen anderen Amerikadiskurs ein und verwirft Reinheit als regulative Idee des Fortschritts. Damit folgt Roth einem Element postmodernen Denkens. Insofern man Amerika als typisch für die Postmoderne und als Fortschritt gegenüber der klassischen Hochmoderne begrifft, folgt Roth – anders als Kinzel es oberflächlich sieht – sehr wohl einem fortschrittlichen Amerika.
Damit legt Roth gerade die vielfach für das postmodernes Denken charakteristische Intention einer Privilegierung des Heterogenen vor dem Homogenen als klassisch tragisch gegen die eigenen guten Intentionen gescheitert bloß.
Es wirkt deshalb hilflos, wenn Kinzel sehr akademisch unermüdlich vergleichbar brilliante – jedoch keinesfalls zwingend vergleichbar originelle – Denker wie Gomez Davila, Max Scheler, Camile Paglia oder Harold Bloom heranzuziehen.[1]
Hier wird vielmehr deutlich, wie gelungen sich Roth jeglichem „labeling“ meisterlich entzieht. Meine These ist vielmehr, dass Roth darauf verzichtet eine alteuropäischen Traditionsstrang zu privilegieren. Vielmehr überlässt Roth als Individualist jedem selbst sein Urteil, was auch Kinzel (2006:20) zugibt.
Hier wird vielmehr deutlich, wie gelungen sich Roth jeglichem „labeling“ meisterlich entzieht. Meine These ist vielmehr, dass Roth darauf verzichtet eine alteuropäischen Traditionsstrang zu privilegieren. Vielmehr überlässt Roth als Individualist jedem selbst sein Urteil, was auch Kinzel (2006:20) zugibt. Roth schließt sich nämlich durchaus einer Richtung an, die den Diskurs der Postmoderne goutiert. Mit der von Kinzel korrekt benannten Polyphonie weißt Roth ein typisches Merkmal des postmodernen Erzählens auf (hier einschlägig: Peter V. Zima 1997).
Das Vorgehen von Kinzel erscheint müßig, insofern Roths bekanntermaßen umfangreiche Bezüge zur menschlichen Sexualität als Merkmal des Spätwerkes heraus gestellt werden. Sie sind ein generelles Merkmal des Gesamtwerkes.
Hier verbindet sich lediglich die im Vergleich zur christlichen jüdische Unaufgeregtheit bezüglich der Sexualität mit allgemeiner jüdischer Aufgeregtheit und griechischer Darstellungsfreude. Gerade in der Darstellung enterotisiert und entsexualisiert das vermeintlich Obszöne.
Es bleibt Geschmackssache, ob man die für einen Schriftsteller von der Güte Roths typische Ausdruckskraft zum Ausgangspunkt einer Interpretation macht, die aus seiner Respektlosigkeit eine Boshaftigkeit macht. Roth wendet sich lediglich gegen eine angebliche progressive emanzipatorische „Politisierung der Lust“ (Dagmar Herzog). Geradezu anstrengend bemüht wie hilflos wirkt die beständige Intention Kinzels, Roth zwanghaft auf das Einordnungen in die Tradition eines Überlieferungszusammenhages mit Nietzsche festzulegen. Damit ist mehr einer potentiellen Aufwertung Nietzsches gedient, der nun ohnehin als populärer Quellen zur Anregung bekannt ist, als dass das spezifisch eigene von Roth deutlich wird. Nebenbei attackiert Roth die Glaubensgrundsätze der amerikanischen „kulturellen Linken“ (Rorty) und ihrer Vernarrtheit in Identitätspolitik.
Nicht nur entpuppt sich der Kommunismus als „Utopie der Säuberung“ (Gerd Koenen) oder lässt sich der Holocaust als ein Unternehmen zur industriellen Reinigung des Volkskörpers verstehen, wie es sich im Stellenwert des Gedanken der Homogenität bei Carl Schmitt entpuppt, sondern auch Amerika wird als ein Ort der Säuberungstendenzen wiederholt von Schuld heimgesucht.
Eine reinigende und säubernde Putzfrau in einem protypischen Elitecollege an der amerikanischen Ostküste namens „Athena“ erweist sich als diejenige, die dem gealterten Professor als geneigte „Sophia“ ohne Kinder bzw. als eine Diotima bzw. eine Art „Animagestalt“ (Jung) auch dem Leser das großes Glück und Erkenntnis bringt. Die Wahrheit liegt also im Dreck, in der untersten denkbaren Hierarchie der akademischen Welt. Will Roth suggerieren, die amerikanischen Studenten wären eigentlich sowas wie Reinigungskräfte, die immer noch vom Land kommen? Ihr gegenüber stellt er die Figur der virtuosen postmodernen Feministin aus Frankreich, die an sich selbst verzweifelt und frustriert in ihrem Begehren ist, das sozial hochnormiert ist, weil es “rein” und “sauber” sein muss. Sie vermag es nicht, sich von den Lasten ihrer Herkunft zu lösen und den Auftrag, eine reife Identität zu entwickeln, zu erfüllen.
Darin liegt gerade die Ironie der postmodernen Besessenheit von Kultur und Identität: Sie stellt im Gefolge Heideggers den Ursprung, d.h. die Vergangenheit und das Erbe, über die kommende Zukunft, welche zudem noch gegenüber einem Jenseits abgwertet wird. Somit hält sich der Menschen darin wie in der Höhle Platons gefangen. Währendessen führt Roth mehrfach das Scheitern wesentlichen “postmodernen” Denkens in der Praxis vor, da es sich selbst gegen seine Intentionen widerlegt.
Amerika als Utopie einer geradezu neuen Geburt oder Wiedergeburt des „eigentlichen“ Menschen? So ähnlich wie Hannah Arendt es mit ihren Reflektionen über die Natalität des Menschen entwirft, so entwickelt Roth eine merkwürdige Vernarrtheit gegenüber der Vergangenheit. Wo ist das „Goldenes Zeitalter“, dessen Wert in Deutschland Helmut Plessner so sehr betonte? Wie definiert sich Amerikan bzw. was machen die offiziellen Definitionen und deren tragende Mythen aus Amerika?
[1] Für Kinzel entzieht sich augenscheinlich die Ästhetik der Politik. Da jedoch die Politisierung von Ästhetik und Kultur der Hauptzug der Postmoderne darstellt, die zugleich die politische Qualität von Ästhetik und Kultur verneint, entgeht Kinzel in seiner Nähe zum traditionellen ästhetischen Aristokratismus, der Nähe zum entchristlichten Katholizismus „georgischer Prägung“ aufweist, die Problemstellung bei Roth. Kinzel insistiert sehr alteuropäisch auf der Privilegierung zwischen Leben und Kunst, die Susan Sonntag, welche u.a. bei Leo Strauss studierte, wirkungsvoll kritisierte.

