Zeitgeist: Kampagne von ERGO trifft Politik und Bundesregierung ins Mark! Kreative Klasse fühlt dieses Stechen im Herz der Deutschen:
Falsche Versicherungen, täuschende Versprechen und Verträge mit Tücke. Das Geschäft mit der Verunsicherung durch das „politische Geschäft“:
So fängt die Geschichte im Werbeclip an: Vielleicht ist das eigene Fahrrad nachts geklaut worden, obwohl es angeschlossen war? Von Schicksals oder Lebens über’s Ohr gehauen? Was ist, wenn einen auch seine Versicherung überlistet? Oder Schadensfall durch Rowdytum oder Chaoten- ohne gute Versicherung ist man schnell schwer heruntergekommen wie der Passant, steckt aussichtslos in der Krise, und liegt allein machtlos am Boden. Mit einer guten und ehrlichen Versicherung, die einem die Treue hält, in die man so vertraut, dass es einen durch das ganze Leben hindurchträgt, ist alles halb so schlimm und nichts kann einen ernsthaft verunsichern. Wäre das nicht schön, wenn es real wäre?
Welche Leistung hilft gegen allgemeine soziale Verunsicherung? Was tut die Politik für die soziale Sicherheit?
“Was wollen Sie?” – “Nicht unverunsichert werden!” – Finanzkrise und Politik machen Gesprächsstoff für den Werbespot von ERGO. Ein junger Mann mit hellbrauner Lederjacke wirft die Frage in den Raum: “Was ist eigentlich schief gelaufen zwischen uns?” Der Mann spricht keineswegs von Liebeskummer und stürzt sich keinesfalls verzweifelt von der Berliner Brücke, auf der er steht, in die Fluten der Spree. Statt verschlungen zu werden vom Wasser und unterzugehen, strömt er flink mit Zuversicht aufwärts und nimmt die Bahn für den Weg heimwärts.
Mit wem spricht der junge dynamische Herr? “Habe ich irgendetwas getan, dass Ihr so komisch seid?” Zu wem genau besteht die Entfremdung? Sprach nicht Richard David Precht kürzlich in einem auf Bundespolitik und Parteipolitik bezogenen Kontext von “Entfremdung”? Der junge Mensch betont seine Unschuld, äußert Selbstzweifel und spielt die personifizierte Unschuld. Er rechtfertigt sich imaginär vor den Eltern dafür, nicht Rechtswissenschaften studiert zu haben. Anstelle der Fachsprache, also eines Soziolekts, von Juristen, wird die Sprache des allgemein verständlichen “common sense” eingefordert! Zum Rechtswesen besteht Distanz, d.h. es wird nicht an desssen Rechtschaffenheit und Gerechtigkeit geglaubt und darauf vertraut. Helfen Recht und Gesetz noch im Schadensfall? Wie steht es mit der Treue, Rechtsgefühl und Vertragsgehorsam? Dies ist die im Hintergrund schwebende Frag. Es ist die Gretchenfrage!
Die “skeptische Generation” (Helmut Schelsky) im Jahr 2010: Keine falschen Heilsversprechungen:
Versprechungen denunziert der junge Sympathieträger als “Weltraumforschung” und weist damit einen magischen Moment der Elterngeneration als Hybris brüskiert zurück. Hinter dem stillen Frieden des Weltalls sieht er nur das Symbol für Kriegsgott Mars, d.h. Streit, Krieg und Zwietracht, aber keine Sicherheit. Weltraum ist die Symbolgewalt eines „kalten Krieges“, ist fern der Heimat. Man will zu Hause sein, nicht in der Fremde. Es erinnert an die E.T. und Alf.
Zwische Heimat in der Provinz und dem Zentrum in Berlin – kreative Klasse macht mobil:
Den Zeitgeist oder eine charakteristische Situation und ihre Gestimmtheit zu treffen ist eine Handwerkskunst für Meister. Nun hämmert die Versicherungswirtschaft auf die Politik und die Bundesregierung ein: Will der Versicherungsriese ERGO die Regierung mit einem subversiven, hochviralen und latent provokanten und in der Substanz brisant subtilen suggestiven Werbespot nebst einer Millionenkampagne durch gezieltes Framing ins Taumeln bringen? Als Regisseur wurde Simon Verhoeven verpflichtet, der Sproß von Senta Berger. Der Spot zeigt sowas wie einen Idealtypus eines Mitgliedes der jungen “kreativen Klasse” um die 30. Dieser sehnt sich nach der Erfüllung des Symbolgehaltes, der von ihm geschätzten Tradition, gepflegtem Trendsetting und geschätztem Retrostil.
Der Deutsche sucht Sicherheit. Ihr Mangel ist ihm wesenseigen. Sich abzusichern und sein Recht zu sichern gegen die Wechselfälle und Schadensfälle ist von kaum zu überschätzender Wichtigkeit.
Auch ohne Adorno gegen beschädigtes Leben:
Das Heil steckt im suchenden Streben nach dem unbeschadeten wie unbeschädigtem Leben. Zerbrochen sind Zusicherungen. Kein schriller Ton oder Monotonie soll Harmonie stören. Ziel ist das, was Einklang stiftet. Wer kann Abhilfe schaffen und glaubhaft Schäden versichern? Wie lässt sich unerschrocken leben?
Eine prägnante Bildsprache holt die Gesellschaft und vor allem die Politik ein:
Wer bietet Sicherheit, wenn die Politik es nicht mehr tut? Die Kräfte der Elterngeneration sind geschwunden. Der Ablauf der Bilder deutet auf eine begehrte Lebenspraxis hin: Ersehnte, erstrebte und gewünschte Element wären laut Werbespot, der auf eine exemplarische Repräsentation mit symbolischer Prägnanz auf die Präsenz von Sinngehalten durch die kreierte Identifikationsfigur setzt, folgendes: Rundum sorglos umgeben, in der Bahn schwebend auf Augenhöhe, Aufstieg mit gediegender Holztreppe, Stiltür, solidem Schrank mit natürlichem Massivholz, und vor allem die gesicherte und versicherte Existenz und damit auch einen geschützten, beschützenden finanziell abgesicherten Lebensmittelpunkt.
Ein Dokument des sozialen und politischen Wunsches nach Sekurität und Bürgerlichkeit
Es geht um politische und soziale Sekurität. Es geht um gesicherte Bürgerlichkeit. Dieser will man sich versichern. Die allgemeine Sorge gilt der Bewahrung und Schutz von Besitz und generationenübergreifend erarbeitetenden Gütern. Auch das ist Generationengerechtigkeit. Die Privatisierung der Rente und die Individualisierung sozialer Sicherheit sind keine Antworten. Die Faszination und die Macht ökonomischer Heilsversprechungen ist erloschen. Das zeigt aktuell der Absturz der FDP und der Aufstieg der Grünen.
Kein Primat der Politik mehr: Was ist Politik ohne glaubhafte Versicherungen wert?
Laut Spot liegt der Primat für authentische Versprechungen und die Sicherheit für das, was da ist, nicht mehr bei der Politik. Das ist bezeichnend für die deutsche Gegenwart. Der Stolz auf den durch Leistung erreichten Status steht in Frage. Man ist verunsichert. Niemand scheint zu wissen, wie man im Verhalten auf das Einstürzen und das Wegbrechen vertrauter alter Sicherheit und treuer Versprechungen zu reagieren hat. Wie ist auf Verunsicherung zu antworten?
“Zukunft braucht Herkunft” (Odo Marquard) oder die Macht und erstaunliche Hochkonjunktur des “Modernitätskonservatismus”:
Der Ablauf der Szenen gerät förmlich zur Galerie einer Ikonographie bundesdeutscher Sehnsüchte und zur Manifestation der Grundwerte des nationalen Sozialmodells und der Kulturwerte der Mittelschicht. Die Dynamik der Bilder lässt ebenso ein fluchtartiges, suchendes wie heimwärtsstrebendes Cocooning mit auffallenden Brauntönen zu Geltung kommen. Die gesammalten weitern Kennzeichen symbolisieren einen ausgeprägte soziale Präferenz und dokumentieren den erklärten politischen Willen für eine ökonomisch, sozial und politisch abgesicherte Existenz. Diese Sprache spricht das Bildmaterial. Dazu gehört die gewünschte gesicherte Geborgenheit mit einer Sehnsucht nach Holz, mit Bildern von sicheren Brücken, Wasser, Stahl, Bäume, sogar einem älteren 3er BMW vor einem sanierten Altbau, die den Weg hoch in in die eigene Wohnung säumen. Wer renoviert Deutschland und was saniert die Politik, so dass alte Beständigkeit heimkehrt?
Wider Heimsuchung und den garstigen Ungeist der Zeit
Von Heimsuchungen möchte man verschon werden. Vertreter und Politiker sollen nicht zugeknöpft sein. Besuchende sollen keine Fragen offen lassen! Wie ein “Dichter und Denker” textet der Protagonist schwungvoll und beschwingt mit einem flotten und smarten Lächeln auf den Lippen.
Gemütlichkeit ohne Biedermeier
Die Szenerie zeigt auch die urtypisch deutsche Gemütlichkeit in neuer Gestalt. Sie kombiniert das Urige mit hellen Farben, Licht, weiteren Lounge Elementen und skandinavischem Design. Es wird improvisiert. Bequemlichkeit und Rückzugspunkte garantieren Wohlfühlatmosphäre. Der Verlust an Heimat wird kompensiert. Die Kontinuität zu den 70er Jahren und die Technik der 80er Jahre ist unübersehbar. Die zarte, ungefährilche Sirene Norah Jones trällert sanft im Hintergrund. Hier darf man arglos sein: “Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein!” (Goethe, Faust I). Der Clip demonstriert Zivilität, Stil und Kultiviertheit!
Quo vadis Nachwuchsbürgerlichkeit
Die Befindlichkeit und das Behagen der findigen, aber relativ arm an reifer sozialer Orientierung vorwärtsstrebenden bzw. stolpernden deutschen Nachwuchsbürgerlichkeit in Berlin klagt über das Stammeln. Es betrifft sowohl die Endverbraucherbeziehungen als Kunde und als Bürger. Jeder Bürger ist ein Grund. Es gibt 82 Millionen Gründe. Der Anzeigentext spielt auf die Bevölkerung an. Wenn das nicht auch politisch ist, was ist es dann?
Trend: Werbung verspricht vollmundig neue Praxis mit Verzicht auf “Denglisch”
Schwer “contemporary” ist der massiv promotete Claim, der ganz ohne Denglisch auskommt: “Ich will versichert werden, Nicht verunsichert”. – “Versichern heißt verstehen.” Als Gegensatz zu den bewegten Bildern im Spot erscheint aufsteigend und maximal entgegengesetzt unbewusst ein inneres Gegenbild in der Seele herauf. Der Kontrast zum jungen Mann mit dezentem Bart und modernem Kopfhörer wäre der etablierte, gealterte “Bonze” im gediegenen Chefsessel mit Büro, der es geschafft hat und arrivierten Status einnimmt und genießt. Aber diese Zeiten mit der selbstverständlich festen Stelle und fester Arbeitszeit sind vorbei. Das deutsche Wirtschaftswunder scheint ermattet und erschöpft. Es kann die Frische seiner jungen Generation gar nicht aufnehmen und integrieren. Die Wertschöpfung leidet. Jeder leidet an Verunsicherung.
Manifestierung der privaten Autonomie: eminent politisch!
Das Ende der Szenen ist bewusst mehrdeutig. Zum einen sagt es etwas aus wie: “nichts hören”! Man liebt Musik. Der eminent politische Gehalt besteht in einer vehement proklamierten privaten Autonomie. Gleichzeitig ist die Massengesellschaft und sind die traditionellen Massenmedien am Ende. Denn der junge Bürger schottet sich mit Kopferhörer ab. Das ist eine typische Szene aus dem Alltag mit Symbolcharakter. Politisch entscheidend ist der Gehalt: Jeder ist sein eigener Dirigent und DJ. Es wird im eigens geschaffenen Heim die eigens ausgewählte Musik gehört und störendes Fremdes wird abgewählt. Der Spot zelebriert und demonstriert hier mit Selbstbewusstsein die Selbstbestimmung des Bürgerlichen. Autonomie meint Selbstgesetzgebung.
Statt wie die 68er Individiualismus – gar Autarkie auf der eigenen Scholle – Vernetzung und “Strukturwandel zur Öffentlichkeit 2.0″
Monotone “Sprachregelungen” und betuliche Flosklen versprechen keine Sicherheit mehr und können kein Versprechern gleich welcher Art verlässlich versichern. Wozu taugt der Staat als Garant noch? Bürger und Privatwirtschaft sind auf sich selbst gestellt? Autonomie und Individualität sind gewünscht, Selbstbezogenheit Individualismus und Autarkie nicht erstrebt. Die Vernetzung stellt den herausragensten Unterschied zur andauernden seelischen Selbstbespiegelung der 68er dar. Und Vernetzung ist nicht privat, sondern öffentlich mit sozialem Anspruch auf Gestaltung von Gesellschaft und Öffentlichkeit: Strukturwandel der Öffentlichkeit 2.0
What’s next?
Der Blick des Mannes und seine jungen Kraft steht für intensive Wachheit und Klarheit. Der, der die Musik hört, hört ganz genau hin und summt still mit, ist dabei ganz für sich, aber mit allen anderen vernetzt. Ergo?
Alle Rechte liegen bei Christian Edom und sind – außer in den engen Grenzen des Urheberrechts – etwa bei Verwertung in Pressespiegeln und ähnlichem zu erwerben.


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Der neue Werbespot der ERGO Versicherungsgruppe « Aktuelles zur ERGO Versicherung, Hamburg-Mannheimer, Beamtendarlehen und Beamtenbesoldung
28. Juli 2010 um 14:18
Lieber Christian Edom,
einen ganz herzlichen Dank für diese ausführliche Interpretation des ERGO Werbespots. Ich war so frei, Ihren Beitrag bei uns im Blog unter http://www.beamtenkapital.de/ergo-werbespot/ zu verlinken.
Weiter so und herzliche Grüße.
Marcel Winterhoff
Marcel Winterhoff
28. Juli 2010 um 14:24
Gern geschehen. Das sind spannende Bilder die vielfältig zu interpretieren und deutbar sind. Auf jeden Fall ein Aufbruch im Versicherungsgeschäft und auch für das “politische Geschäft”, wie Angela Merkel in BUTNE kürzlich den Betrieb im Regierungsviertel nannte.
”Des Pudels Kern” beim Spot von ERGO ist die süffisante Überlegenheit und selbstbewusste Macht des Bürger / Kunden, der die Musik bestellt!
1. Der Clip demonstriert Zivilität, Stil und Kultiviertheit!
2.Der eminent politische Gehalt besteht in einer vehement proklamierten privaten Autonomie.
3. Der Spot zelebriert und demonstriert mit Selbstbewusstsein die Selbstbestimmung des Bürgerlichen. Autonomie meint Selbstgesetzgebung.
Essenz ist, dass Urteilskraft geschmeichelt wird, dass aufgebaut und motiviert wird anstatt herabzusetzen, wie es aktuelle häufig durch Spitzenpolitiker geschieht.
edomblog
28. Juli 2010 um 14:53
Vielen Dank für diese sehr interessante und analytisch umfassende Interpretation des Spots.
Stefanie
1. August 2010 um 22:54