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“Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein”
Wer sich des biblischen “Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein” bedient, sollte mit bedenken, dass damals echt gesteinigt wurde. Außerdem bezug Jesus dies auf Ehebruch und einen Mob.
“Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein” kann nicht in der Form ausgelegt werden, nur doch derjenige, der sich selbst gar nichts moralisch oder sonstwie vorhalten lassen könnten – also mithin perfekt oder gottgleich wäre, dürfte politische Urteile über Sachverhalte äußern. Gerade weil Menschen nicht perfekt sind, ist Meinungsaustausch über die daraus erwachsenen Folgen doch nötig.
1. Petrusbrief
“Legt also ab alles Üble und alle Arglist und Blenderei und Neid und alle Schlechtmacherei.”
1. Petrusbrief 2,1 (Übersetzung Fridolin Stier)
“Wie Neugeborene nach Milch schreien, so verlangt nach unverfälschter Redlichkeit. Diese Nahrung läßt euch heranwachsen, dem Ziel der Erlösung entgegen.”
1. Petrusbrief 2,2 (Übersetzung K. Berger / C. Nord)
Die Bibelstelle zum Zölibat – Matthäus 19, 12 – Vergleich verschiedener Bibelübersetzungen
Matthäus 19,12
Klaus Berger / Christiane Nord:
„Doch es gibt auch Eunuchen, die freiwillig auf die Ehe verzichten, wegen der Herrschaft Gottes. Sie haben sich sozusagen selbst zu Eunuchen gemacht. Denkt gut darüber nach!“ (S. 616)
Eugen Drewermann:
„Er aber hat ihnen gesagt: Nicht alle fassen dieses Wort, sondern nur die, denen es (von Gott) gegeben ist: Da sind Kastraten, die aus dem Mutterleib so geboren wurden; da sind Kastraten, die (künstlich) kastriert wurden von (anderen) Menschen und da sind Kastraten, die sich selbst kastriert haben um des Königtums der Himmel wegen. Wer das fassen kann, der fasse es.” (S. 181)
Einheitsübersetzung:
„Manche sind von Geburt an zur Ehe unfähig, manche sind von den Menschen dazu gemacht und manche haben sich selbst dazu gemacht – um des Himmelreiches willen. Wer das erfassen kann, der erfasse es.“
„Neues Leben“:
„Nicht jeder kann dies verstehen“, sagte Jesus. „Das können nur die, denen Gott dabei hilft. Manche werden unfähig zur Ehe geboren, andere werden von Menschen dazu unfähig gemacht, und wieder andere haben sich dafür entschieden, um des Himmelreiches willen nicht zu heiraten. Wer dies begreifen kann, der handle danach.“
„Die gute Nachricht“:
„Aber Jesus antwortete: „Was ich jetzt sage, können nicht alle verstehen, sondern nur die, denen Gott das Verständnis gegeben hat. Es gibt verschiedene Gründe, warum jemand nicht heiratet. Manche Menschen sind von Geburt an eheunfähig, manche – wie die Eunuchen – sind es durch einen späteren Eingriff geworden. Noch andere verzichten von sich aus auf die Ehe, weil sie ganz davon in Anspruch genommen sind, dass Gott jetzt seine Herrschaft aufrichtet. Das sage ich für die, die es verstehen können.“
Menge-Bibel:
„Es gibt nämlich zur Ehe Untüchtige, die vom Mutterleibe her so geboren worden sind; und es gibt zur Ehe Untüchtige, die von Menschenhand zur Ehe untüchtig gemacht worden sind; und es gibt zur Ehe Untüchtige, die sich selbst um des Himmelreichs willen untüchtig gemacht haben. Wer es zu fassen vermag, der fasse es!“
Neue Genfer Übersetzung:
Er erwiderte: »Das ist etwas, was nicht alle begreifen können, sondern nur die, denen es ´von Gott` gegeben ist. Manche sind nämlich von Geburt an zur Ehe unfähig, manche werden durch den Eingriff von Menschen dazu unfähig gemacht, und manche verzichten von sich aus auf die Ehe, um ganz für das Himmelreich da zu sein. Wer es begreifen kann, der möge es begreifen!“
Papstbesuch: Eigene Bibellektüre bleibt unverzichtbar
Es reicht nicht, die Papst und die römisch-katholische Kirche zu bewundern und zu bestaunen. Lieber NT in der Übersetzung von Fridolin Stier besorgen, auch das “Münchener neues Testament” (MNT). Auch die Übersetzung der vier Evangelien von Drewermann hat ihre Stärken (alle drei bei Patmos erschienen).
Eigene Bibellektüre und Texterschließung ist und bleibt unerzichtbar.
Ergänzung:
Auf Facebook kam sofort die nahliegende Frage, wieso diese Übersetzungen. Nun, erstmal aus dem einfachen Grund, weil das halbwegs praktikabel, machbar und zumutbar ist.
Um ein Gefühl für die Bedeutungsvielfalt zu gewinnen, gibt aus meiner Sicht keinen anderen Weg, als so zu verfahren. Am besten wäre vielleicht, es in Griechisch zu lesen. Das kann ich nicht. Doch die Frage der Übersetzung und Übertrag bleibt ohnehin. Für einen religiösen Menschen geht es nicht nur um private, exklusive kontemplative Versenkung in den Text, sondern um Verkündigung.
Wir tun gut daran, von der Fremdheit der biblischen Welt für uns auszugehen. In Sachen “Hermeneutik der Fremdheit” würde ich dem Neutestamtler Klaus Berger vollkommen zustimmen (Hermeneutik des Neuen Testaments, 188:125). Philosophisch ist das m.E. durch Bernhard Waldenfels und Levinas quasi bestätigt, die auf Fremdheit als Phänomen insistieren. Zudem ist zu bedenken, dass die Bibel gleichsam immerhin in einer “östlichen”, orientalischen Tradition steht.
Anders als der Papst, der vom “Skandal des Kreuzes” spricht, würde ich es mit dem Ausreizen der Anstößigkeit nicht übertreiben, denn die “Anstößigkeit” liegt im Text, nicht in einer Art fertigen Morallehre oder Opposition der Lehre der Bibel zur Welt bzw. ihrer Weisung(en).
Theologen neigen dazu, konform zur Theologie zu übersetzen. Das geht natürlich nicht. Es kann auch nicht darum gehen, einen möglichst frommen Text zu produzieren. Desweitern kann es nicht darum gehen, einer “zuträglichen” Übersetzung zu verfallen. Es geht schon darum, zu versuchen, worin die eigene Idee des Guten der Zeilen besteht. Wer eine sogenannte konkordante Übersetzung, d.h. jedes Wort wird immer gleich übersetzt, probiett, sollte vielleicht bedenken, dass man nicht von dem Hintergrund eines logischen, kohärenten platonischen Systems – noch philosophiegeschichtlich überhaupt von einem “System” – ausgehen kann.
Ich würde unbedingt noch ein Symbollexikon, psychoanalytische Kenntnisse – eher Jung als Freund – und Kenntnisse aus dem philosophischen Ansatz Heinrich Rombachs empfehlen. Die Sinnschichten müssen zurückverfolgt werden. Schon Konzepte wie System oder Lehre sind auf ihre Art sowas wie “biased” bzw. bedürfen dekonstruktiver Einordnung.
Weder die Lutherübersetzung noch die ökumenische Einheitsübersetzung erzeugen die Reibung, die nötig ist, um zu sensibilisieren für die Textgehalte. Die Einheitsübersetzung hat geradezu Spuren katholischer mittelalterlicher Philosophie. Ich kann nur im Rahmen dessen empfehlen und raten, was ich kenne (und wie weit mein Horizont, so das Seelenvermögen, eben reicht).
Die Übersetzung und Einführung von Drewermann ist schon gut und hilfreich, umfasst aber nur die vier Evangelien und nicht den Rest vom NT. Da hilft der Text von Stier, der das ganze NT umfasst, weiter. Ich würde auch die Übersetzung des AT von Martin Buber und Franz Rosenzweig empfehlen.
Die Übersetzungen und Textfassungen, die ich ansonsten in Teilen überhaupt kenne sind vom NT die Elbfelder und die “Neue Genfer Übersetzung” sowie die von Klaus Berger und Gattin. Ich habe noch den Text der Lutherübersetzung des NT von 1545 (2008 bei Fischer neu erschienen); von der ganzen Bibel noch die die Zürcher Bibel und die “Neue Hoffnung”. Mit letzteren habe ich ebensowenig wie mit der englischen “New King James” Fassung viel gearbeitet.
Auf bibelserver.com kann man einfach verschiedene Übersetzungen in verschiedenen Sprachen auswählen.
Was Gott bedingt
Das Konzept der Bedingung scheint es mir erst seit dem Aufstieg der Mechanik in der frühen Neuzeit zu geben. Deshalb finde ich es auch falsch, wenn Papst Benedikt diesen Begriff in seinem letzten Jesus-Buch gebraucht. Es ist einfach “ohne (Vor)Bedingung”. Es ist eine Annahme des Menschen.
Also was die formalen Denkstrukturen des Schlussfolgern betrifft, gilt. Es geht immer um die “Bedinungen der Möglichkeit”. “conditio” ist auch etwas aus dem römischen Recht. Die Botschaft Jesu hat jedoch ihre eigene Modalität, eine eigene Welt von Möglichkeit, die jeneits gewöhnlicher Kategorien der Modalität wie Möglichkeit, Notwendigkeit etc. sind. So zumindest meine Intution. Das wäre religionsphänomenologisch auszuarbeiten. Gottes Zuwendung durch Jesus hat ihre eigenen Gesetzlichkeiten.
Personalismus, Dialogphilosophie sowie Exegese und Hermeneutik
Der katholische Personalismus führt zu Problemen bei der Bibelexegese, weil alle Figuren dann nur als Personen gedeutet werden können. Überhaupt darf die Bibel – wie auch Stücke der Antike – nicht so einfach im Sinne der dialogischen Philosophie des frühen 20. Jahrhunderts ausgelegt werden. Analog gilt das natürlich auch für den Koran.
Heilige Schriften sind gar nicht für jedermann verfasst, sondern nur für die, die lesen konnten. Die meisten Menschen waren Analphabeten. Die Aufwertung des gewöhnlichen Lebens ist erst ein Effekt des christlichen, der anti-aristokratischen Anteile im Judentum, der Schilderung gewöhnlicher Menschen in der Bibel, etwa Bauern und Handwerker (vgl. Rudolf Bultmann / Charles Taylor). Verstehen kann man (indirekte) Mitteilungen nur soweit, wie das eigene Verstehen reicht.
Der Papst und Obama
Der Papst und Obama sollen nicht immer so tun, als wären sie selbst die Könige, deren Königtum Jesus angekündigt hat. Das schadet nur. Jesus hat keinen König, sondern ein Königtum angekündigt! Das dürfen sich auch Politiker von Gnade des “Vertrauens” der Wähler merken.
Islam: Es kommt auf die gemeinsame Zukunft an, nicht auf die Unterschiede in der Vergangenheit
Die Diffusion religiöser Ideen in der Welt kann sowieso nicht verhindert werden. Wir sollten uns mehr mit den Muslimen hier bei uns vor der Haustür beschäftigen als mit den irren Vorfälle irgendwo auf dem Rest des Planeten. Die haben natürlich einen höheren Nachrichtenwerten. Aber das muss eigentlich von handfesten Integrationsproblemen und Streitigkeiten vor der Haustür getrennt werden. Weniger über Religion und Kultur sprechen, dafür mehr über Nation. Die abstrakte Rede von Religion und Kultur erzeugt keine Verbindlichkeit. Das ist etwas für Sonntagsreden. Wir haben handfeste Herausforderungen zu meistern. Unverbindlichkeit ist unpersönlich, erzeugt kein Vertrauen.
Wolfgang Schäuble hat 2006 in einer Regierungserklärung gesagt: “Der Islam ist Teil Deutschlands und Teil Europas, er ist Teil unserer Gegenwart und unserer Zukunft. “Es kommt auf die gemeinsame Zukunft an, nicht auf die Unterschiede in der Vergangenheit. Neue Kreuzzüge will niemand, Kriege zwecks Unterwerfung und Missionierung bei Todesdrohung auch niemand. Religionen sind keine Naturkonstanten. Eine Freiheit von Risiko und Gefahren gibt es nicht. Der Staat kann nicht alles verbieten, was das Wohlbefinden der Bürger stört. Man sollte aus seinen Abneigungen keine (politischen) Ideologie machen. Das tun aber viele Menschen, die sich weit “rechts” fühlen.
Was Europa, Deutschland und die CDU stark gemacht hat, war die Freiheit von religiöser Zwietracht und die Beilegung der historischen Konflikte innerhalb der Christentheit. Der Erste Weltkrieg hatte diese Leistung zwischen den Zivilisationen zerstört. Im 21. Jahrhunder sollten wir nicht dort weitermachen. Sonst droht nur eine neue “Urkatastrophe”.
Traditionell hatten Muslime in Deutschland insbesondere als Gastarbeiter Beiträge zu Deutschland geleistet. Jetzt kommt es auf die kulturellen Beiträge an. Das Judentum ist hier historisch automatisch Vorbild. Es hat bedeutende kulturelle Größen hervorgebracht. Wichtige liberale Vordenker wie Ernst Cassirer werden leider beschwiegen. So wie Sarrazin reichlich philosemtisch angehaucht das mit angeblich superintelligenten Juden vor 120 Jahren hinstellte, kann es natürlich nicht laufen oder Meßlatte sein. Das ist die Sichtweise eines Sozialisten, der Menschen nach ihrem Nutzen beurteilt.
Die Auseinandersetzung mit der Auslegung des Islams kann auch Christen darin schärfen, wie man an die Bibel herangeht. Die Kirchen müssen sich hier sowieso mal mehr Mühe geben.
Weniger über Religion und Kultur sprechen, dafür mehr über Nation, Einwanderung bzw. Zugezogene und “neue Deutsche” sowie Umgang mit Fremdheit! Das (Reiz)Thema Islam ist nur für Türkei/EU und “Kampf gegen den Terror” relevant. Für Deutschland ist das ansonsten nicht weiter wichtig. Leeraussagen wie von Bundespräsident Wulff sind durchaus kontraproduktiv, heizen Zoff an. Inwiefern die Worte von Wulff “hilfreich” waren, das ist schwierig. Sie waren politisch in der Situation brauchbar.
Mitte 2009 sagte Wolfgang Schäuble (damals Bundesinnenminister): “Meine Äußerung, dass der Islam Teil Deutschland ist, die ist angekommen. Dsa merke ich an den Reaktionen der Menschen. Die haben mitgekriegt, dass wir uns bemühen.” [zitiert nach Patrick Bahners] So muss es auch sein. Wir dürfen nun nicht so tun, nur weil bekloppte Islamisten kriminelle Terrorakte begehen, dass “der Islam” uns erwürgen wolle.
Ist der Mensch von Gott frei geschaffen?
Immer wieder äußern sich Politiker der CDU einschlägig, der Mensch sei z.B. “zur Freiheit berufen”, sei frei geschaffen. Natürlich es das eine gefällige Aussage, denn das Gegenteil wäre Unfreiheit. Es wäre wenig schmeichelhaft, als Politiker eine Botschaft zu verbreiten, die die natürlichen Grenzen des Menschen zum Inhalt hätte. Allerdings sind gerade die Grenzen das, was allen Menschen gemeinsam ist: z.b. die Sterblichkeit. Samuel von Pufendorf (1632-1694) fand die Gleichheit des Menschen im gemeinsamen Schicksal. Dazu zählt Geburt, Tod wie auch die Wechselhaftigkeit des Glücks.
Es ist seltsam, dass gerade mit Verweis auf Religion Lobhymnen auf Freiheit angestimmt werden. Gibt es plötzlich keine Erbsünde mehr? Nichtmal eine Vertreibung aus dem Paradies? Keinen Brudermord? Sind frei von Mann & Frau? Lebt der Mensch autark, existiert der Mensch nur vor Gott? Ist der Mensch frei von der Natur? Frei, von der anbefohlenen Schöpfung? Frei vom Tod? Frei von Körperlichkeit, Triebhaftigkeit und Naturhaftem?
Der Mensch lebt im Bund mit Gott. Er ist geschöpft, nicht als Kunstwerk von einem Handwerker erschaffen. Der Mensch ist an die Weisungen Gottes gebunden.
Die wahre Bedrohung der Freiheit des Westens ist die Verführungskraft von China und autokratischem Islam
Die wahre Bedrohung der Freiheit des Westens ist die dunkle Faszination, die Herrschaftspraxis China und die Rigidität des Islams auf bestimmte westliche Eliten ausübt im Sinne einer Größe, Großartigkeit, Herrlichkeit und Raffinesse der Herrschaft und “Vollkommenheit” der Gesellschaft. Manchem möchten am liebsten den Antinomismus des Paulus kippen und wieder einführen, dass alles verboten ist, was nicht explizit erlaubt ist. Das würde eine (kulturelle) Rückabwicklung der Moderne bedeuten – so ungefähr im Sinne einer Rückkehr nach Ägypten, aus dem Moses aufbrach.

