Archiv für die Kategorie ‘Bologna – Prozess “Bolognaganda”’
Welttag der Philosophie: Alte wie neue deutsche Bildungsseligkeit
Dieser umsich greifende neue deutsche Bildungsidealismus leugnet die Differenz von Philosoph und Nicht-Philosoph. Urplötzlich scheint wieder eine Art von Neuhumanismus herauszubrechen. Weder Bildungsidealismus, Sozialidealismus noch Neuhumanismus sind in der deutschen Geschichte unbekannt. Was aber meint diese Sehnsucht?
Geht es den Protagonisten nicht eigentlich um eine fehlende Sittlichkeit? Georg Bollenbeck stellte fest: “Der Blick auf die semantische Lage um 1800 zeigt, dass sich Bildung und Kultur gegenüber Erziehung und Aufklärung durchsetzen.” Vergisst das eifrige Plädoyer für Bildung somit nicht auch heute Aufklärung und Erziehung? Ist Aufklärung nicht die Voraussetzung für soziale und kulturelle Integration? Weitschweifig über die segensreiche Bildung zu sprechen ist heute weit mehr en vogue als über Erziehung zu sprechen. Erziehung ist mühsam. Erziehung geht mi dem Risiko der Ablehnung durch das Liebesobjekt einher.
Trick 17?
Schon früh in meiner akademischen Laufbahn war auf besondere Weise der Terrorismus Thema. Nämlich im Kreis von Professor Eckhard Jesse (TU Chemnitz) und seiner Doktoranden, zu dem ich eingeladen wurde. Hier referierte Gerd Koenen, wurde an Ulrike Meinhof geforscht. Mit das größte Hindernis für Laufbahn stellt sich nicht erst heute “Bologna” da. Denn der Diplom muss sterben, damit die Universität leben kann? Was führt Bologna wirklich herbei:
“Ich hab’s: Der eigentliche Sinn der Bologna-Reform ist, dass sich durch die stärkere Regulierung im Umkreis der Universität nicht wieder wie in den 70er ein linksalternatives Milieu rekrutieren kann, aus dem sich Terrorismus speist. War Zukunftsminister Rüttgers 1997 bei der Unterzeichnung doch auf dem richtigen Weg.”
Wie gewonnen, so zerronnen? Islamisten treten an die Stelle der “neuen Linken” als Rekrutierungsraum.
Ist “Hartz-IV” etwa so geil und Fülle pur wie EINST das Studentenleben? Ohne Schulabschluss ist so gut wie Abitur und bald “Besserverdiender” zu sein?
Studenten: Ohja, die sind aber jung und knackig, nicht behindert oder chronisch krank. Dieser lebensfremde Vergleich wird gern gebracht, z.B. einmal vom Philosophieprofessor Ottfried Höffe (Tübingen) im FAZ Feuilleton. Nur haben Studenten meist wegen ihres Alters noch gute Gesundheit, noch Eltern, wohnen nur wenige Jahre in kleinen Wohnungen, sind meistens unterwegs, da sie Uniticket haben. Na einigen Jahren gehören Studenten zur Mittel- oder Oberschicht. Daher ist das alles nicht vergleichbar. Wer ein Kind mit ALG 2 erzieht, wer behindert ist, wer schwer krank ist, der lebt jahrelang von Stütze, ohne Hoffnung oft und nicht in der Mitte, sozial integriert mit Arbeit und Uni, wie bei Studenten. Und Studenten bekommen Kindergeld, günstige Krankenversicherung, günstiges Essen in der Mensa. Dazu erhalten Studenten preiswert hochwertige Bildungsleistungen, die sich mit ihrem Bildungsabschluss sich verdient haben. Weil einige Geister auch das kaum aushalten, wollen sie den Studenten noch Studiengebühren reindrücken aus Gründen der Volkspädagogik, so ab 80€ im Monat. Das kenn sich in der unteren Mittelschicht und in kaputten Familien niemand locker leisten. Aber kein Problem das zu fordern, wenn man seit Generationen stets zum obersten Fünftel der Gesellschaft gehörte.
Aus dem Archiv eine alte Gedankenskizze (März 2006)- Das Zeitalter der Post_Pop_Politik beginnt: Ein Märchen von Tausend und einer Macht.
Ein Text von mir aus dem Semesterferien bzw. “vorlesungsfreien Zeit”. Damals, als es Twitter, Facebook und Social Media oder Web 2.0 noch gar nicht gab. Aber Google, Myspace, Ebay und Wikipedia waren da. Aber Informationsgesellschaft gibt es seit den 80ern und Multimedia seit den 90ern. Kennt jemand eigentlich noch uTok oder Geocities? Und wo ist meine alte sechsstellige ICQ Nummer hin?
Entstanden ist er damals im Kontext der Mailingliste des “Arbeitskreis Demokratie” (AKD) der Stipendiaten der Friedrich Naumann Stiftung. Übrigens war ich als geborener Hannoveraner oft auf der CeBit.
Der Liberalismus ist tot!
Es lebe der der Liberalismus: Die Re-Evolution der Bürgergesellschaft
Nicht geringe Teile der en vouge zum Zeitgeist gerne als träge und fett dargestellten neuen Unterschichten sind längst weiter als manchem derjenigen Zeitdiagnostiker, die ihnen diese Attribute zuschreiben. Diese lassen sich gern von Assistenten und Praktikanten bequem zuarbeiten, sofern sie nicht einfach nur etwas von jemand anderes Erarbeitetes geschickt vermarkten.
Diese Teile der „Unterschichten“ sind voll mobil und flexibel. Sie arbeiten und organisieren mit Ebay, nutzen Chats und Handy im Alltag geschäftlich und privat. Sie sind Ich-AGs und Scheinselbstständige oder – etwas arrivierter – fast eine eigene Art freigesetzter Konsulats.
Und alle wollen die Gegenwart als niemals Endende Zukunft a la „Und täglich grüßt das Murmeltier“ leben?
Wertvoll ist was knapp ist. Wertvoll ist Sicherheit und das ist oftmals das „kleine“ harmonische Glück mit Familie und Kindern. Dreams of sweet Suburbia in everywheret. Wertvoll ist Beständigkeit und Planbarkeit. Es besteht Sehnsucht nach Kontrolle des eigenen Lebens, nachdem Konzepte der relativen Autonomiesteigerung durch innere Selbstkontrolle zur Effizienzsteigerung keinen genügenden Output gebracht hat. Von der Selbstkontrolle führt jeder Weg zur Selbstbestimmung und von dort zur gemeinsamen Mitbestimmung in der Republik.
Noch sind weite Teile der Mittelschichten ruhig und orientierungslos, aber die neue Praxis hat auch bei ihnen schon längst begonnen: Und zwar nicht nur bei den 25-45jährigen, die Kern des neuen Projekts sind.
Wer mit dem Lebenskonzept, eine Weile zu powern, um dann einen Gang zurückzuschalten, früher oder später scheitert, um sich dem eigentlichen Leben zu widmen, wird bald sehen, spüren und erfahren, dass er dies mit Kooperation und Politik auch sofort haben kann und zwar ganz ohne Leasing und Ratenkredit.
Die Partizipationsbereitschaft ist größer denn je. Alle spüren die tektonischen Veränderungen der letzten 10 Jahre. Nur weiß noch keiner, wie es geändert werden soll, aber alle spüren den Drang nach Veränderung. Die junge Generation ist durch zahlreiche Praktika so organisationsfähig wie noch keine Generation auf Erden vor ihr.
Kein Mensch braucht wirklich mehr Massenmedien. Von jedem Chat, jedem Online Computerspiel, jeder Flirtbörse, jeder Tauschbörse, von jedem Trash des Internets bis zur Partizipation ist es nur ein Klick. Anno 68 musste noch lange diskutiert werden, nachdem zuvor schwer verständliche Texte und Pamphlete beackert werden musste. Heute gibt’s PDFs und Wikis für Alle. Nur ein Klick. Das ist der Song der Veränderung. Eben nicht nur ein Klick bis zur neuen Liebe fürs Leben, sondern auch ein Klick bis zur Politik, die das ganze Leben verändern kann.
Nie waren die Transaktionskosten für eine revolutionäre Bewegung geringer. Es gibt mehr vom Leben für die Mehrheit im Supermarkt der Politik – und zwar zum Schnäppchenpreis.
Die Kirchen werden gerade wegen des Glaubens keinen definitiven “Halt” bieten können gegen Veränderungen. Religion war nie nur „Opiums für Volk“, sondern seit der Neuzeit waren Christentum und Judentum vielmehr ein stetiger Motor von Demokratie, Menschenwürde und Gerechtigkeit.
Weder kann der Katholizismus seinem Versprechen von Liebe und Gerechtigkeit ausweichen noch kann er glaubhaft eine sündige Ökonomie globaler Konzerne verteidigen, die mit ihrer Produktwerbung ein tendenzielles Sodom- und Gomorra veranstaltet, was in den USA zu tiefen kulturellen Auseinandersetzungen führt.
Zwar brauchen die Führer der Fundamentalisten die sichtbare Präsenz der Sünder als Daseinsrechtfertigung im manichäischen Kämpf von Gut gegen Böse, sprich die mediale Präsenz von “Erotik”, Homosexualität, Evolutionstheoretikern, korrupten Eliten in Politik und Wirtschaft und dergleichen. Aber sie müssen schon viel Phantasie haben, ihren Anhängern zu immer wieder aufs neue zu verkaufen, weshalb sich nichts geändert hat. Der stetige Kampf darum, ob das Glück mehr im Diesseits oder im Jenseits, in den Normen der Menschen oder denen der Götter liegt, treibt in der zivilen Demokratie die Innovation von Partizipation und Mobilisation von Menschen an. Als Ergebnis entsteht das neue doppelseitige Schwert eines neuen Scherbengerichtes.
Auch die stetige Zerstörung der Schöpfung durch Konzerne oder ihre Subunternehmer, die nur durch das schwankende Niveau der Wahrnehmungsschwelle der „bürgerlichen Öffentlichkeit“ gemindert wird. Gerade der Protestantismus hat mit dem sämtliche Hierarchien umwälzenden Anspruch des „Priestertums aller Gläubigen“ mehr als andere die bürgerliche Demokratie beflügelt. Alle “Kinder” bzw. menschlichen Geschöpft Gottes sind gleich geschöpft. Da helfen auch weder neoelitäre Erwähltheitsvorstellungen von Erweckungsbewegungen nicht gegen noch teilweise „popreligiös“ anmutende Megagottesdienste in den USA nicht gegen. Mit dem Zeitalter des „Wiki“ wird sich Luthers Streben nach der Demokratisierung religiöser Wahrheiten in den Staaten des Westens letztgültig durchsetzen.
Der neue „Bauernkrieg“ könnte mit jedem Krähen des Hahnes beginnen.
Für die Re-Evolution der Bürgergesellschaft müssen Werber kündigen und sich einem via Pay-Pal ins Leben gerufenen Reformbewegung anzuschließen. Und schon kann das Storytelling und Branding zur Re-Evolution beginnen, können Kampagnen organisiert werden und zwar ganz ohne Parteien, Verbände und Wirtschaftsindustrien.
Das geht nicht nur in Serbien oder der Ukraine. Die Bürgergesellschaft ist unkontrollierbar. Nie war das Herrschaftswissen der Eliten geringer. Nie war die Potential zur Partizipation größer, nie war mehr Zeit da. Vernetzte Senioren könnten eine Spitze einer solchen Bewegung sein.
Nach Googels Sündenfall in China glaub keiner mehr, dass ein auf Finanzmärkten- und Konzernen basierender Kapitalismus analog zur marxistischen Geschichtsauffassung gleichsam einem Gesetz die Demokratie verbreitet. Außerdem war schon das Deutsche Kaiserreich der Beweis für einen undemokratischen und kapitalistischen Rechtsstaat.
Warum sollen sich etwa die mittleren Angestellten großer Unternehmen und hochqualifizierte Facharbeiter es noch lange gefallen lassen, wenn sich ihre Chefs völlig losgelöst von irdischen Maßstäben ihre Gehälter selbst erhöhen? Weshalb sollte es dauerhafte Praxis bleiben, dass Investment Banker für ihre Bildschirmarbeit unendlich viel mehr verdienen als ein normaler Angestellter? Weshalb sollten die Mittelschichten akzeptieren, dass die Bildungschancen ihrer Kinder durch für sie unbezahlbare, ebenso exklusive wie pseudo-elitäre Bildungszertifikate gegen Geld geradezu manipuliert werden? Es ist für sie viel attraktiver auf politischem Wege Ihren Kindern gerechte Chancen und eine Grundsicherung als Start ins eigene Leben mitzugeben.
Das Parteienmodell mit Wahlkreisen und lokaler Verwurzelung ist am Limit für die Ebene der Bundespolitik. Es ist im beschleunigten Internetzeitalter nicht ohneweiters mehr umstandslos zu gebrauchen. Seine Kehrseite, die Massenmediale Vermittelung von Politik ist ebenfalls. Nationale Politik braucht nationale Öffentlichkeiten statt lokale Abgeordnete, die nur wenige kennen.
Das Zeitalter der „Sabine Christiansen“ Politik war nur „Pop-Politik“. Statt diskursstiftend zu wirken, hat sie trivialisierend gewirkt. Lauter unergiebige Diskurse hat sind musengleich ins Land geträllert worden. Pop beginnt zu nerven, wenn wieder authentische Unterhaltung gefragt ist. Wenn die Eliten mit Pop identifiziert werden und nur noch Pop von sich gehen, kann der Populus selbst die Leitung der Show in die Hand nehmen.
Traurige Minnelieder vom kinderlosen Poppen will keiner mehr hören. Der Politpop als Form eines Neo-Agitprop wird gestoppt. Auf die Tragödie des Politpops muss zwingend die reinigende Katharsis folgen.
Auf dem Weg zur digitalen „Instant-Demokratie“? „Volonte general digitale“? Oder der Marsch in eine digitale Räterepublik?
Die Repräsentation wird digital und flexibel. Er wurden es die Formen der Arbeit und am Ende werden es auch die Formen der Politik.
Eine Generation, die Myspace, digitale Bewerbungen, ständige Evaluation und Orientierung an Ebay und anderen Profilen gewohnt ist, braucht auch keine stationären Repräsentanten im Parlament, die er nur alle vier Jahre „bestimmen“ darf.
Parlamentsmehrheiten können dann fast jeden Tag kippen bzw. jede Abstimmungsrunde kippen. Alle paar Woche wird abgestimmt. Dazwischen wird diskutiert und „delabierert“. Statt Christiansen am Sonntag gibt es aufbereitete, grafisch strukturierte Präsentationen von Argumenten zum Download, Archivierte Video- und Audiostreams von Diskussionen aus allen Regionen direkt für den Mp3-Player oder das Handy.
Wir werden es Erleben. Auf leisen Sohlen oder mit einem großen Knall. Eines Morgens wird es das sein. Mit jedem Aufwachen kann es irgendwo begonnen haben. Einige Nächte sind es vielleicht noch, aber kein Märchen aus „Tausend und einer Nacht“. Auch wenn schon „Tausend und eine Nacht“ nichts passiert ist, kommt eines Morgens das Erwachen aus dem Dornröschenschlaf: Tausend und eine Macht! Nach der Pop_Politik kommt die populäre Politik, die neue Selbstregierung durch das Volk, den Populus.

