"Das Politische anders denken"

Frühling der Bürgerlichkeit?

Einige Punkte, die über Joachim Gauck nicht stimmen und seine Rolle in der Affäre Sarrazin

mit 11 Kommentaren

Nachdem im Netz und auf Twitter teilweise wilde Sache kursierten, ein Versuch einer Klarstellung gegen sich im Umlauf befindliche Fehlinformationen.

- Gauck relativierte nicht den Holocaust. Das gibt der Kritikpunkt seiner Unterzeichung der “Prager Erklärung” nicht her. Was die Vorwürfe betreffend einer von ihm 2006 gehaltenen Rede bei der Robert Bosch Stiftung betrifft, so muss ich diesen Text erst lesen. Vermutlich liegt keine Relativierung des Holocaust als Verbrechen vor, sondern es ging um Bedeutung, Stellenwert und Umgang mit ihm in der Erinnerungskultur. Gleichwohl ist diese Rede nicht unproblematisch. Denn der Ansatz, den Gauck wählt, verwundert.

- Gauck ist kein Mitglied beim rechtskonservativen Studienzentrum Weikersheim (Baden-Württemberg). Ich gehe davon aus, dass er dort lediglich einen Vortrag hielt.

- Und die “Atlantik-Brücke” ist übrigens kein “Think Tank”. Sie veröffentlicht nämlich keine Konzepte. Allerdings wird das kritische Beobachter dieser Institution sicher nicht zufriedenstellen.

- Ich denke auch nicht, dass Joachim Gauck mit Herrn Carsten Maschmeyer und Veronica Ferres befreundet ist. Photographen auf solchen Veranstaltungen oder ihre Bildagentur leben mit davon, die Recht dieser Fotos zu verkaufen.

Ein Rückblick auf 2010

Joachim Gauck war 2010 der Kandidat von den GRÜNEN und der SPD, vorzugsweise vom rechten Flügel der SPD, also der “Seeheimer”, zu denen auch der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt zählt. Auch Gerhard Schröder nahm an der traditionellen Fahrt auf dem Wannsee teil. Ausgeheckt haben soll die Kandidatur angeblich oder den Einfall gehabt haben soll der frühere Bundesumweltminister und Bundestagsabgeordnete für die GRÜNEN Jürgen Trittin (Göttingen) mit dem Journalisten Thomas Schmid, der Herausgeber der “Blauen Gruppe” (WELT / WAMS) beim Medienhaus Axel Springer ist. Schmid betonte 2010 anläßlich der Rede von Gauck im Deutschen Theater in Berlin gegenüber 3sat Kulturzeit, was Joachim Gauck auszeichne sei die Tradition des Anti-Sozialismus. Da ich Sarrazin in einer genuin sozialistischen Tradition sehe – diese Position haben auch der Historiker Hans-Ulrich Wehler und der Politikwissenschaftler Franz Walter -, sehe ich es als problematisch an, inwiefern Gauck nun nach als “Anti-Sozialist” per excellence gelten kann.

Die Affäre Sarrazin in der letzten Augustwoche und der ersten Septemberwoche 2010 hingegen war ein Politikum ersten Ranges und hatte das Zeug zur Staatsaffäre. Das Buch war mit Sperrfrist versehen, konnte nicht vorab besprochen werden, wurde dann aber sowohl im Wochenmagazin SPIEGEL mit einem kurzen Ausschnitt vorabgedruckt als auch eine Woche lang mit Auszügen in der Tageszeitung “BILD” vorabgedruckt. Vorgestellt wurde es vom Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin in Berlin in Räumlichkeiten der Bundespressekonferenz. Sarrazin war zuvor unter Klaus Wowereit lange Finanzsenator gewesen. Dass sein erwachsener Sohn in Berlin Empfänger von “Hartz-IV” ist, war damals nicht bekannt oder wurde verschwiegen, als das Buch die Schlagzeilen beherrschte.

Bundespräsident Christian Wulff war damals für die Entlassung von Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin zuständig. Bereits vorher hatte Sarrazin seitens der Bundesbank wegen hochkontroverser Äußerungen in der angesehenen Kulturzeitschrift “lettre” keinen richtigen Geschäftsbereich mehr. Bundespräsidialamtschef Hagebölling musste als Mediator fungieren -so hieß es -, um eine Einigung zwischen Sarrazin und der Bundesbank zu arrangieren. Im Frühjahr 2010 hatte Wulff die Deutschtürkin Aygül Özkan zur Landessozialministerin in Niedersachsen gemacht. Sie war zuvor stellvertretende Landesvorsitzender der Hamburger CDU gewesen. Eine der ersten Maßnahmen von Özkan war der Versuch, eine “Mediencharta” in Niedersachsen zu installieren, die Einfluss auf Formulierungen und Form der Berichterstattung bei Integration, Migranten und Ausländern nehmen sollte.

Wäre Gauck im Juni 2010 anstelle von Wulff Bundespräsident geworden, so hätte Gauck damals mit über Thilo Sarrazin befinden müssen. Stattdessen setzte sich Gauck mit ehemaligen SPD Finanzminister Peer Steinbrück in die ARD Talkshow “Beckmann”, in der über das Buch gesprochen wurde.

Angela Merkel sagte 2010, die Inhalte des Buchs von Thilo Sarrazin passe nicht zu ihrem christlichen Menschenbild. So klar mochte sich Gauck, der zu diesem Zeitpunkt anstelle von Wulff hätte Bundespräsident sein können, sich nicht positionieren. Ich verstehe Gauck hier nicht. Für einen ehemaligen Pfarrer fand ich das von Gauck nicht in Ordnung. Nicht nur die fehlenden Bürgerrechte in der DDR waren wichtig, auch die der Kinder von Migranten sind wichtig.

11 Antworten

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  1. “Gauck ist kein Mitglied beim rechtskonservativen Studienzentrum Weikersheim.”

    Wer genau soll das denn behauptet haben? Mir war bisher nicht einmal bewußt, dass es dort sowas wie “Mitglieder” gibt. Richtig ist aber doch: Gauck war REFERENT im “Studienzentrum Weikersheim”, und ich habe in Twitter und Blog-Posts bisher auch nur genau das gelesen.

    fx

    21. Februar 2012 um 01:50

    • Ich nehme an, er hat dort nur auf Einladung einen Vortrag gehalten. Er war dort weder Mitarbeiter noch Mitglied noch im Kuratorium oder ähnliches.

      edomblog

      21. Februar 2012 um 01:53

      • Schlimm genug. Was anderes hat wie gesagt außer dir (jedenfalls soweit mir bekannt ist) auch gar niemand behauptet.

        fx

        21. Februar 2012 um 02:01

  2. “Gauck relativierte nicht den Holocaust.”

    So eine Aussage ist schon rein epistemologisch ein Ding der Unmöglichkeit – es sei denn, du maßt dir an, jeden Satz zu kennen, den Gauck jemals von sich gegeben hat. Die mir bekannte Kritik an antisemitischen Tendenzen Gaucks beruft sich keineswegs nur auf seine Unterzeichnug der “Prager Erklärung”, sondern auf diverse Reden und Zitate, siehe z.B. hier:
    http://clemensheni.net/2012/02/20/ein-politisch-kultureller-super-gauck-antisemitismus-halt-einzug-ins-schloss-bellevue/

    fx

    21. Februar 2012 um 01:59

    • Wenn schon müsste man sich hier nochmal die Urfassung des Artikels der Mitarbeiterin Helga Hirsch von Gauck – sie arbeitet während seiner Kandidatur 2010 für ihn – in der WELT ansehen, die nach der Rede von Bundespräsident Christian Wulff im Oktober 2010 in Bremen zum Tag der Deutschen Einheit mit dem Satz zum Islam erschien.

      edomblog

      21. Februar 2012 um 02:27

    • Danke für den Hinweis. Ich bezog mich nur auf das, was über die “Prager Erklärung” im Umlauf war. Das ist für mich jetzt ein neuer Stand.

      edomblog

      21. Februar 2012 um 14:22

  3. “Und die “Atlantik-Brücke” ist übrigens kein “Think Tank””

    Sorry, aber ich kann nicht anders :-) Abgesehen davon, dass “Think-Tank” kein klar definitierter Begriff ist, sondern einiges an Interpetationsspielraum zuläßt: wer genau soll das denn behauptet haben? In den mir bekannten Tweets und Blog-Posts wurde das jedenfalls so nicht gesagt, unter
    http://think-strange.de/2012/02/19/grunde-gegen-gauck/
    heißt es beispielsweise stattdessen (mit Bezug auf Wikipedia):
    “Er ist Mitglied des e. V. “Atlantik-Brücke“, “eine[m] der in Deutschland seltenen Versuche, von privater Seite in den politischen Raum hineinzuwirken”. Lobbyismus ist dem möglichen Bundespräsidenten daher nicht fremd. (Quelle)”.

    Und hier der dazugehörige Wikipedia-Artikel, in dem der Begriff “Lobby(tätigkeit)” explizit auftaucht:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Atlantik-Br%C3%BCcke

    fx

    21. Februar 2012 um 02:18

    • Zur Charakterisierung der “Atlantik Brücke” wären andere Begriffe und Wörter treffender.

      edomblog

      21. Februar 2012 um 02:24

  4. Frau Merkel hatte vor dem Rücktritt Respekt? Irgendwie passt es nicht zum Rechtsstaat, was sich derzeit in Großburgwedel vollzieht:

    http://timo1955.wordpress.com/2012/02/21/staatsanwaltschaft-hannover-ist-an-dilettantismus-nicht-zu-uberbieten/

    1955

    21. Februar 2012 um 15:06

    • Das ist jetzt aber ein anderes Thema. Zu Wulff habe ich eine Menge im Blog geschrieben. Das Thema passt dorthin besser.

      edomblog

      21. Februar 2012 um 16:11

      • Hast Du recht, ich hatte nur gedacht es passt etwas zu der Gauck-Story. Wenn Wulff keinen Mist gemacht hätte, würde es die Diskussion überhaupt nicht geben. Und der Verursacher wird nun verschont. Aber wie gesagt, lösch den Kommentar ruhig, wenn er absolut unpassend ist.

        1955

        21. Februar 2012 um 17:00


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