Archiv für Oktober 2011
Gastbeitrag: Irakkrieg und Finanzkrise oder Die Aktualität des Männlichen
von Konstantin Sakkas
Wenn ein Mann heutzutage von Kampf schreibt, klingt das nicht gerade aktuell. Kampf – da denken viele an längst überholte Haltungsmuster aus dem untergegangenen „heroischen“ Zeitalter. Nietzsche, Ernst Jünger und natürlich die Ideologen des Nationalsozialismus – das sind die geistigen Referenzpunkte, an die sich der common sense beim Wort des Klanges Kampf erinnert fühlt. Doch tatsächlich ist der Kampf, das Agonale, wie es Sigmund Freund es benannte, heute so gegenwärtig in Politik und Gesellschaft wie eh und jeh.
Ein schneller Blick auf die Headlines der Tagespresse der vergangenen 10 Jahre genügt, um diese Aussage zu bestätigen. Der 11. September 2001 und die sich ihm anschließenden kriegerischen Verwicklungen im Nahen und Mittleren Osten, aber auch die internationale Finanzkrise haben ihren geistigen Ursprung im Topos des Kampfes. Warum? Der Kampf ist ein fundamentaler Wesenzug des Menschseins und insbesondere des Mannseins. Der Mann findet im Kampf seine Anerkennung, wie die Frau in der Liebe ihre Bestätigung. Es waren Männer, die die Anschläge vom 11. September verübt haben, und es waren Männer, die in der westlichen Welt darauf politisch und militärisch reagiert haben. Es sind aber auch ganz mehrheitlich Männer, die die internationale Finanzwirtschaft bestimmen und mithin also auch die eigentlichen Protagonisten der Weltfinanzkrise sind. Allen diesen Männern ist gemein, dass sie die agonale Auseinandersetzung lieben und in ihr, ganz unabhängig von den möglichen Folgen für sie und andere, ihre existenzielle Erfüllung und Befriedigung finden.
Für viele, die das lesen, werden diese Gedanken ungewöhnlich, ja unrealistisch erscheinen, sicher auch ein wenig unheimlich beziehungsweise „übertrieben“. Das ändert aber nichts an ihrem Realitäsgehalt. Es hat vielmehr zu tun mit dem großen Übergewicht des Weiblichen in der literarischen, mentalitären und auch politischen Debatte in der Metamoderne, worüber man das andere Geschlecht, also den Mann, ein bisschen vergessen hat. Wir sind heute in Europa und Nordamerika über die geringste Einzelheit des weiblichen Gefühlslebens und der weiblichen Körperlichkeit ad nauseam aufgeklärt; aber über die „heimlichen“ Beweggründe der Macher und Mächtigen in dieser Welt wissen wir anscheinend erstaunlich wenig bescheid. Dabei bot gerade das Jahr 2011, dass nun seinem Ende entgegengeht, in Fülle Gelegenheit, sich über diese Beweggründe und ihre politische und gesellschaftliche Reichweite restlos klar zu werden.
Da war der Fall Guttenberg, in dem es sich um nichts anderes ging als um die suchtartige Bessenheit eines jungen, gebildeten und attraktiven Mannes von der Suche nach öffentlicher Anerkennung und Bestätigung. Da war der Fall Kachelmann, der, unabhängig von seiner juristischen Dimension, schlaglichartig enthülte, wie sehr getrieben von dem Wunsch nach erotischem Glamour und viriler Selbstbestätigung ein deutscher Spitzenjournalist sein kann. Und da war schließlich der Fall Dominique Strauss-Kahn, der über diese erotische Dimension hinaus der Weltöffentlichkeit zeigte, wie sehr die Träume und Phantasien einer unreifen Jünglingslibido im trainierten Hirn eines souveränen, weltgewandten und welterfahrenen Top-Bankers zuhause sind.
Aber 2011 war nicht nur das Jahr der Skandale. Es war zugleich das Jahr der revolutionären Handstreiche und der transatlantischen Waffentaten. Die Aufstände im Nahen Osten, der Sturz der Diktatoren, sowie nicht zuletzt deren massenwirksame physische Beseitigung können schlechterdings nicht als Produkt einer emanzipierten „aufgeklärten“ Lebenshaltung mißverstanden werden, auch wenn das vielleicht nicht ganz ins rosafarbene Weltbild der Matadorinnen der SPIEGEL-Bestsellerliste passt; es sind Ausflüsse des uralten, ewig-männlichen Willens zur Macht und der ewig-männlichen, uralten Lust am Kampf.
Das Ganze gilt aber auch für eine Nummer darunter. Niemand wird in dieser Welt Investmentbanker, der nicht an Geld, Aufstieg und natürlich auch Macht interessiert wäre. Niemand, zumindest kein Mann, wird Journalist, der nicht am Glanz der öffentlichen Selbstdarstellung in der Camouflage des „wertneutralen“ Kommentators interessiert wäre. Und schon gar niemand wird Politiker, dem es nicht letztlich um das Versprühen seines männlichen Charmes auf der Bühne des Staatstheaters ginge, mitsamt den dabei routinemäßig abfallenden süßen Früchten wie Dienstwagen, Sekretärin und Escortservice. Es wird gerne weggeredet – aber die Urtriebe des Mannes sind auch im Jahr 2011, auch in der westlichen Welt genauso präsent wie die Promiskuitätsträume von Frauen Mitte 20 und die Mutter-Haus-Familie-Träume von (nicht mehr ganz jungen) Frauen Mitte 30; ihre politische und gesellschaftliche Tragweite allerdings ist bedeutend größer.
Eine vierzigjährige Übung in geduldiger, intellektuell sehr bemühter Beschäftigung mit sich selbst hat leider viele, nicht nur Frauen, dazu verleitet, sich über diese grundlegenden Dinge im Leben des Menschen keine Gedanken mehr zu machen. Wer aber die Fälle von juvenilen Bankern, die an der Börse mal soeben ein paar Milliarden Euro „verzockt“ haben, ruhig durchdenkt, dem wird klar werden, dass das keine Ausnahmen sind, sondern nur besonders schlagende Bekräftigungen einer allgemeinen Regel. Die Frauen sollen sich einmal die Mühe machen und die Männer ihres Freundes- und Bekanntenkreises auf ihre Meinung zu diesen Dingen ehrenwörtlich befragen: Das Ergebnis wird ohne Zweifel dahingehend ausfallen, dass auch der nette Sparkassenangestellte, auch der kauzige wissenschaftliche Mitarbeiter an der Universität, auch der ziemlich bedeutungslose Junganwalt oder stellvertrende Ressortchef heimlich in den Protagonisten dieser Skandale heiß beneidete Ikonen erblickt. Ikonen nicht der Ideologie, aber der Haltung (zwei Größen, die Frauen gerne immer mal miteinander verwechseln). Ikonen nicht des Gewissens, aber der Aura. Jeder Renault-Mégane-Fahrer eifert dem Mercedes-SL-Fahrer, der ihn schneidig von rechts überholt, hinterher; das ist keine eingebildete Männerphantasie, sondern ein Naturgesetz. Und ebenso ist es ein Naturgesetz, dass jeder Mann gerne einmal für einen Tag Jerome Kerviel wäre oder wenigstens Josef Ackermann, genauso wie fast jeder Mann in seinem cineastischen Leben schon einmal Bekanntschaft mit dem Frühwerk der Schauspielerinnen Michaela Schaffrath gemacht hat.
Das hier sollte keine Rechtfertigung sein. Es sollte nicht einmal ein Beschwichtigungsversuch sein. Es sollte nur eine nüchterne, vorurteilslose Deskription sein. Das Verschleiern und Kleinreden der wahren Energien, die in diesem Weltall wirken, gehört nämlich nicht nur zum Standardrepertiore der Presseabteilungen von AKW- oder Bohrinselbetreibern; es gehört ebenso und noch viel stärker zum Repertiore des tagtäglichen Selbstbetruges der „modernen Frau“.
Text 2006 zu Udo di Fabio Artikel “Die Zukunft des Sozialstaates”
Herrn Verfassungsrichter di Fabios Beitrag „Die Zukunft des Sozialstaates“ (FAZ vom 28.10.2006) bewirkt Unmut: Es ist offenbar an der Zeit darüber nachzudenken, ob in Zukunft per Volksentscheidung Verfassungsrichter entfernt oder per Veto die Vorschläge der Legislative für die Richter abgelehnt werden können sollten.
Der deutsche Sozialstaat fragt nicht danach, weshalb jemand bedürftig geworden ist, sondern er stellt es nach Kriterien fest. Die (moralische) Bewertung der Schuldfrage obliegt Religion und Wissenschaft, nicht dem Staat. Der Sozialstaat will auch nicht aus Kindern der Unterschicht innerhalb einer Generation Nobelpreisträger machen.
Der promovierte Soziologe di Fabio unterscheidet nicht einmal rudimentär zwischen den Kategorien Gemeinschaft und Gesellschaft. Er sieht gezielt davon ab, diese fruchtbar zu machen. Offenbar ist dies nicht Teil der luhmannschen Kunstwissenschaften. Seine permanente stillschweigende Priorität für Agonalität und ihren archaische Ursprünge ist mir in ihrer intellektuellen Banalität zuwider. Sein Freiheitsverständnis ist mehr ontologischer Art. Freiheit ist auch Nutzen. Offenbar zählt er zur Gruppe derjenigen Rechtswissenschaftler, die ein unzureichendes Verständnis von Ökonomie haben. Die Frage der Zukunft des Sozialstaates lässt sich nicht mit diffuser Kulturanalyse essayistisch beantworten, sondern bedarf moderner Sozialwissenschaft.
Die entscheidende Frage, welche Interessen hinter der von di Fabio zugespitzten Alternative „aktivierende Sozialhilfe“ oder „existenzsicherndes Bürgergeld“ bleibt offen. Dass Arbeit ein „zentrales Feld der tätigen Auseinandersetzung, mit dem der Mensch zur Persönlichkeit wächst“ stimmt nur insofern, als es um die Auseinandersetzung mit dem Nächsten d.h. Menschen allgemein, geht. Alles andere ist eine gänzlich unbürgerliche Philosophie. Vorsichtige Kenntnisse antiker Philosophie, notfalls auch die Lektüre Hannah Arendts, sollten die historische Kontingenz di Fabios „storytelling“ unterstreichen. In seinem Arbeitsverständnis geht es eher um eine bestimmte Vorstellung von Ordnung.
Wenn die Lohnnebenkosten zu hoch sind, weil teilweise neoplutokratische Strukturen Steuermoral und Sittlichkeit verderben, da sie ein Streben ohne Maß begünstigen, so dass das Gleichgewicht der Ordnung gestört wird, kann man das Verhältnis von Kapital- und Arbeitsankommen nicht von der Seite der durch den Sozialstaat angeblich gestörten Leistungsordnung betrachten. Die letztlich organologische Sprache von Subsidiarität und Gemeinschaft bringt keine neuen Antworten. Die Mitte wird nicht nur von der Unterschicht bedrängt, sondern auch von der Oberschicht.
Di Fabio konstruiert eine falsche Legitimationskrise des Sozialstaates, die an den neomarxistischen Habermas von 1973 erinnert. Die Menschenwürde leitet sich keineswegs von „Herr über das eigene Schicksal sein“ ab. „Der Herr ist mein Hirte“. Wer ist Herr Udo di Fabios? Hauche ihm eine Frau Geist ein. Auf seine Leistung darf man erst Stolz sein, wenn man damit zugleich etwas Vernünftiges damit anfängt. Es würde von mehr Demut zeugen, von Zufriedenheit zu sprechen. Leistungsfreude entsteht aus immanenter Anerkennung. Leistung misst sich an den Präferenzen anderer Dritter. Es kann nicht angehen, zu träumen, in den imaginären Himmel Scipios einzuziehen.
Realität ist, dass es in jeder Gesellschaft Menschen mit Existenzrecht gibt, die keinen herausragenden produktiven Beitrag im Sinne des überzogenen Begriffs der „Leistungsfähigkeit“ di Fabios erbringen können. Der Konservative weiß dies und rechnet damit ohne dies ernsthaft ändern zu wollen. Alles andere artet aus. Trotz allen Beteuerungen neigt di Fabio dazu, der Moderne mit Nietzsches Denken und einer Metaphysik der Vitalität ihren christlichen Geist auszutreiben. Ihm sind die Starken offenbar stets noch zu schwach.
Di Fabio ist ein Aufsteiger und wie so viele Aufsteiger in der Geschichte blind für Realitäten der Gesellschaft, aber noch voll von beflissenem Eifer. In di Fabios Kultur der Freiheit weht kräftig der Wind katholisch bemäntelter Vorsokratiker von Rechtsaußen. Ihm fehlt der Mut, die Eigengesetzlichkeiten der Moderne zu denken. Vielleicht ist er zu stolz für diese Leistung oder es fehlt der Eros dafür. Die Teilhabe daran ist nicht jedem automatisch gegeben.
1. Petrusbrief
“Legt also ab alles Üble und alle Arglist und Blenderei und Neid und alle Schlechtmacherei.”
1. Petrusbrief 2,1 (Übersetzung Fridolin Stier)
“Wie Neugeborene nach Milch schreien, so verlangt nach unverfälschter Redlichkeit. Diese Nahrung läßt euch heranwachsen, dem Ziel der Erlösung entgegen.”
1. Petrusbrief 2,2 (Übersetzung K. Berger / C. Nord)
Die Bibelstelle zum Zölibat – Matthäus 19, 12 – Vergleich verschiedener Bibelübersetzungen
Matthäus 19,12
Klaus Berger / Christiane Nord:
„Doch es gibt auch Eunuchen, die freiwillig auf die Ehe verzichten, wegen der Herrschaft Gottes. Sie haben sich sozusagen selbst zu Eunuchen gemacht. Denkt gut darüber nach!“ (S. 616)
Eugen Drewermann:
„Er aber hat ihnen gesagt: Nicht alle fassen dieses Wort, sondern nur die, denen es (von Gott) gegeben ist: Da sind Kastraten, die aus dem Mutterleib so geboren wurden; da sind Kastraten, die (künstlich) kastriert wurden von (anderen) Menschen und da sind Kastraten, die sich selbst kastriert haben um des Königtums der Himmel wegen. Wer das fassen kann, der fasse es.” (S. 181)
Einheitsübersetzung:
„Manche sind von Geburt an zur Ehe unfähig, manche sind von den Menschen dazu gemacht und manche haben sich selbst dazu gemacht – um des Himmelreiches willen. Wer das erfassen kann, der erfasse es.“
„Neues Leben“:
„Nicht jeder kann dies verstehen“, sagte Jesus. „Das können nur die, denen Gott dabei hilft. Manche werden unfähig zur Ehe geboren, andere werden von Menschen dazu unfähig gemacht, und wieder andere haben sich dafür entschieden, um des Himmelreiches willen nicht zu heiraten. Wer dies begreifen kann, der handle danach.“
„Die gute Nachricht“:
„Aber Jesus antwortete: „Was ich jetzt sage, können nicht alle verstehen, sondern nur die, denen Gott das Verständnis gegeben hat. Es gibt verschiedene Gründe, warum jemand nicht heiratet. Manche Menschen sind von Geburt an eheunfähig, manche – wie die Eunuchen – sind es durch einen späteren Eingriff geworden. Noch andere verzichten von sich aus auf die Ehe, weil sie ganz davon in Anspruch genommen sind, dass Gott jetzt seine Herrschaft aufrichtet. Das sage ich für die, die es verstehen können.“
Menge-Bibel:
„Es gibt nämlich zur Ehe Untüchtige, die vom Mutterleibe her so geboren worden sind; und es gibt zur Ehe Untüchtige, die von Menschenhand zur Ehe untüchtig gemacht worden sind; und es gibt zur Ehe Untüchtige, die sich selbst um des Himmelreichs willen untüchtig gemacht haben. Wer es zu fassen vermag, der fasse es!“
Neue Genfer Übersetzung:
Er erwiderte: »Das ist etwas, was nicht alle begreifen können, sondern nur die, denen es ´von Gott` gegeben ist. Manche sind nämlich von Geburt an zur Ehe unfähig, manche werden durch den Eingriff von Menschen dazu unfähig gemacht, und manche verzichten von sich aus auf die Ehe, um ganz für das Himmelreich da zu sein. Wer es begreifen kann, der möge es begreifen!“
Leider ein Trauerspiel: Katholische Würdenträger im Christentum
Ich sage es nicht gern: Manchmal muss man nur in die Gesichter mancher katholischer Würdenträger um zu sehen, dass das alles Jungfrauen sind. Sie können 80 sein, sind aber immer noch halbe Kinder. Außer gegenüber der Mama wissen sie nicht, was es bedeutet, eine Frau glücklich zu machen. Es ist übrigens auch ein Männerbild, dass ohne Vaterschaft auskommt. Auch in diesem Sinne stellt “verweiblichtes Verhalten” in der katholischen Hierarchie ein Problem für die gesamte Christenheit dar.
Die Fixierung auf das Kondom hat Papst Benedikt auf einen wahrlich einsamen Höhepunkt gehypt. Nun bedeutet ihm eine Fixierung gerade die unerwünsche “Banalisierung der Sexualität”. Genau die wurde jedoch erreicht. Außerdem wurde in einigen Artikeln von Journalisten das Kondom banalisiert. Das trifft auf die Texte von Klaus Badde und Daniel Deckers zu.
Es ist ja die katholische Kirche, die mit ihrer Lehre einen zutiefst piefigen, schwerst und hochgradig dörfischen Kult um die Sexualität veranstaltet, in der Verdammung als Sünde sich mit Lässlichem und Gnade abwechselt. Der Zölibat stellt ein Sexualopfer dar. Kastraten gibt es heute zwar nicht mehr, aber es grenzt an Selbstverstümmelung. Es opfert auch die Liebe. Insofern sind es unerfüllte, notorische Romantiker.
Letztlich stellt sich die Frage, ob die katholische Kirche in der Lage ist, ein Verständnis von Sexualität zu überwinden, in dem der Eros philhellenistisch der “spielende Knabe” bleibt. Ob Papst Benedikt überhaupt versteht, was Liebe ist, wenn er schreibt (2006:40): “Gefühle kommen und gehen”? Dies ist das überholte platonistische Verständnis, welches Gefühle als Seeleninhalte versteht.
Es bleibt ein Trauerspiel, wie sich die katholische Kirche mit ihrer Theologie und Sexualmoral selbst zusetzt. Im Kern ist das kein Problem der Moral, sondern ein Problem der Theologie. Dabei ist der Zölibat nichtmal ein Dogma. Zölibat ist eine symbolische Selbstkastration. Das steht sogar in Tradition heidnischer Priesterkulte der “Großen Mutter”. Die hatten sogar männliche Prostituierte, zugleich Priester. Wird so rund, warum der Papst männliche Prostituierte auffällig erwähnt?
Für die deutsche Christdemokratie stellt sich die Frage: Was bleibt ohne Kirche von den europäischen Volksparteien?
Literatur: Bendikt XIV.: Gott ist die Liebe. Die Enzyklika “Deus caritas est”, Herder 2006
Eine nationale Schande: Ist der katholische Priesterstand im Wesen auch ein Reservat für Misogynie und Homoerotik mit Schutzprivileg?
Viele führende CDU Politiker – so auch Christian Wulff in den Wochen vor seiner Wahl zum Bundespräsidenten- sprechen sich gegen den Pflichtzölibat aus. Reicht es, diese Frage als rein private Angelegenheit der persönlichen Moral zu sehen?
Ist für unsere öffentliche Ordnung legitim, dass der katholische Klerus seinen beamteten Priestern den sozialen, privaten und intimen Verkehr mit einer ebenbürtigen Frau auf Augenhöhe untersagt? Ist hier nicht ein Reservat der Misogynie?
Gleichzeitig duldet der Klerus massiv bewusst Homosexualität und vielfach eine homoerotische Atmosphäre in seinen Reihen, um einerseits Teile des eigenen Personals erpressbar zu halten, aber auch um attraktiv für dann völlig ergebene junge Männer zu sein, die geradezu hörig sind.
Die fehlende psychische Reife schafft den Boden für sexuelle Nötigung, sexuelle Gewalt, Vergewaltigung, Mißbrauch Abhängiger – ob männlich oder weiblich -; und für Pädophilie, für kranke perverse Kinderschänder, die perfide alle ihre Energie aufbieten, um den geweihten Raum der Kirche für ihr tyrannisches Begehren auszunutzen. Harte Fakten und qualitative Unterscheidungen können nicht durch scholastisch kunstvoll empirisch ausgebreitete Zahlen widerlegt werden, es handele sich eigentlich überwiegend nur um die historisch seit Platon bekannte Ephebophilie und betreffe keine Kinder, sondern Pubertierende.
Was meint Nietzsche mit “Du gehst zu Frauen? Vergiss die Peitsche nicht!”?
„Kleine Wahrheit“ vom „alten Weiblein“: Du gehst zu Frauen? Vergiss die Peitsche nicht!
1. „Jungfrauen“ = uneingeweihte, „ungeküsste“ Leser bzw. Gläubige. Peitsche=Liktoren
2. Du = Anfänger sollen ihr Geschlechtsteil nicht vergessen
3. Vergiss meine Peitsche nicht, die Macht der Mutter
4. „vergiss die Peitsche, nicht…:“ höchstes Stadium
5. Vergiss nicht die Peitsche der „Jungfrauen“, des Körpers der Dir gegenüber ungläubigen frommen Gläubigen
6. Peitsche: Schlange
7. Schreiben an … das Publikum denken
8. Verfolgung und Zensur – ungewogene Herrscher
Ernst Troeltsch 1924 über die “Massen demokratisierter Zeitalter”
Ernst Troeltsch schrieb 1924 besorgt wie konsterniert: “Die Massen demokratisierter Zeitalter kenne nur Liebe oder Haß, Bewunderung oder Verachtung, moralisches Recht und moralisches Unrecht. Wer sie in den Krieg peitschen will, muß diesen Masseneigenschaften Rechnung tragen …”
Gastbeitrag: Leiden am Sex: Über die emotionale Überforderung durch das libertäre Scheinselbstverständnis der Gesellschaft
von Jan “Pettre” Petter
Eigentlich habe ich mir schon seit Monaten vorgenommen, einmal über die schwierigen, aber alltäglichen Themen Beziehungsleben, Liebe und Sexualität zu bloggen. Wir sprechen darüber nur selten konkret, dafür umso öfter verklausuliert oder betont emotional. Beides gefällt mir nicht und dient letztlich wohl auch nur der Distanzierung. Dennoch oder gerade deswegen beschäftigen mich diese Themen sehr und (natürlich) auch unpersönlich und grundsätzlich.
Ich halte es für einen großen Fehler, dass wir uns heute gegenüber der Vergangenheit überlegen und wissender fühlen. Zumal diese Einschätzung nicht auf fortschreitender Aufklärung und hinzugewonnenem Bewusstsein basiert, sondern nur auf kulturell und gesellschaftlich transportierten Bildern. Woher das kommt, weiß ich nicht genau und will es hier auch nicht größer erörtern. Ich glaube allerdings, dass diese selbstgewisse Haltung dazu führt, dass wir uns für grundsätzliche Gedanken oft zu sicher und beschäftigt fühlen. Die dadurch erschwerte Charakter- und Wunschbildung überlagern wir umso öfter durch Konsum und Teilhabe an moderner Gruppenbildung. Damit meine ich besonders die ritualisierte Teilhabe an „etwas großem“ (nein, kein Gottesdienst) oder die Hingabe zu neu entstandenen Subkulturen mit eigenen Riten und Werten.
In diesem Wirr-Warr neuer und alter Selbstverständlichkeiten verlieren sich nicht wenige junge Menschen auf der Suche nach Liebe, Partnerschaft oder einfach dem richtigen Umgang mit der eigenen Sexualität. Heute gibt es vermutlich keine gesellschaftliche Institution, die diese Prozesse ernsthaft nachvollziehen und pädagogisch aufbereiten kann. 2011 ist der Aufklärungsunterricht eine verspätete Biostunde mit erhaltenem Kicherfaktor und verlorenem Sinn. Andere Themen wie Beziehungen, Partnerwahl oder alternative Sexualwünsche werden meist erst gar nicht thematisiert und gelten als reine Privatangelegenheit.
Dabei hat die Emanzipationswelle der 60er und 70er bis heute längst nicht alle Bereiche erreicht. Zumindest in meinem jugendlichen Umfeld, der süddeutschen Peripherie bei Stuttgart, haben sich bis heute nahezu durchgängig die alten Rollenmuster gehalten. Diese Beobachtung dürfte vermutlich auch auf viele andere Regionen zutreffen. Die Gruppe der (aus eigener Sicht) emanzipierten Bürger beschränkt sich daher zumeist auf Babyboomer aus dem linksliberalen Milieu. Jedoch waren auch hier die Epizentren der Emanzipation meist soweit entfernt, dass die praktizierte Realität nur wenig mit den Theorien Alice Schwarzers zu tun hat. Oft beschränken sich aufgeklärte Erwachsenen-Beziehungen daher auf kulturelle Progressivität und leben ansonsten in den altbekannten Mustern. Umso klassischer sind eigentlich die Verhaltensweisen meiner Generation geblieben. Viele Mädchen und junge Frauen fühlen sich mit ihren Gefühlen offensichtlich alleine und finden nach der relativ klar definierten Welt der Familie keinen vergleichbaren Rahmen für eine partnerschaftliche oder sexuelle Entwicklung. Umso klassischer suchen sie oftmals Halt in Freundschaft und Beziehungen. Da unter Gleichaltrigen jedoch selten ein Zuwachs an Erkenntnis oder Sicherheit zu finden ist, konzentriert sich dieses Verlangen umso stärker auf die klassische Beziehung zu einem älteren Jungen oder Mann.
Viele werden einwenden, dass dies schon immer so war oder dass Mädchen und junge Frauen reifer sind als ihre männlichen Altersgenossen. Ich glaube aber nicht, dass Erfahrungen in gleichdosierten Dosen je nach Alter vergeben werden. Nur weil ältere Jungen und Männer mehr Erfahrungen haben, bedeutet dies leider selten, dass es sich dabei auch um die gesuchte Selbstsicherheit handelt. Im Gegenteil. Gesellschaftlich und medial sind auch heranwachsende Männer gleichermaßen alleingelassen und unsicher. Zumindest nach meiner Erkenntnis zieht sich dieses Gefühl auch bis in die 20er-Zeit fort. Umso fataler ist aber doch, dass wir bis heute den männlichen Part auf die sexuell aktive Rolle und stärkere Hälfte reduzieren. Beziehungsweise: Dass die öffentlicher ausgelebte und medial stärker inszenierte Sexualität (und Pornografie) heute noch viel stärker auf junge Männer einwirkt, ohne dass es aufklärerisch angemessene Gegenmaßnahmen gäbe.
Die Folge ist eine überzogene Erwartungshaltung an die Sexualität, die meist vollkommen unerfüllbar ist und zumindest im Anfangsstadium (aber eigentlich immer) kaum rational eingeschätzt werden kann. Das Scheitern der männlichen Überposition ist also oftmals vorprogrammiert. Umso fataler ist, dass beiden Geschlechtern hier unklar ist, wie dies einzuschätzen ist. Während konservative Bewahrer auf die natürliche Vollkommenheit der (diskreten) Liebe pochen, verharmlosen (de facto vollkommen ahnungslose) libertäre Eltern und Lehrer die natürliche Vollkommenheit aller Perversionen. Beides hilft im jugendlichen Beziehungsalltag vermutlich wenig und erscheint mir oft sehr selbstbezogen und -gerecht.
Ich vermute, dass deshalb viele junge Männer den sexuellen Überdruck an ihren (Sexual-)Partnerinnen auslassen und das eigene Versagen auf diese abschieben. Der Mann will Dinge, die seine Partnerin nicht kennt und er nicht kann. Falls Sie (was vollkommen angemessen und sicherlich nur richtig ist) dann diese Erwartungen zurückweist, entsteht so erstmals eine sichtbare Hürde, auf die sich das Problem projizieren lässt. Unterbewusst (so bin ich überzeugt) entsteht so ein Machtgefälle, das sich fundamental anders begründet als früher, aber grundsätzlich genauso endet. Aus meiner Sicht ist es billig, dafür die jungen Männer noch zusätzlich zu beschimpfen. Natürlich gibt es auch in meiner Generation wahrnehmbare Sadismen, die einseitig zu Leiden und Unterdrückung führen und die jeder Mann anhand seines Verstandes erkennen und stoppen kann. Diese Verantwortung bleibt immer! Genauso billig wäre es, hieraus jetzt eine Moralkampagne gegen Pornografie oder möglicherweise sogar sexuelle Aufklärung abzuleiten. Wir wissen doch nicht zu viel, sondern eher viel zu wenig!
Um dennoch Halt und Sicherheit zu finden und einfach auch, weil Liebe und Sehnsucht noch nie auf gesellschaftliche Gegebenheit Rücksicht genommen haben, akzeptieren viele Mädchen und junge Frauen diese Verhältnisse und versuchen sich ihnen anzupassen, was allerdings nur teilweise funktionieren kann. Zusammen mit einer nicht realen, aber medial ständig vermittelten Umgebung des „Alles kann, nichts muss“, verfestigt sich bei vielen der nüchterne Glaube, dass jugendliche oder junge Beziehungen grundsätzlich unsicher und jederzeit absolut endlich seien. Entsprechend unsicher werden sie eingegangen, gelöst, wieder aufgenommen oder verraten. Auch hier sehe ich keinen dramatischen Werteverfall, der eine wirkliche Lust an der Beliebigkeit verraten könnte. Vielmehr fehlen eben auch hier vielfach die Antworten auf die nie öffentlich gewordene Fragen und Gedanken.
Da wir eben in einer Marktwirtschaft leben und Unsicherheiten und diffuse Bauchgefühle optimale Themen für eine hohe Auflage oder Quote sind, kann man von den Medien hier nicht wirklich eine Lösung erwarten. Dennoch verstört mich gelegentlich die Schamlosigkeit, mit der physische und psychische Probleme erst geschaffen und mit der nächsten Ausgabe dann wieder gelöst werden sollen.
Übrigens fordere ich nicht, dass in einer „guten“ Beziehungen beide Partner gleich sind. Sie müssen nicht einmal auf exakt der selben Ebene stehen, denke ich. Aber beide brauchen die nötigen Voraussetzungen, um das gemeinsame Handeln individuell abwägen und einordnen zu können. Das ist doch eine wirklich wichtige Grundlage.
Ich fände ein „Heute ist alles mögliche und irgendwie unsicher“-Fazit jedoch arg haltungslos und Spiegel-Online-artig. Ich glaube wie gesagt weder, dass sich das Rad der Geschichte zurückdrehen lässt (und man sollte es auch nie versuchen), noch, dass wir diese Verhältnisse als normal oder gegeben hinnehmen müssen.
Beruhigend ist auf der anderen Seite ja auch, dass sich unabhängig aller Möglichkeiten auch heute noch die meisten jungen Menschen vorstellen können, was sie suchen. Deshalb glaube ich vor allem, dass wir umso klarer und ernsthafter miteinander reden und diskutieren müssen. Nicht nur medial, nicht nur saisonal. Auch im Privatleben, in der Schule und letzten Endes natürlich auch gesellschaftlich. Wenn ich Sexualität spreche, rede ich über grundlegende, ohnehin vorhandene Gedanken und nicht nur meine eigenen. Dieses Bewusstsein brauchen wir wieder stärker. Auch wichtig wäre eine stärkere Selbstreflektion und mehr Respekt und Raum hierfür. Wir werden auch in einer besseren Welt noch mit Internetpornografie, schlechter Musik und obszönen Gedanken leben. Aber gerade deshalb brauchen junge Menschen auch genügend (geistige) Freiräume dies alles einzuordnen und zu verstehen. Und sie brauchen genauso eine klare Ansprache in der Schule. Gerne auch von außerhalb oder in Ergänzung zum eigentlichen Unterricht mit den vertrauten Lehrern. Dazu gehören aber nicht nur biologische Definitionen sondern eben auch offene Gespräche.
Jan Petter ist Jahrgang 1991 und twittert unter http://twitter.com/pettre
Anonymer Beitrag: Vom Elend des Mannseins
von unbekannter Autor
Wir leben im weiblichen Zeitalter. Das ist mittlerweile eine sozialpsychologische Binsenweisheit. Was dabei aber gerne übersehen wird, ist, dass die Männer mit ihrer neuen Stellung als schwaches Geschlecht nicht zugleich auch dessen überkommene Privilegien übernehmen konnten. Ihre Schwachheit duften Frauen, solange sie per definitionem als schwach galten, als solche ungehemmt zelebrieren, und dürfen es heute noch. Der Mann aber, als Tonangeber auratisch und mentalitär längst durch die Frau abgelöst, muss nach wie vor die Fassade des starken, unbeugsamen und vor allem unsentimentalen Beschützers und Haltgebers aufrechterhalten. In Zeiten höchst eingeschränkter Möglichkeiten des Sich-Auslebens fällt ihm dies allerdings zunehmend schwer. Wie soll sich jemand stark fühlen, der seine Stärke gar nicht mehr ausleben darf?
Es ist in der Mediengesellschaft ein offenes Geheimnis, dass Frauen, jungen Frauen insbesondere, das Karrieremachen wesentlich leichter fällt als Männern. Eine Frau braucht nur eine positive Ausstrahlung zu haben (und vielleicht leidlich gut auszusehen), schon hat sie das Praktikum, den Auftrag oder die feste Stelle. Bei uns Männern steht die Sache ein wenig anders: von uns fordert man Leistung, klar, aber vor allem den Glauben an die eigene Sache, ohne welchen einem auch die beste Leistung nicht abgenommen wird. Ein Glaube, der indessen nicht einfach zu finden ist, wenn es einem, wie den meisten jungen Männern von heute, doch primär einfach darum geht, ein gesichertes Auskommen zu finden, um sich einigermaßen bürgerlich – soweit dieses Wort noch zeitgemäß ist – im Leben einzurichten. Der Mann von heute ist in einer Weise auf die bloße Absicherung der eigenen Existenz geworfen, dass sich ein gesunder, sanguinischer Idealismus bei ihm kaum ausbilden kann – jedenfalls nicht, bevor gewisse Stufen auf der Karriereleiter erklommen sind. Das dauert in der Regel mindestens bis zum dreißigsten Geburtstag, meistens aber noch weit darüber hinaus.
Diese – objektive, nicht subjektive – Unfähigkeit zum Idealismus lässt den Mann von heute mit traumwandlerischer Sicherheit in die Schwermutsfalle tappen. Wie sollte einer nicht der Melancholie verfallen, dem jahrelang eine zwanghafte Zurückhaltung in der Selbstentfaltung, eine zwanghafte Beschränkung der eigenen Wert-Vorstellungen – Wert meint hier die „inneren“ Werte, also Ideale, ebenso wie die äußeren, also Lebensstil und Lebensgenuss – auferlegt worden ist?
Die Koppelung von äußerem Erfolg und privater Zufriedenheit sollte eigentlich ein Relikt voremanzipatorischer Zeiten sein. Tatsächlich aber gilt sie unverändert fort. Jede Frau von heute will zwar „ihren eigenen Mann stehen“, möglichst genauso erfolgreich, wenn nicht erfolgreicher sein als der Partner; aber das Mantra der „Suche nach dem Alphatier“, das Pragma des „natürlichen Instinkts“, den es nach dem Beschützer und Nestbauer verlangt, ist allgegenwärtig wie nur je. Auch heute suchen Frauen ihren Partner nicht danach aus, ob er gut aussieht, ein guter Liebhaber ist und möglicherweise sogar kultiviert und gebildet; sondern ob er in seinem Sozialcharakter in sich steht, und das heißt schlicht: ob er in der Karriere erfolgreich ist. Das jahrhundertealte Privileg der Frau, nur schön und gefällig sein zu müssen, um aus oftmals einfachsten Verhältnissen in schwindelnde gesellschaftliche Höhen aufzusteigen – erinnert sei an Madame Pompadour, eine geborene Poisson, die es dank ihrer Reize und ihres Charmes nicht nur zur Titularmarkgräfin, sondern zur faktischen Regierungschefin des mächtigsten Landes Europas im Achtzehnten Jahrhundert brachte –: dieses Privileg wird dem Manne in Zeiten seiner Ohnmacht radikal versagt. Der Mann soll schweigen in der Gemeinschaft; aber ein erfülltes Berufsleben (und einen entsprechend prallen oder doch gut gefüllten Geldbeutel) soll er bitte nach wie vor haben. Das aber ist ihm, wo Einkommensplätze immer mehr wegfallen und ein Praktikum, ein befristeter Vertrag schon als „Erfolg“ gewertet werden, zunehmend unmöglich.
Das von der weiblichen Mehrheitsgesellschaft dem Manne oktroyierte Dogma, zu seiner objektiv bedingten Erfolglosigkeit nicht stehen, also genau das nicht tun zu dürfen, was freilich die offizielle Frauenpublizistik gebetsmühlenhaft von morgens bis abends fordert: nämlich Gefühle zu zeigen, macht indessen nur die eine Hälfte des Männerelends von heute aus. Die andere liegt in einem kulturgeschichtlichen Phänomen, dessen Tragweite offenbar überhaupt nicht gesehen wird: im Wegfall des Agonalen, also des Kämpferischen, im Leben des Mannes in der Metamoderne. Sigmund Freund bestimmte, in Anknüpfung an uralte abendländische Traditionen, das Erotische und das Agonale, den Liebes- und den Kampf- bzw. Todestrieb, als die beiden Grundtendenzen der menschlichen Seele. Welchem der beiden Geschlechter welcher Trieb jeweils zuzuordnen sei, versteht sich unschwer.
Nun ist es allerdings so, dass es zwar in keiner Epoche seit dem Aufkommen des Christentums in Europa leichter gewesen ist, das Erotische auszuleben (was getrost als Punktsieg für die Frauen verbucht werden kann); dass aber das Agonale, also gleichsam die Gewinnchance des Mannes, aus dem öffentlichen Leben völlig verschwunden ist. Der Mann muss eben nicht mehr „hinaus ins feindliche Leben“ (denn dieses Leben, ob man im Büro sitzt oder am Arbeitsamt ansteht, ist zwar stressig und nervenaufreibend, aber nicht eigentlich „feindlich“, sondern bestenfalls abwechslungsreich), auch wenn genau diese romantische Erwartung nach wie vor und ziemlich penetrant von der Frauenwelt an ihn gestellt wird; sondern er ist verurteilt, die körperlichen Energien, welche die Natur ihm mitgegeben hat (dazu gehört auch ein gewisses, natürliches Maß an Destruktivität), in sich zu vergraben, sie ständig zu zügeln und vor sich selbst und den anderen konsequent zu verleugnen. Das hat zur Folge, dass sich irgendwann seine Persönlichkeit spaltet und er innerlich verkümmert. Der Mann ist heute, im Zeitalter der unbegrenzten Möglichkeiten, zur Doppelmoral und zum Doppelleben mehr gezwungen als je in Äonen zuvor: dessen drastischer Ausdruck freilich, ob im Konsum von Pornographie, von Gewaltspielen oder schlicht und klassisch von Alkohol und Drogen, schreckt die Frau.
Diese Beobachtungen werden niemanden verwundern, der sich etwa an eine Bemerkung erinnert, die der Journalist Alexander von Schönburg vor vielen Jahren in einem Beitrag zur Tristesse royale machte, wonach sich die jungen Menschen von heute nach einer neuen Schlacht an der Somme sehnen würden wie einst jene englischen Jungs, die 1914 in Scharen von ihren public schools freiwillig in den Ersten Weltkrieg zogen, um dort Erlösung von der implosiven Langeweile ihrer bürgerlichen Existenz zu finden.
Man darf derlei Äußerungen natürlich nicht wörtlich nehmen; man muss sie symbolisch und cum grano salis begreifen. Der Mann, jeder Mann liebt den Kampf. Wer als Frau jemals einen Mann am Steuer seines neuen Autos die Stadtautobahn hat entlangrasen sehen, weiß vielleicht, was ich meine. Der Mann lebt sich aus im Rausch des Augenblicks, die Frau in der Wonne der Dauer. Der Mann erinnert sich an die schönen Momente, die Frau an die schönen Zeiten des Lebens. Der Höhepunkt der Frau kann Minuten dauern, der des Mannes selten mehr als einige Sekunden. Die Frau lebt auf in der Ent-spannung, der Mann in der höchsten An-spannung. Männer stehen stramm und vergessen in der Gespanntheit ihrer Muskeln für Augenblicke die Leere ihres Daseins in der weiten, fremden Welt. Ein Mann, der auf der A 2 250 km/h fährt, tut das nicht, weil er die Umwelt verpesten, sich als „Proll“ outen oder vorzeitig Eingang ins Sterberegister finden möchte, und schon gar nicht, weil er unbedingt schneller am Zielort sein will (Ziele sind etwas zutiefst Weibliches); sondern weil er jene tiefe, allerhöchste Anspannung voll genießen und tief einsaugen will, die sich nur einstellt, wenn man mit einer Geschwindigkeit im Leben unterwegs ist, bei der die kleinste Unaufmerksamkeit dieses Leben selbst kostet. Es geht ihm ums Ganze, um Alles oder Nichts.
Nicht mehr kämpfen zu können, ist das eigentliche und wesentliche Trauma, der stärkste und bitterste Astralschmerz, den der europäische Mann vom Untergang des heroischen Zeitalters mitgenommen hat. Nicht die Aussicht, in der metamodernen Arbeitsteilung zunehmend mit kriegswichtigen Aufgaben wie Kinderwickeln und –anziehen betraut zu werden, betrübt den Mann, denn Männer sind wunderbare, weil zu echten Gefühlen fähige Väter und können unglaublich zartfühlend sein; sondern der Schmerz über den Verzicht auf das, was durch Jahrtausende sein Leben ausmachte und ihm einen Sinn gab: den Kampf. Denn den Kampf findet der normale Mann von heute außerhalb des Sports und der Unterwelt so oder so nicht mehr wieder; nicht in der Sicherheit des Bürojobs und nicht in der Unsicherheit der prekären Beschäftigung.
Der Adel sehnte sich einst nach dem Krieg, der ihn aus der langweiligen Öde seiner Gutsherren- und Höflingsexistenz herausrufen würde in die existenzielle Bewährung; das Volk aber sehnte sich nach der Revolution und danach, dass der Berg sich auftun und das Erz, was man mühsam und unter Einsatz des Lebens schürfen musste, sich von selbst dem bedürftigen Menschen darbieten würde; beide fanden in der Konfrontation mit dem Äußersten, dem Tod und der Not, ihre Erfüllung und ihre Befriedigung. Büchners Hessischer Landbote, eine Urschrift des Kommunismus, die in ekstatischer Sprache die kommende Umwälzung der Weltordnung beschwört, und Jüngers Kampf als inneres Erlebnis, ein protonazistisches Manifest, das in der schwärmerischen Verklärung des „Fronterlebnisses“ schwelgt, gehören geschlechterpsychologisch gesehen ins selbe Genre, in die selbe normative Kategorie; die Prosa Martin Walsers und Uwe Tellkamps aber ist Melancholikerprosa, ist schwermütige Deskription eines Weltzustandes, der für die Hauptpersonen, soweit es Männer sind, eigentlich nicht mehr Welt ist, sondern weltlos.
Früher weinten Frauen, weil sie ihre Männer und Söhne in Kriegen oder in Aufständen verloren, die, soweit man sie rational beurteilt, natürlich sinnlos, gewalttätig und falsch waren; die aber gleichwohl äußerlich das Innerste des Mannes: die wilde und rauschhafte Natur seines Willens, getreu abbildeten. Heute weinen sich Frauen bei ihren besten Freundinnen darüber aus, dass ihr Liebster, mit dem eben alles noch „so schön“ gewesen, sich beim genauen Hinsehn wahlweise als Melancholiker, Kokainkonsument oder Trinker entpuppt hat; nach außen ein Frauenschwarm, nach innen aber kreuzunglücklich und des Lebens ziemlich müde. Die Frauen haben zwar das Regiment in der Gesellschaft übernommen; aber über uns Männer weinen tun sie immer noch. Man kann es ihnen eben nie recht machen.

