"Das Politische anders denken"

Frühling der Bürgerlichkeit?

Gastbeitrag: Leiden am Sex: Über die emotionale Überforderung durch das libertäre Scheinselbstverständnis der Gesellschaft

mit 2 Kommentaren

von Jan “Pettre” Petter

Eigentlich habe ich mir schon seit Monaten vorgenommen, einmal über die schwierigen, aber alltäglichen Themen Beziehungsleben, Liebe und Sexualität zu bloggen. Wir sprechen darüber nur selten konkret, dafür umso öfter verklausuliert oder betont emotional. Beides gefällt mir nicht und dient letztlich wohl auch nur der Distanzierung. Dennoch oder gerade deswegen beschäftigen mich diese Themen sehr und (natürlich) auch unpersönlich und grundsätzlich.

Ich halte es für einen großen Fehler, dass wir uns heute gegenüber der Vergangenheit überlegen und wissender fühlen. Zumal diese Einschätzung nicht auf fortschreitender Aufklärung und hinzugewonnenem Bewusstsein basiert, sondern nur auf kulturell und gesellschaftlich transportierten Bildern. Woher das kommt, weiß ich nicht genau und will es hier auch nicht größer erörtern. Ich glaube allerdings, dass diese selbstgewisse Haltung dazu führt, dass wir uns für grundsätzliche Gedanken oft zu sicher und beschäftigt fühlen. Die dadurch erschwerte Charakter- und Wunschbildung überlagern wir umso öfter durch Konsum und Teilhabe an moderner Gruppenbildung. Damit meine ich besonders die ritualisierte Teilhabe an „etwas großem“ (nein, kein Gottesdienst) oder die Hingabe zu neu entstandenen Subkulturen mit eigenen Riten und Werten.

In diesem Wirr-Warr neuer und alter Selbstverständlichkeiten verlieren sich nicht wenige junge Menschen auf der Suche nach Liebe, Partnerschaft oder einfach dem richtigen Umgang mit der eigenen Sexualität. Heute gibt es vermutlich keine gesellschaftliche Institution, die diese Prozesse ernsthaft nachvollziehen und pädagogisch aufbereiten kann. 2011 ist der Aufklärungsunterricht eine verspätete Biostunde mit erhaltenem Kicherfaktor und verlorenem Sinn. Andere Themen wie Beziehungen, Partnerwahl oder alternative Sexualwünsche werden meist erst gar nicht thematisiert und gelten als reine Privatangelegenheit.

Dabei hat die Emanzipationswelle der 60er und 70er bis heute längst nicht alle Bereiche erreicht. Zumindest in meinem jugendlichen Umfeld, der süddeutschen Peripherie bei Stuttgart, haben sich bis heute nahezu durchgängig die alten Rollenmuster gehalten. Diese Beobachtung dürfte vermutlich auch auf viele andere Regionen zutreffen. Die Gruppe der (aus eigener Sicht) emanzipierten Bürger beschränkt sich daher zumeist auf Babyboomer aus dem linksliberalen Milieu. Jedoch waren auch hier die Epizentren der Emanzipation meist soweit entfernt, dass die praktizierte Realität nur wenig mit den Theorien Alice Schwarzers zu tun hat. Oft beschränken sich aufgeklärte Erwachsenen-Beziehungen daher auf kulturelle Progressivität und leben ansonsten in den altbekannten Mustern. Umso klassischer sind eigentlich die Verhaltensweisen meiner Generation geblieben. Viele Mädchen und junge Frauen fühlen sich mit ihren Gefühlen offensichtlich alleine und finden nach der relativ klar definierten Welt der Familie keinen vergleichbaren Rahmen für eine partnerschaftliche oder sexuelle Entwicklung. Umso klassischer suchen sie oftmals Halt in Freundschaft und Beziehungen. Da unter Gleichaltrigen jedoch selten ein Zuwachs an Erkenntnis oder Sicherheit zu finden ist, konzentriert sich dieses Verlangen umso stärker auf die klassische Beziehung zu einem älteren Jungen oder Mann.

Viele werden einwenden, dass dies schon immer so war oder dass Mädchen und junge Frauen reifer sind als ihre männlichen Altersgenossen. Ich glaube aber nicht, dass Erfahrungen in gleichdosierten Dosen je nach Alter vergeben werden. Nur weil ältere Jungen und Männer mehr Erfahrungen haben, bedeutet dies leider selten, dass es sich dabei auch um die gesuchte Selbstsicherheit handelt. Im Gegenteil. Gesellschaftlich und medial sind auch heranwachsende Männer gleichermaßen alleingelassen und unsicher. Zumindest nach meiner Erkenntnis zieht sich dieses Gefühl auch bis in die 20er-Zeit fort. Umso fataler ist aber doch, dass wir bis heute den männlichen Part auf die sexuell aktive Rolle und stärkere Hälfte reduzieren. Beziehungsweise: Dass die öffentlicher ausgelebte und medial stärker inszenierte Sexualität (und Pornografie) heute noch viel stärker auf junge Männer einwirkt, ohne dass es aufklärerisch angemessene Gegenmaßnahmen gäbe.

Die Folge ist eine überzogene Erwartungshaltung an die Sexualität, die meist vollkommen unerfüllbar ist und zumindest im Anfangsstadium (aber eigentlich immer) kaum rational eingeschätzt werden kann. Das Scheitern der männlichen Überposition ist also oftmals vorprogrammiert. Umso fataler ist, dass beiden Geschlechtern hier unklar ist, wie dies einzuschätzen ist. Während konservative Bewahrer auf die natürliche Vollkommenheit der (diskreten) Liebe pochen, verharmlosen (de facto vollkommen ahnungslose) libertäre Eltern und Lehrer die natürliche Vollkommenheit aller Perversionen. Beides hilft im jugendlichen Beziehungsalltag vermutlich wenig und erscheint mir oft sehr selbstbezogen und -gerecht.

Ich vermute, dass deshalb viele junge Männer den sexuellen Überdruck an ihren (Sexual-)Partnerinnen auslassen und das eigene Versagen auf diese abschieben. Der Mann will Dinge, die seine Partnerin nicht kennt und er nicht kann. Falls Sie (was vollkommen angemessen und sicherlich nur richtig ist) dann diese Erwartungen zurückweist, entsteht so erstmals eine sichtbare Hürde, auf die sich das Problem projizieren lässt. Unterbewusst (so bin ich überzeugt) entsteht so ein Machtgefälle, das sich fundamental anders begründet als früher, aber grundsätzlich genauso endet. Aus meiner Sicht ist es billig, dafür die jungen Männer noch zusätzlich zu beschimpfen. Natürlich gibt es auch in meiner Generation wahrnehmbare Sadismen, die einseitig zu Leiden und Unterdrückung führen und die jeder Mann anhand seines Verstandes erkennen und stoppen kann. Diese Verantwortung bleibt immer! Genauso billig wäre es, hieraus jetzt eine Moralkampagne gegen Pornografie oder möglicherweise sogar sexuelle Aufklärung abzuleiten. Wir wissen doch nicht zu viel, sondern eher viel zu wenig!

Um dennoch Halt und Sicherheit zu finden und einfach auch, weil Liebe und Sehnsucht noch nie auf gesellschaftliche Gegebenheit Rücksicht genommen haben, akzeptieren viele Mädchen und junge Frauen diese Verhältnisse und versuchen sich ihnen anzupassen, was allerdings nur teilweise funktionieren kann. Zusammen mit einer nicht realen, aber medial ständig vermittelten Umgebung des „Alles kann, nichts muss“, verfestigt sich bei vielen der nüchterne Glaube, dass jugendliche oder junge Beziehungen grundsätzlich unsicher und jederzeit absolut endlich seien. Entsprechend unsicher werden sie eingegangen, gelöst, wieder aufgenommen oder verraten. Auch hier sehe ich keinen dramatischen Werteverfall, der eine wirkliche Lust an der Beliebigkeit verraten könnte. Vielmehr fehlen eben auch hier vielfach die Antworten auf die nie öffentlich gewordene Fragen und Gedanken.

Da wir eben in einer Marktwirtschaft leben und Unsicherheiten und diffuse Bauchgefühle optimale Themen für eine hohe Auflage oder Quote sind, kann man von den Medien hier nicht wirklich eine Lösung erwarten. Dennoch verstört mich gelegentlich die Schamlosigkeit, mit der physische und psychische Probleme erst geschaffen und mit der nächsten Ausgabe dann wieder gelöst werden sollen.

Übrigens fordere ich nicht, dass in einer „guten“ Beziehungen beide Partner gleich sind. Sie müssen nicht einmal auf exakt der selben Ebene stehen, denke ich. Aber beide brauchen die nötigen Voraussetzungen, um das gemeinsame Handeln individuell abwägen und einordnen zu können. Das ist doch eine wirklich wichtige Grundlage.

Ich fände ein „Heute ist alles mögliche und irgendwie unsicher“-Fazit jedoch arg haltungslos und Spiegel-Online-artig. Ich glaube wie gesagt weder, dass sich das Rad der Geschichte zurückdrehen lässt (und man sollte es auch nie versuchen), noch, dass wir diese Verhältnisse als normal oder gegeben hinnehmen müssen.

Beruhigend ist auf der anderen Seite ja auch, dass sich unabhängig aller Möglichkeiten auch heute noch die meisten jungen Menschen vorstellen können, was sie suchen. Deshalb glaube ich vor allem, dass wir umso klarer und ernsthafter miteinander reden und diskutieren müssen. Nicht nur medial, nicht nur saisonal. Auch im Privatleben, in der Schule und letzten Endes natürlich auch gesellschaftlich. Wenn ich Sexualität spreche, rede ich über grundlegende, ohnehin vorhandene Gedanken und nicht nur meine eigenen. Dieses Bewusstsein brauchen wir wieder stärker. Auch wichtig wäre eine stärkere Selbstreflektion und mehr Respekt und Raum hierfür. Wir werden auch in einer besseren Welt noch mit Internetpornografie, schlechter Musik und obszönen Gedanken leben. Aber gerade deshalb brauchen junge Menschen auch genügend (geistige) Freiräume dies alles einzuordnen und zu verstehen. Und sie brauchen genauso eine klare Ansprache in der Schule. Gerne auch von außerhalb oder in Ergänzung zum eigentlichen Unterricht mit den vertrauten Lehrern. Dazu gehören aber nicht nur biologische Definitionen sondern eben auch offene Gespräche.

Jan Petter ist Jahrgang 1991 und twittert unter http://twitter.com/pettre

Geschrieben von edomblog

12. Oktober 2011 um 19:50

2 Antworten

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  1. Mir wird in dem Artikel nicht recht klar, was du konkret forderst, bzw, konkret gerne anders hättest. Könntest du das nochmal in 2 Sätzen sagen?

    Dass junge Mädchen gern ein paar Jahre ältere Jungs/Männer präferieren, ist nicht neu. Deren Umgang mit ihnen ist eben oft gelassener, souveräner als der des gleichaltrigen Wonna-Be – oder wirkt zumindest so.
    Dass echtes Selbstbewusstsein letztlich aus ureigener Lebenserfahrung und Selbstbesinnung erwächst und nicht von einem Partnerbezogen werden kann, ist eine Erkenntnis späterer Jahre (die dennoch manche lebenslänglich negieren). Die kann man nicht gesellschaftlich verordnen!

    Claudia

    13. November 2011 um 14:07

    • Soweit ich da Jan verstanden habe, gibt es sehr wohl neuere Entwicklung. Und sehr wohl haben ältere aber keinesfalls die nötige Lebenserfahrung und der Umgang ist auch nicht gelassener. Vielmehr ist es ein Scheinselbstbewusstsein. Im Grunde haben sich die Dinge vom Alter ziemlich abgekoppelt.

      Soziales Selbstbewusstsein wird immer mit vom Partner bezogen und kann nicht rein aus sich selbst heraus bezogen werden.

      edomblog

      13. November 2011 um 14:19


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