Archiv für die Kategorie ‘Amerikanistik’
Richard Ford zu 9-11: Viele Afghanen wissen gar nicht, was Bilder von WTC Einschlag bedeuten
Der amerikanische Schrifsteller Richard Ford: “Neun von zehn der afghanischen Kämpfer hatten jedoch weder eine irdische Vorstellung von 9/11 noch die leiseste Ahnung, was diese Fotos zeigen. (Sollten sie es nicht wissen?)”
Wiederausgabe (17.7.): Disney Girl Miley Cyrus und der Weg von Lady Gaga
Erstens
Sex-Symbol? – Was ist das für Amerikaner? Wen interessiert überhaupt Sex, wenn es doch eigentlich um Schönheit gehen sollte?
Die klassische These lautet: Viele Amerikaner (und nicht nur die) verwechseln notorisch Reinheit mit Schönheit. Paradebeispiel dafür ist Heidi Klum, total langweilig (und schulmeisterlich).
Bei gegebener Reinheit schauen sich sogar puritanische Amis dann Dessousshows aan, die mit Engelselementen garniert werden. Schon Marylin Monroe war blond und trug weiß. Es ging jedoch weniger um Sex geht es als vielmehr um ein langweilges Spiel mit Reinheit und Unschuld seinerzeit. In der Gegenwart führte Britney Spears dieses Stück vor. Von Erotik oder Sinnlichkeit ist das alles Meilenweit weg. Die Musik verbleibt auf dem Niveau einer Kindersendung.
Zweitens
Tiergestalt und Animalität – schon interessanter, aber keineswegs positiv. Was sollen diese riesigen schwarzen Flügel an den Armen bitte? Ein gefährliches Tier anstelle eines heilen Engels? Was für archetypischen Projektionen sollen hier angeregt werden, um mehr aus diesem einst braven Babyface zu machen? Ist ein Kind gefährlich? Was für Wesen sind Kinder?
Drittens
Atlantic spricht davon, dass „Wired is the new sexy“ sei. Gemeint ist wohl Konfusion. Und Zerstörung, wie man bei Lady Gaga sieht. Es spiegelt irgendwo einen Zustand Amerikas wieder: Konfusion und Gefangensein, Zerstörung und Selbstzerstörung. Wo ist die Sehnsucht nach Befreiung? Steht dafür z.B. mehr Ron Paul oder aber die wilde, transformierte, sogar tumultartige “Tea Party” Bewegung ein? Auch wird klar wie bei Gaga zuletzt etwas vom Heterogenem ins Spiel gebracht, d.h. von der „unreinen Seite des Sakralen“. Haben die im Seminar brav „French Theory“ und George Bataille gelesen?
Viertens
Emanzipation: „Disney stars are tired of being puppets“, wohl kaum, es bleibt Kulturindustrie und Recyling von Abfall, also immer nur gleiches in Wiederholung. Eine Frau ist heute schon „emanzipiert“, wenn sie etwas Weiblichkeit – vorzugsweise körperlich – zeigt bzw. anbietet, dem Voyeurismus feilbietet? Statt wohin ist man nur von was emanzipiert, so dass das Altern schon reicht. Wo ist da insgesamt eigentlich die Kunst und das Werk am Kunstwerk oder die Künstlerin? Es ist halt nur Musik für das Volkstum, also Pop. Statt frivol, wie Atlantic meint, ist das ganze im Grunde einfach nur eine obzsöne Angelegenheit, weil es in seinen Implikationen reichlich widerlich und widerwärtig vor Armut und Elend ist.
Dieser Text erschien am 17.7.2010 in ähnlicher Ausgestaltung in diesem Blog und zuvor im sozialen Netzwerk Facebook. Der Suhrkamp Autor Tobias Rapp fragt zu den “Guttenbergs” im SPIEGEL: “Komm zu mir, Baby, wir sind anders”. Sind wir anders? Wie ist die moderne bürgerliche Christdemokratie? Wo ist der Unterschied zwischen sozialistischer Kulturkritik in der Maske des Bildungsbürger (Sarrazin) und womöglich präbürgerlicher Kunstkritik des Adels als einstigem Machträger? Neben der Kategorie “Geschichtsbewusstsein” ist die Kategorie “Klassenbewusstsein” zu reintegrieren.
Kritik vermeintlich heiler Texte als Zeichen vs. heilige Bücher als echte Symbole: Wider Lust an religiöser Raserei
“Heiligen” Text kritisieren ist das eine. Ein ganzes Buch ist aber ein Symbol. Und was andere Menschen für heilig erachten, da ist Zurückhalthung, Ehrfurcht (reverence), Distanz angesagt.
Und sonst ergibt sich religiöse Raserei bei Betroffenen (“Betroffenheitskult”).
Die bewusste Schändung eines Symbols tangiert die Religionsfreiheit. Etwas anderes ist die Kunstfreiheit. Aber Meinungsfreiheit und Pressefreiheit sind andere Güter. Sie können nach Artikel 18 GG verwirkt werden.
Kritik vermeintlich heiler TEXTE als ZEICHEN vs. heilige BÜCHER als echte SYMBOLE: Wider Lust an religiöser RASEREI
Sakrale Symbole schäden ist etwas anderes, als den Inhalt und den Text einer großen Religion zu kritisieren und anzugreifen.
Verstehen “Heidegger’s Hippies” in Kalifornien eigentlich was sie reden?
“The human addiction to myth is dangerously incompatible with its technological sophistication – as usual.”
Die formative Phase der 60er steht unter dem Einfluss der Rezeption von Heidegger an der Westküste der USA. Aus dem maßgeblichen Einfluss von Heidegger auf Sartre und Simone de Beauvoir und den französischen Existenzialismus, aber auch wichtige jüdische Exilianten, erwuchs die für die USA nicht zu ignorierende Bedeutung von Heidegger, die einen besonderen Einfluss in der “Counterculture” entfaltete.
Link Text “Heideggers’s Hippies” (1999), ein Konferenzbeitrag von einem australischen Dozenten, zur “Information Society” und Heidegger. Der sozialistische oder linke Autor kritisiert die Denke und Singsang vom “Third Way”.
Ein Zitat zum Punkt Interessen:
“Some will tell you they were in Paris or Berkeley or Chicago in ’68, just to show you how credible and revolutionary they really are, and to show you, via their sophisticated subtext, how pointless revolution is, how all interests can be reconciled by ‘conciliatory processes’ or ‘healthy dialogue’.”
Für die deutsche Soziale Marktwirtschaft von Alfred Müller-Armack war das Prinzip des Ausgleichs konstitutiv. Philosophisch profiliert hattes es Max Scheler. Eine “materielle Wertethik” leitete die Gedankenführung. Den “Dritten Weg”, den man in Frankreich und Deutschland in der Zwischenkriegszeit und nach dem Krieg suchte, hat nichts mit dem Mythos von “Third Way” gemeinsam, den Giddens für Tony Blair proklamierte.
Zitat Leo Strauss 1930
„Wir müssen wirklich ganz von vorne anfangen. Wir können ganz von vorne anfangen: uns fehlen alle polemischen Affekte gegen die Tradition (haben wir doch nichts, von wo aus wir polemisch ein könnte); und zugleich ist uns die Tradition völlig entfremdet, völlig fragwürdig.“ [Hervorhebungen im Orginal]
„Wir sind noch viel tiefer unten als die Höhlenbewohner Platons.“
Die Postmoderne in Amerika in der Kritik im Werk der „menschlichem Makel“ von Philip Roth
Philip Roths Roman „Der menschliche Makel“ exemplifiziert par excellence die Schaffensmacht eines großen Dichters in seinem Streben nach Ruhm.
Roths Meisterwerk mag zugleich ein hervorragendes Beispiel dafür zu sein, wie anwendungsmächtig die gadamer’sche Hermeneutik in ihrem steten Hinweisen sein kann, es komme im Hinblick auf die Antwort bereits darauf an, welche Frage man an einen Text stellt. Roths Roman ist so reich an möglichen Bezügen, dass jeder Interpret dieses Meisterwerks vor einer außerordentlichen Herausforderung steht. Insofern neigt der dann jeweils faktisch eingenommene perspektive Ausgangspunkt dazu, jegliche Erkenntnis zu determinieren. So kommt z.B. Kinzel (2006) mit einem am Denken der Straussians geschulten Instrumentarium lediglich zu dem Instrumentarium entsprechende Ergebnissen. Kinzel scheitert daran, die selbst wiederholt festgestellte Vielstimmigkeit und Offenheit des roth’schen Spätwerkes zu verstehen, zuzugestehen und einzugestehen. Der Fülle des coeuvre von Roth wird im Zuge des Erhellens einzelner Motive insgesamt interpretatorisch Gewalt angetan.
Roth spielt in seinem Alterswerk gekonnt mit den großen Traditionen des Abendlandes zwischen Griechentum, Judentum und Christentum. Insgesamt produziert Roth dabei eine derartige Menge mögliche Bezüge und nutzt Sprache spielerisch mit einer Verve an zahlreichen Anspielungen und intertextuellen Bezügen, das eine eindeutige Interpretation unmöglich ist. Obwohl Kinzel (2006:22) die ungewöhnliche Reichhaltigkeit des jüngeren Werk von Roth ausdrücklich bemerkt, werden daraus keine Schlüsse im Hinblick auf die Methodik der Interpretation unternommen. Natürlich stellt Roth fundamentale Reflektionen über die menschliche Existenz an. Doch in seiner jüdischen und amerikanischen Perspektive kann Roth nicht auf eine fein säuberliche Scheidung nach in die Ursprungsteile des alteuropäischen Denkens festgelegt werden. Roth entpuppt sich als heterodoxer Denker genuin eigener Qualität und Originalität. Dies erscheint angemessener, da das Element des Dissidenten besser zu Tage tritt als in einer belasteten Kategorie wie „reaktionär“.
Roth greift vielmehr die Kategorie der klassischen Ästhetik selbst an, als dass er Reinheit und damit verbunden das Element der Steigerung angreift und als Utopie verwirft. Damit fordert Roth lediglich einen anderen Amerikadiskurs ein und verwirft Reinheit als regulative Idee des Fortschritts. Damit folgt Roth einem Element postmodernen Denkens. Insofern man Amerika als typisch für die Postmoderne und als Fortschritt gegenüber der klassischen Hochmoderne begrifft, folgt Roth – anders als Kinzel es oberflächlich sieht – sehr wohl einem fortschrittlichen Amerika.
Damit legt Roth gerade die vielfach für das postmodernes Denken charakteristische Intention einer Privilegierung des Heterogenen vor dem Homogenen als klassisch tragisch gegen die eigenen guten Intentionen gescheitert bloß.
Es wirkt deshalb hilflos, wenn Kinzel sehr akademisch unermüdlich vergleichbar brilliante – jedoch keinesfalls zwingend vergleichbar originelle – Denker wie Gomez Davila, Max Scheler, Camile Paglia oder Harold Bloom heranzuziehen.[1]
Hier wird vielmehr deutlich, wie gelungen sich Roth jeglichem „labeling“ meisterlich entzieht. Meine These ist vielmehr, dass Roth darauf verzichtet eine alteuropäischen Traditionsstrang zu privilegieren. Vielmehr überlässt Roth als Individualist jedem selbst sein Urteil, was auch Kinzel (2006:20) zugibt.
Hier wird vielmehr deutlich, wie gelungen sich Roth jeglichem „labeling“ meisterlich entzieht. Meine These ist vielmehr, dass Roth darauf verzichtet eine alteuropäischen Traditionsstrang zu privilegieren. Vielmehr überlässt Roth als Individualist jedem selbst sein Urteil, was auch Kinzel (2006:20) zugibt. Roth schließt sich nämlich durchaus einer Richtung an, die den Diskurs der Postmoderne goutiert. Mit der von Kinzel korrekt benannten Polyphonie weißt Roth ein typisches Merkmal des postmodernen Erzählens auf (hier einschlägig: Peter V. Zima 1997).
Das Vorgehen von Kinzel erscheint müßig, insofern Roths bekanntermaßen umfangreiche Bezüge zur menschlichen Sexualität als Merkmal des Spätwerkes heraus gestellt werden. Sie sind ein generelles Merkmal des Gesamtwerkes.
Hier verbindet sich lediglich die im Vergleich zur christlichen jüdische Unaufgeregtheit bezüglich der Sexualität mit allgemeiner jüdischer Aufgeregtheit und griechischer Darstellungsfreude. Gerade in der Darstellung enterotisiert und entsexualisiert das vermeintlich Obszöne.
Es bleibt Geschmackssache, ob man die für einen Schriftsteller von der Güte Roths typische Ausdruckskraft zum Ausgangspunkt einer Interpretation macht, die aus seiner Respektlosigkeit eine Boshaftigkeit macht. Roth wendet sich lediglich gegen eine angebliche progressive emanzipatorische „Politisierung der Lust“ (Dagmar Herzog). Geradezu anstrengend bemüht wie hilflos wirkt die beständige Intention Kinzels, Roth zwanghaft auf das Einordnungen in die Tradition eines Überlieferungszusammenhages mit Nietzsche festzulegen. Damit ist mehr einer potentiellen Aufwertung Nietzsches gedient, der nun ohnehin als populärer Quellen zur Anregung bekannt ist, als dass das spezifisch eigene von Roth deutlich wird. Nebenbei attackiert Roth die Glaubensgrundsätze der amerikanischen „kulturellen Linken“ (Rorty) und ihrer Vernarrtheit in Identitätspolitik.
Nicht nur entpuppt sich der Kommunismus als „Utopie der Säuberung“ (Gerd Koenen) oder lässt sich der Holocaust als ein Unternehmen zur industriellen Reinigung des Volkskörpers verstehen, wie es sich im Stellenwert des Gedanken der Homogenität bei Carl Schmitt entpuppt, sondern auch Amerika wird als ein Ort der Säuberungstendenzen wiederholt von Schuld heimgesucht.
Eine reinigende und säubernde Putzfrau in einem protypischen Elitecollege an der amerikanischen Ostküste namens „Athena“ erweist sich als diejenige, die dem gealterten Professor als geneigte „Sophia“ ohne Kinder bzw. als eine Diotima bzw. eine Art „Animagestalt“ (Jung) auch dem Leser das großes Glück und Erkenntnis bringt. Die Wahrheit liegt also im Dreck, in der untersten denkbaren Hierarchie der akademischen Welt. Will Roth suggerieren, die amerikanischen Studenten wären eigentlich sowas wie Reinigungskräfte, die immer noch vom Land kommen? Ihr gegenüber stellt er die Figur der virtuosen postmodernen Feministin aus Frankreich, die an sich selbst verzweifelt und frustriert in ihrem Begehren ist, das sozial hochnormiert ist, weil es “rein” und “sauber” sein muss. Sie vermag es nicht, sich von den Lasten ihrer Herkunft zu lösen und den Auftrag, eine reife Identität zu entwickeln, zu erfüllen.
Darin liegt gerade die Ironie der postmodernen Besessenheit von Kultur und Identität: Sie stellt im Gefolge Heideggers den Ursprung, d.h. die Vergangenheit und das Erbe, über die kommende Zukunft, welche zudem noch gegenüber einem Jenseits abgwertet wird. Somit hält sich der Menschen darin wie in der Höhle Platons gefangen. Währendessen führt Roth mehrfach das Scheitern wesentlichen “postmodernen” Denkens in der Praxis vor, da es sich selbst gegen seine Intentionen widerlegt.
Amerika als Utopie einer geradezu neuen Geburt oder Wiedergeburt des „eigentlichen“ Menschen? So ähnlich wie Hannah Arendt es mit ihren Reflektionen über die Natalität des Menschen entwirft, so entwickelt Roth eine merkwürdige Vernarrtheit gegenüber der Vergangenheit. Wo ist das „Goldenes Zeitalter“, dessen Wert in Deutschland Helmut Plessner so sehr betonte? Wie definiert sich Amerikan bzw. was machen die offiziellen Definitionen und deren tragende Mythen aus Amerika?
[1] Für Kinzel entzieht sich augenscheinlich die Ästhetik der Politik. Da jedoch die Politisierung von Ästhetik und Kultur der Hauptzug der Postmoderne darstellt, die zugleich die politische Qualität von Ästhetik und Kultur verneint, entgeht Kinzel in seiner Nähe zum traditionellen ästhetischen Aristokratismus, der Nähe zum entchristlichten Katholizismus „georgischer Prägung“ aufweist, die Problemstellung bei Roth. Kinzel insistiert sehr alteuropäisch auf der Privilegierung zwischen Leben und Kunst, die Susan Sonntag, welche u.a. bei Leo Strauss studierte, wirkungsvoll kritisierte.

